Clifford Jackman – Winter Family

Wer sich von der „Winter Family“ eine beschauliche Familiengeschichte mit niedlichen Kindern, treusorgenden Eltern und grüne Wiesen mit blühenden Landschaften erhofft, sollte schnellstens das Weite suchen. Diesen Rat würden zumindest alle aussprechen, die ihre Erfahrungen mit dieser „Sippe“ gemacht haben.

Ausgangspunkt  des „apokalyptischen Westerns“ (so der Autor) ist das Jahr 1864. Der amerikanische Bürgerkrieg tobt und nicht alle spielen fair. Quentin Ross leitet einen Vortrupp der Unionsarmee. Mit ihm reiten auch Männer, die ihr ganz persönliches  Interesse verfolgen. Es sind harte Burschen wie die Empire-Brüder, die er sich eigens ausgesucht hat, denn Quentin ist selbst kein Kind von Traurigkeit. Ein blonder Soldat mit goldleuchtenden Augen, der ihm bisher nicht weiter aufgefallen war, erfährt dabei seine Aufmerksamkeit und Ross bemerkt…

„…, dass der junge August Winter (linkisch, verschlossen und schweigsam) in jeder Hinsicht bemerkenswert war, nicht nur wegen seiner Augenfarbe.“

Nach den ersten gemeinsamen Scharmützeln bildet sich schließlich eine Kerngruppe, zu der auch ein Überläufer, ein ehemaliger Sklave und ein deutscher Seargeant gehören. Unter der Führung von Quentin Ross beginnen sie eine siebenundzwanzigjährige Chronologie der Willkür zu schreiben. Sie werden zu Kriminellen, verfolgt, gejagt, nicht nur von der eigenen Armee. Mit ihrem schonungslosen Vorgehen erzeugen sie im ganzen Land Angst und Schrecken. Ihr Furcht erregendes Können weckt auch Begehrlichkeiten. So steht die Bande in Diensten verschiedener Interessengruppen, die vorallem politische und wirtschaftliche Ziele verfolgen. Zur berüchtigten „Winter Family“ werden sie im Laufe der Jahre, da ihre unbarmherzige Gewalt vorallem durch eine Person bestimmt wird: Augustus Winter. Er wird ihr Anführer, ihr Stratege. Hellwach im Hintergrund agierend, behält der undurchschaubare Winter alles und jeden im Auge. Die Konsequenz seines Handelns ist nur allzu oft tödlich.

„Es wird sehr oft behauptet, dass Mörder nicht wie Mörder aussehen. Bei Augustus Winter käme niemand auf diese Idee.“

Mit seiner Person polarisiert er nicht nur nach Außen, sondern auch innerhalb der Bande. Trotz der internen Auseinandersetzungen untereinander, trotz aller Skrupellosigkeit und Brutalität die in ihnen steckt, sind sie eine verschworene Gemeinschaft, in der jeder sein Leben für den anderen im Kampf einsetzt.

„Winter Family“ liest sich gut und zügig. Große Literatur erwartet man hier nicht, aber insgesamt hätte man aus dem Stoff mehr machen können. Dafür fehlt Jackman die durchgehende Lust, mehr in seine Charaktere zu investieren. Denn erzählen kann er: Auf den 512 Seiten entwirft er ein vielfältiges Bild des im zivilen Aufbau befindlichen Amerikas. Die Rohheit der Zeit wird deutlich dargestellt – im unterhaltenden Sinn erfüllt der Western seine Rolle. Zu den Glanzpunkten des Buches gehören zweifellos die spannungsgeladenen Konflikte, die die Männer untereinander haben und Szenarien, wie die in den Schlachthöfen Chicagos, die in ihrer Schilderung von den schriftstellerischen Möglichkeiten des Autoren zeugen. So ist „Winter Family“ ein KANN, kein MUß.


CLIFFORD JACKMAN, „Winter Family„, Heyne Hardcore

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