Jonathan Franzen – Unschuld

Ich gebe zu, es war ein besonderer Augenblick, das neue Buch von Jonathan Franzen in den Händen zu halten. Besonders, wegen meiner Vorfreude, denn der Autor hatte mir mit seinen beiden Romanen „Die Korrekturen“ und „Freiheit“ großes Lesevergnügen bereitet. Franzen, der „Star“ der amerikanischen Gegenwartsliteratur, war in den letzten Wochen in allen Medien präsent, die Erwartungshaltung an sein neues Werk entsprechend hoch. In der Regel sorgt die vorgefasste Haltung der Leser bei den Nachfolgewerken eher für Enttäuschung. Für Franzen scheint das nicht zu gelten. Die Kritiken waren positiv und auch zu meiner Freude ist wieder ein erstaunlich gutes Buch entstanden.

Der über 800 Seiten umfassende Roman enthält Figuren aller Altersklassen mit ihren generationstypischen Problemen. Bereichert wird das ganze mit einem Ausflug in die neuere deutsche Geschichte.  Das alles irgendwie miteinander verknüpft ist, gehört zur guten Konstruktion dieses umfangreichen Romans. Jedes Kapitel bleibt einer Hauptfigur treu, die durchbrochene Chronologie gefällt dabei. Der Roman ist handlungsorientierter als seine Vorgänger, springt durch Kontinente und Zeiten und enthält auch einen Kriminalfall. Doch das soll jeder selbst entdecken, denn…

…es ist schon sehr viel zu diesem Roman gesagt und geschrieben worden. Mir persönlich sind beim Lesen nicht alle Themen so präsent gewesen, wie es viele Rezensenten analysierten. Ich hatte Freude an gut herausgearbeiteten Figuren, die mir symphatisch waren oder aus denen ich nicht recht schlau wurde; die mir also Raum zum Nachdenken gaben, mich reflektieren ließen, wie ich die Gedanken, Handlungsweisen und Gefühlslagen einordne. Ich habe wunderbare Dialoge gelesen, die in allen ihren Formen authentisch wirkten, ob trauriger, einfühlsamer oder streitbarer Natur und denen es nicht an Humor fehlte.

Franzen holte mich in der eigenen Vergangenheit ab, im Ost-Berlin der 80er Jahre und der Wendezeit. In diesen Passagen schärfte sich mein Blick auf die Darstellung der örtlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten. Ich begann mich zu erinnern und konnte die damaligen Verhältnisse wiederfinden. Der oft kritisierte Vergleich zwischen DDR und Internet, der am Ende zu finden ist, hat sich mir nicht so in den Vordergrund gedrängt und stellt sich mir eher als ein Detail in diesem Buch dar. Viel stärker wird die Frage von Schuld und Unschuld thematisiert. Diese steigert sich bei einigen Figuren bis zur Theatralik. Mir erschien dieses Leiden manchmal zu ausgeprägt, fast schon krankhaft.

„Unschuld“ ist ein unglaublich sprachfertiges Werk, das bei mir trotz des Umfangs keine Langeweile aufkommen lies. Vielleicht ist der ein oder andere verschachtelte Satz zu kunstvoll geraten und stört den Lesefluß; alles in allem unterhält Franzen während des gesamten Romans. Sein Interesse liegt immer nah an den Personen, ihren Gefühlen und Empfinden. Mit der deutschen Geschichte, der aktuellen Problematik von Internet und Überwachung hat er gesellschaftliche Themen eingearbeitet, die die jüngere Geschichte prägen. In diesem Sinn hat sich Franzen mit seinen drei letzten Romanen  von der Mitte des letzten Jahrhunderts in die unmittelbare Gegenwart vorgearbeitet. Deutlich erkennbar sind die verloren gegangenen familiären Strukturen. Schon in „Die Korrekturen“ waren die Bünde der Familie schwer zu halten,  in „Freiheit“ zeigten sich Auflösungserscheinungen und Patchworkmuster. In „Unschuld“ finden sich völlig aufgelöste Beziehungsmuster, in denen die Figuren in zersplitterten Gruppen agieren, die nicht vom Zusammenhalt geprägt sind, sondern eher dazu tendieren sich voneinander abzukapseln.

Man darf gespannt sein, welche Thematik ein neuer Roman haben wird. Sicher vergeht bis dahin wieder eine Weile. Doch das Warten hat sich bis jetzt immer gelohnt!


JONATHAN FRANZEN, „Unschuld“, Rowohlt Verlag

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