Alain Claude Sulzer – Postskriptum

Bei der Lektüre eines Buches fällt es mir manchmal nicht leicht, die Grenze zwischen realem Bezug und dichterischer Freiheit zu erkennen. Das betrifft vornehmlich jene Bücher, die sich in einen historischen Kontext einfügen und nicht klar machen, ob sie nun ausschließlich fiktional sind oder nicht. Alain Claude Sulzers neuer Roman „Postskriptum“ ist so ein Buch. Je länger ich las, desto mehr wollte ich wissen, wie real die Personen, die Orte und die Begebenheiten waren.

Zuallererst natürlich die Hauptfigur: Lionel Kupfer. Ein Star von Bühne und Film, von gleichem Rang wie Marlene Dietrich, den jeder erkennt und bestaunt. Ein bedeutender Schauspieler also, der sich regelmäßig zur Erholung und Vorbereitung auf neue Engagements in einem Luxushotel im schweizerischen Sils-Maria einfindet. Das Hotel Waldhaus gibt es tatsächlich, noch heute existent als familiengeführtes 5-Sterne-Hotel, gelegen in einmalig idyllischer Lage. Auch die sich dort einfindene Prominenz, wie die weltbekannten Autoren Thomas Mann und Hermann Hesse, sind keine Erfindung, sondern besondere Geschichte eines Ortes, der vorallem den Wohlhabenden und Erfolgreichen gehört.

Im Januar 1933 hält sich besagter Schauspieler im Waldhaus auf. Die Ereignisse in Deutschland spitzen sich zu. Hitler wird gewählt, das fest geplante Filmprojekt irgendwann undurchführbar, die Karriere steht plötzlich am Scheideweg. Kupfer ist nicht nur Jude, sondern auch homosexuell. Seine Beziehungen hält er geheim. Es sind andere Zeiten, der gesellschaftliche Konsenz über den Umgang mit Homosexualität noch weit entfernt. Viele Männer gehen eine Scheinehe ein, so auch Kupfers junger Liebhaber Eduard, ein Kunstverständiger, der in Wien mit einer Opernsängerin lebt. Auf den Urlaubskarten Kupfers verschwinden deshalb die Liebesbotschaften an ihn  -schönes Geheimnis! – unter der Briefmarke. Unentdeckt bleibt dies nicht, denn Walter, der ansässige Postbeamte, ist ein heimlicher Fan des großen Stars. Eine Annäherung an seinen Schwarm, sein größter Wunsch. Was folgt ist eine Liason auf Zeit in einer unterschiedlich empfundenen Bekanntschaft.

Die politischen Entwicklungen in Deutschland und Europa bewirken Veränderungen in vielen Lebensläufen. Wie es den drei Hauptprotagonisten ergeht, erfährt man in „Postskriptum“ ebenso, wie die anrührende Geschichte von Walters Mutter, einer einfachen Frau, die die Nähe zu ihrem Sohn sucht, mit seiner Zurückhaltung ihr gegenüber jedoch überfordert ist. Alain Claude Sulzer spannt den Bogen bis in das Jahr 1963. Die zeitliche Chronologie springt zwischen den Jahren, am Ende hat man als Leser ein komplettes Bild über die verschiedenen Lebenswege.

Während des Lesens beschäftigte mich, wie eingangs erwähnt, die Frage nach den echten Vorbildern. Im Fortgang von „Postskriptum“ gibt es weitere Hinweise auf Lionel Kupfers Wirken. Ein Engagement im Visconti-Film „Bellissima“ führt den im amerikanischen Exil lebenden Mimen wieder zurück nach Europa. Am Ende lässt der Autor meine Bemühungen, eine reale Person zu finden, scheitern: Er enttäuscht seine Hauptfigur, in dem die gedrehten Szenen nicht in der Endfassung des Films vorkommen.

„Postskriptum“ ist ein kleines, feines Buch, in dem der Autor geschickt Bezüge zur Gegenwart herstellt. Eindrücklich in Erinnerung bleibt hier die Rolle Eduards bei den sogenannten Hausbeschauen. Sein Mitwirken am Kunstraub der Nationalsozialisten, zuletzt war das Thema mit dem Fall Gurlitt in den Schlagzeilen, steht für die Verstrickung von Kunstexperten bei der willkürlichen Enteignung von privaten Besitztümern und deren zwielichtige Rolle bei der Veräußerung der Waren, die in vielen Fällen zu persönlicher Bereicherung führte.

Der neue Roman von Alain Claude Sulzer hat mir außerordentlich gut gefallen. Die präzise und wohl dosierte Sprache formt dieses Buch zu etwas Besonderem. Sie erzeugt Sensibilität und Feingefühl, und sie trägt den Leser mit einer Leichtigkeit durch die Zeiten und die Schicksale, dass es ein wohltuender Genuss ist. Nach „Aus den Fugen“ hat mich der Schweizer Autor erneut mit seiner ruhigen Art des Erzählens überzeugt. Man darf diesen Schriftsteller entdecken – mich hat sein sprachliches Vermögen jedenfalls tief beeindruckt!


ALAIN CLAUDE SULZER, „Postskriptum“, Galiani Verlag

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