E. L. Doctorow – In Andrews Kopf

Ich hatte mich sehr auf das Erscheinen des neuen Romans von E. L. Doctorow gefreut. Leider wurde die Freude durch die Nachricht seines Todes im Juli getrübt, gehört Doctorow doch zu den Autoren, mit denen ich meine Vorliebe für die amerikanische Literatur verbinde. Sein Roman „Ragtime“ war eines der ersten Bücher aus dem Regal der „Erwachsenenliteratur“, dass ich gelesen habe. Mit „Billy Bathgate“, dem Jungen an der Seite des Gangster-Bosses Dutch Schultz (wunderbare Verfilmung mit Dustin Hoffman), war ich schließlich zum treuen Leser geworden.

Doctorow gilt in Amerika als Autor, der historische Stoffe in anspruchsvolle und trotzdem verständliche Romane verpackt. Seine mit Preisen ausgezeichneten Bücher gehören zum Kanon der amerikanischen Literatur. Eines der herausragendsten Werke von ihm ist für mich der Roman „Der Marsch“, in dem der amerikanischen Bürgerkrieg thematisiert wird. Wie nebenbei erhält man eine Lektion in amerikanischer Geschichte, während Doctorow eine bunte Mischung von Protagonisten in die historischen Ereignisse einbindet. Sein Augenmerk gilt den Beteiligten, egal welcher Herkunft sie sind oder auf welcher Seite sie stehen. Tiefgründig beleuchtet er menschliche Verhaltensweisen und lotet die humanen Grenzen innerhalb eines Krieges aus.

US-Präsident Barack Obama würdigte Doctorow nach seinem Tod:

„E.L. Doctorow was one of America’s greatest novelists. His books taught me much, and he will be missed.“

„In Andrews Kopf“ ist nun das letzte Werk des Dichters, ein schmales Bändchen, dass seine Anziehungskraft sofort entfaltet und vom Leser absolute Aufmerksamkeit erfordert. Am Ende wird man mit einem außergewöhnlich konstruierten und ziemlich komischen Buch belohnt.

Augenscheinlich handelt es sich hier um eine amerikanische Lebensgeschichte: Zwei Ehen, zwei Kinder, zwei Schicksalsschläge. Glück und Unglück liegen nah beieinander, Schuldfragen werden aufgeworfen. Es ist das Leben eines Wissenschaftlers, Andrews Leben. Doch das erfährt man auf eine äußerst ungewöhnliche Art und Weise. Zu Beginn muß man sich als Leser erst mal orientieren und die Fragen klären, wer hier mit wem spricht und um wen es geht? Genaueres über die Gesprächssituation und die Umstände, die zu dieser Konstellation geführt haben, erfährt man nur in kleinen Hinweisen. Leicht macht es Doctorow gerade am Anfang seinen Lesern nicht. Vielleicht hat man am Ende eine bessere Vorstellung, ganz sicher kann man sich aber nicht sein.

Das liegt an der zentrale Frage: Wo befinden wir uns? Nur in Andrews Kopf oder in der realen Welt?

Andrew, soviel ist klar, führt ein Gespräch mit einem Psychologen, der von ihm mal mehr oder weniger liebevoll Doktor genannt wird. Die Zweifel an dessen Kompetenz sind eine ständige Tendenz in diesem vermeintlichen Dialog. Kommuniziert wird auch schriftlich, angeblich aus dem Urlaub. Ist Andrew also ein freier Mann? Oder existiert diese Realität nur in Andrews Kopf? Das Gespräch der beiden wird anscheinend unterbrochen und zu späteren Zeitpunkten fortgeführt. Warum das so ist oder ob es überhaupt so ist, wird nicht schlüssig geklärt.

„Wenn Bewusstsein ohne Welt existiert, dann ist es nichts, und wenn es die Welt braucht, um zu existieren, ist es immer noch nichts.“

Eines läßt sich mit Sicherheit sagen: Mit Andrew stimmt etwas nicht. Wenn er von sich berichtet, springt er von der Ich-Form in die 3. Person und erzählt wie über eine guten Freund. Seinen Gesprächspartner scheint das nicht zu irritieren, zumindest bemerkt er dazu nichts. Was weiß er, was wir nicht wissen? Oder gibt es den Doktor am Ende gar nicht und auch seinen Part übernimmt Andrew?

„Wir sind alle Täuscher, Doktor, sogar sie. … Die Arbeit des Gehirns besteht darin, etwas vorzutäuschen. Das ist seine Funktion. Das Gehirn kann sogar vortäuschen, nicht es selbst zu sein.“

Dass Andrew Kognitionswissenschaftler ist, damit ein Experte für alle Formen der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung des Menschen, verstärkt die ständige Unsicherheit, die man als Leser mit sich trägt und regt die eigene Fantasie gehörig an: Wahrheit oder Täuschung?

Doch Doctorow wäre kein so großer Erzähler, wenn er es nur bei einem Psychospiel belassen würde. Ein Höhepunkt dieses Romans ist die lächerliche Szenerie um einen amerikanischen Ex-Präsidenten, der Andrews ehemaliger Studiengefährte war und ungenannt bleibt. Um wen es sich bei diesem aufs peinlichste dargestellten Mann handelt, kann man sich leicht denken. Die bitter-böse Darsrellung lässt keinen Zweifel, dass Doctorow nicht die geringsten Symphatien für den ehemaligen Staatsführer und seine engsten Mitstreiter hegt. Die Passagen um das Weiße Haus sind wunderbar absurd, legen die Unzufriedenheit Docrorows mit den Bildungs-Dilettanten an der politischen Spitze schonungslos offen.

Sicherlich ist „In Andrews Kopf“ ein Nebenwerk Doctorows, doch für ein paar Stunden unterhält dieses Buch mit seiner unaufgeregten Erzählweise und seiner undurchsichtigen Konstellation auf eine spielerische, ja detektivische Art sehr wohl.


E. L. DOCTOROW, „In Andrews Kopf“, Kiepenheuer & Witsch

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