Ryu Murakami – Coin Locker Babys

Ryu Murakami ist einer der Autoren, die schon lange in meinem Kopf herumgeistern. In diesem Jahr bot eine Neuerscheinung nun den Anlass für ein Kennenlernen des japanischen Namensvetters von Haruki Murakami. Beide sind nicht miteinander verwandt und auch literarisch – zumindest nach dieser Lektüre – bewegen sie sich eher in unterschiedlichen Welten. Ryu Murakami, der auch als Filmregisseur arbeitet („Tokio Dekadenz“), hat ein eher düsteres Japan vor Augen, dass nichts mit dem zum Teil märchenhaft-verträumten Szenarien bei Haruki Murakami zu tun hat.

Der Titel des Buches sei erklärt:  Als Coin Locker Babys werden in Schließfächer ausgesetzte Säuglinge bezeichnet. In der Regel sterben sie vor ihrem Auffinden. Grausam und mörderisch ist das, weil die Mütter den sicheren Tod des Kindes unter qualvollen Bedingungen in Kauf nehmen. Hashi und Kiku, die beiden Hauptfiguren des bereits 1980 erschienenen Romans, überleben diesen Akt auf wundersame Weise; vergessen werden sie ihre Herkunft als Coin Locker Babys jedoch nie.

Die Jungen treffen in einem Waisenhaus aufeinander und erleben – nach der späten Adoption durch Pflegeeltern – auf einer verfallenden Insel ihre Kindheit gemeinsam und fühlen sich dadurch wie Brüder. Die beiden sind allerdings völlig unterschiedlich. Hashi, der eher schwächlich wirkt, ist ein kommunikativer Typ und erfreut sich einer gewissen Beliebtheit. Der verschlossenere und stillere Kiku dagegen ist sehr sportlich und setzt lieber seinen Körper als seine Sprache ein. Die Welt in der sie aufwachsen und leben ist keine besonders schöne: Zunächst ist es das Waisenhaus, später sind es die Ruinen einer verlassenen Fabriksiedlung die für die Jungen als Abenteuerspielplatz dienen. Ein Giftghetto inmitten von Tokio, das Lebensort für Ausgestossene aller Art ist und das wie ein Gefangenenlager bewacht wird, ist der erste Lebensmittelpunkt von Hashi nach seinem Weggang von der Insel.

Alles was in diesem Buch passiert, hat seine Grundlage im Ausgangspunkt des Romans: Dem Aussetzen der Kinder in den überhitzten Schließfächern und die dabei empfundene Todesangst. Dies hat, so erklärt ein Arzt es später, deutliche Auswirkungen auf ihre Psyche. Offenbar wird dies an den immer wieder auftretenden Panikattacken und dem Abdriften in eine Welt fern der Realität. Diese Träumereien oder Wahnvorstellungen zerstören immer wieder die Entwicklung in ein normales Leben und in eine familiäre Beziehung. Zukunftsperspektiven für ein besseres Leben bieten sich allerdings: Hashi steigt zu einem gefeierten Musikstar auf und Kiku hat Potential für den Spitzensport. Nutzen aus ihren Chance ziehen sie nicht. Bei Hashi kommt es zu einem psychischen Kollaps der bis zur Selbstverstümmelung führt und Kiku, der auf Rache an seiner leiblichen Mutter sinnt, landet schließlich in einer Haftanstalt. Das daraus keine Happy End-Geschichte wird, scheint folgerichtig.

Die beiden Hauptprotagonisten lassen den Leser nicht zur Ruhe kommen. Immer wechseln sie sich mit ihren problematischen Lebensphasen ab. Man denkt und hofft, endlich wird alles gut, doch eine neue Krise, ein neuer Tiefpunkt bestimmt das Leben der beiden. „Coin Locker Babys“ ist in dieser Hinsicht kein leichtes Buch. Die 558 Seiten erzählen die Geschichte zweier Menschen, die ihr Glück nicht finden werden. Tief in ihrem Inneren fühlen sie sich als Ausgesetzte, fremd in dieser Welt, nicht zugehörig. Ihr Denken  und Empfinden entbehrt dem Selbstbewusstsein derer die unter normalen Verhältnissen aufwuchsen und vom ersten Tag von ihren Eltern geliebt wurden. Ein Leben im Waisenhaus, ohne Waise zu sein, aufgezogen von Fremden, verstossen von den eigenen Müttern. Es ist eine bedrückende Stimmung die Murakami das ganze Buch über seinen Protagonisten verpasst.

Wenn man bedenkt, wann das Buch entstanden ist, mitten in die Blütezeit der japanischen Wirtschaft, verwundert die Darstellung und negative Sicht auf das Land. Es ist ein vornehmlich gefühlskaltes, unwirkliches Japan, in dem so gar keine positive Stimmung aufkommt. Obwohl die jungen Männer nach Liebe und Zuneigung suchen und sie auch fündig werden, wahren sie immer eine Distanz zu ihrem Umfeld. Die Wärme, das Angenehme und Vertraute des menschlichen Zusammenlebens kann sich hier nicht entwickeln, auch weil ihr Frauenbild durch den insgeheimen Hass auf ihre Mütter bestimmt wird. Immer wieder springen ihre Erinnerungen an glückliche Momente im Kindesalter zurück, die vorallem auf gemeinsame Erlebnisse zielen. Die vermeintlichen Brüder, so verschieden sie von Anfang an sind, bleiben sich gedanklich verbunden, auch wenn es zunehmend eine Hassliebe, ein zwanghaftes Denken an den anderen ist. Einen echten Zusammenhalt im richtigen Leben gibt es jedoch nicht.

„Coin Locker Babys“ ist ein Roman ohne glückliches Ende und eine alles andere als gewöhnliche Lektüre. Aussergewöhnlich in der radikalen Darstellung der Erkenntnis, dass das Leben nicht nur Sieger und Glückliche hervorbringt; ein bewusster Gegenentwurf zur perfektionistischen Gesellschaft des realen Japan, dessen Leistungsdruck enorm ist und dem nicht jeder gerecht werden kann.

Es ist eine traurige Geschichte, die Ryu Murakami erzählt. Sie fängt traurig an und sie bleibt es auch. Traurig, aber voller Phantasie und mit einer tiefgehend dargestellten Gefühlswelt. Deshalb entwickelt dieses Buch etwas Kraftvolles und Anziehendes und man liest es bis zur letzten Seite.


RYU MURAKAMI, „Coin Locker Babys“, Septime Verlag

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