Richard Ford – Frank

In vier Erzählungen lässt der amerikanische Autor Richard Ford noch einmal seine bekannteste Figur – Frank Bascombe – zu Wort kommen. Dessen abwechslungsreiches Leben ist in einer umfassenden Trilogie verewigt und in die amerikanische Literaturgeschichte eingegangen. Für den zweiten Band, „Unabhängigkeitstag“, erhielt Ford sowohl den Pulitzer-Preis als auch den PEN/Faulkner-Award. Der umschließende Rahmen für die jetzt erschienenen Storys sind die verheerenden Auswirkungen, die 2012 der Hurrikan Sandy an der Ostküste der Vereinigten Staaten verursacht hat.

„…ich bin achtundsechzig und genieße die nächste Stufe des Lebens – wohl auch die letzte: Demografisch gehöre ich zur „Leertisch-Fraktion“, endlich frei, um Gutes zu tun, falls mir danach sein sollte…“

Frank Bascombe zieht einmal die Woche los, um am Flughafen heimkehrende Soldaten zu begrüßen und ihnen ein Heft zu überreichen, dass ihnen über die ersten Tage helfen soll. Außerdem liest er, ebenfalls wöchentlich, in einem regionalen Radiosender Naipauls Roman „Rätsel der Ankunft“ vor. Doch viel mehr will er dann eigentlich nicht von dieser Welt.

„Wenn man alt wird, so wie ich, lebt man… weitgehend inmitten der Anhäufungen seines Lebens. Es passiert nicht mehr viel, außer an der medizinischen Front.“

Und so stören ihn andere Personen eher; die Liebe zu seiner Ehefrau ist keine leidenschaftliche, aber eine pragmatische und echte. Die Besuche bei seiner Ex-Frau (ihr aktueller Lebensgefährte ist die Hölle für ihn!) eine schwer erklärliche Qual, der er sich freiwillig aussetzt. Nach außen versucht er der gutmütige und freundliche Pensionär zu sein. Doch eigentlich will Frank seine Ruhe, geordnete Bahnen für seinen Lebensabend und wenn möglich keine Überraschungen.

„Soweit ich es beurteilen kann, ist kein Mensch dafür gemacht, furchtbar viele Freunde zu haben. … Freundschaft ist mir immer eher überschätzt vorgekommen.“

So schränkt er seine Kontakte auf ein Minimum ein. Doch der Bitte von Arnie Urquhart, dem er vor acht Jahren sein Haus am Meer verkauft hat, ihn dort zu unterstützen, folgt er ebenso, wie dem Besuchswunsch eines alten Bekannten, der im Sterben liegt. Am Ende wird Frank mit Dingen konfrontiert, denen er lieber aus dem Weg gegangen wäre: Sein ehemaliges Haus liegt inzwischen fernab des Fundaments auf der Seite und der Todgeweihte offenbart ihm wenig Erfreuliches.

In jeder der vier Erzählungen steht eine andere Person im Mittelpunkt und mit ihr begibt sich der ehemalige Immobilienmakler auf eine Reise in die eigene Vergangenheit. Nicht nur die Menschen, sondern auch die Gebäude erzählen ihm Geschichten von früher und heute; zeigen ihm die gewaltigen sozialen Veränderungen in den Wohnvierteln, hervorgerufen durch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den letzten Jahren. In der für mich bewegendsten Erzählung trifft Bascombe auf den Stufen seines derzeitigen Hauses auf eine ehemalige Bewohnerin: Sie möchte gerne nochmal das Gebäude von innen sehen. Er lässt die stille Unbekannte im Haus herumlaufen und nur zögerlich offenbart sie ihm schließlich ihre ungewöhnlich traurige und anrührende Lebensgeschichte.

In den kurzen Episoden darf Richard Fords Protagonist an seinem Lebensende  – mit einer gewissen Altersweisheit – auf das Vergangene und das Gegenwärtige blicken. Erstaunlich fand ich, wie viele Themen und Anspielungen aus den drei bisherigen Romanen in die Geschichten eingeflossen sind. Einen größeren Rahmen hätte es allerdings auch nicht gebraucht. Der Autor schafft eine angenehm komprimierte Version einer Lebensphase, die zuvor immer einen längeren Roman umfasste. Wirklich grandios sind nicht nur die vielen Gedankengänge, sondern die Art und Weise, wie wir sie als Leser von Richard Ford präsentiert bekommen. Der unaufgeregte Erzählton Franks erzeugt das gute Gefühl, das man in einem Gespräch empfindet, bei dem man nach langer Zeit wieder auf einen alten Freund trifft und die inzwischen vergangene Zeitspanne dabei wie ausgelöscht scheint.

Frank Bascombe bleibt auf jeden Fall eine interessante Person. Dem ruhigen, aber im Inneren nach wie vor wachen und stets genau beobachtenden und reflektierenden Frank noch einmal zuzuhören, war kein überflüssiger Nachschlag, sondern das Weiterführen einer Figur, die zuvor  durch ihr ungewöhnliches „Durch-das-Leben-kommen“ faszinierte und deren zugespitze, humorvolle Sicht nach wie vor unterhaltsam und amüsant ist. Ein kurzes Wiedersehen – schön war es!

Die „Frank Bascombe-Trilogie“:  „Der Sportreporter“, „Unabhängigkeitstag“, „Die Lage des Landes“

Wer die Trilogie gelesen hat, wird sich mit diesem Band sicherlich wohler fühlen, aber auch als „Bascombe-Neueinsteiger“ kann man sich an der Alterssicht eines amerikanischen Klassikers erfreuen.


RICHARD FORD„Frank“, Hanser Berlin

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