Richard Yates – Cold Spring Harbor

Es gibt Autoren, deren Gesamtwerk will man komplett lesen. Unter ihnen sind diejenigen, über deren Schaffen man bereits einen guten Überblick hat und wo die Vorfreude auf die weiteren Bände dazu führt, dass man beginnt, sich die Lektüre der restlichen Bücher einzuteilen. In meinem Fall trifft das zum Beispiel auf Richard Yates zu.

Nicht durch sein Hauptwerk „Zeiten des Aufruhrs“ bin ich mit dem Amerikaner, der zu Lebzeiten vom großen Publikum unbeachtet blieb, bekannt geworden, sondern mit seinem ersten Band Short Stories. Die „Elf Arten der Einsamkeit“ markierten nicht nur den Beginn meiner anhaltenden Begeisterung, sie waren auch der Auftakt einer deutschen Werkausgabe der DVA, in deren Rahmen nun der letzte von Yates vollendete Roman übersetzt wurde.

In dem 1986 erschienenen „Cold Spring Harbor“ glänzt Richard Yates erneut mit seinem unverkennbaren Stil, der während des Lesens eine besondere Faszination hervorruft. Ein Erzählton, der sich sowohl Neutralität als auch persönliche Nähe erlaubt, der distanziert ist, dabei aber weder kalt noch zurückweisend wirkt und bei dem das Verständnis des Autoren für das Denken und Handeln seiner Figuren deutlich spürbar ist. Was nicht bedeutet, dass Yates seinen Lesern eine heile Welt oder den perfekten Mitmenschen vorsetzt.

Im Gegenteil. So richtig ans Herz wachsen einem die Protagonisten nicht. Eine Hauptfigur ist auch nicht ausmachbar – am ehesten kommt Evan Shepard in Frage. Seine Biographie gibt dem – vorrangig in den frühen 1940er Jahre spielenden – Roman ein Zeitgerüst, in dem sich die Personen aus Evans Umfeld bewegen und von Yates abwechselnd in den Vordergrund gerückt werden. Evan, ein zunächst als rüpelhaft charakterisierter Junge, um dessen Zukunft sich seine Eltern sorgen, entwickelt sich zu einem begeisterten Autobastler, der schließlich als ungelernter Maschinist einem geregelten Job in einer Fabrik nachgeht. Eine Jugendliebe führt zu einer schnell wieder scheiternden Ehe, seitdem lebt er bei seinen Eltern, einem pensionierten Captain und einer Trinkerin.

Eine Autopanne mitten in New York City führen Evan und seinen Vater Charles zufällig in die Wohnung von Gloria Drake. Ihre schöne Tochter Rachel und der gutaussehende Maschinist entdecken schnell im anderen die große Liebe. Und auch Gloria, die gesprächige, sich in den Mittelpunkt stellende Frau, sieht so allerlei Chancen in diesem unerwarteten Besuch.

„Sie mochte nicht älter als fünfzig sein, doch falls sie früher mal gut ausgesehen hatte, war davon nichts mehr übrig. … Ihre ganze Sitzhaltung deutete auf das bange Verlangen hin, gehört, verstanden und, wenn möglich, gemocht zu werden…“

Ohne Frage ist sie der „Star“ des Buches und so etwas wie der Motor der Handlung. Gloria Drake trägt eine unbeständige Emotionalität in sich; Selbstsicherheit und Selbstzweifel wechseln unablässig. Auch wenn sie sich ihrer Fehler gelegentlich bewusst ist, fällt sie in ihre alten Verhaltensmuster zurück und stösst ihre Mitmenschen vor den Kopf. Sie will ein besseres und erfüllteres Leben für sich und ihre beiden Kinder, denen es allerdings immer schwerer fällt, die oft peinlichen und auch aufdringlichen Vorstellungen und Ideen ihrer Mutter dauerhaft zu tolerieren.

„…Denn sie ist wirklich verrückt, Evan; das hab ich erkannt, ich meine völlig von Sinnen. Wirklichkeitsfremd. In ihrer eigenen Welt. Ach, ich werd sie wohl weiter ‚lieben‘, egal was mit ihr los ist, aber ich kann nicht mehr mit ihr leben…“

Selten habe ich auf das Wiederauftreten einer mir eher unsymphatischen Figur gewartet, wie in diesem Roman. Gloria geistert in den Köpfen ihrer Verwandten und Bekannten und ist irgendwie immer präsent: Wenn sie etwa ihre Fäden spinnt, um ihren Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung nachzueifern und verzweifelt versucht, neue Bekanntschaften zu schließen.

 „Diese Frau wusste nicht, wann Schluss war.“

Ein Happy End gibt es nicht. Richard Yates schildert mit distanzierter und klarer Sprache. Seinen Figuren gönnt er nichts, ihre Schwächen werden ungeschönt offengelegt. Der Weg in eine bessere Zukunft ist für sie voller Hürden. Ob Evans Fortbildungpläne, Charles verkorkste Armylaufbahn oder die unter finanziellen Druck stehenden Drakes, es fehlt überall: An charakterlicher Stärke, Ehrgeiz oder Durchhaltevermögen; auch an finanziellen Möglichkeiten, die ein weiteres Vorankommen verhindern. „Cold Spring Harbor“ thematisiert die Wünsche und Hoffnungen einer Möchtegern-Klasse, die den Sprung in ein besseres Leben nicht geschafft hat und nicht schaffen wird. Dieses aussichtslose Unterfangen beschreibt Yates nicht ohne gewisse Emphatie – und überlässt sein Ensemble doch dem eigenen Schicksal. Das Leben ist eben nicht für jeden eine Erfolgsgeschichte.

„Filme waren wunderbar, denn sie holten einen in eine andere Welt und gaben einem zugleich das Gefühl, vollständig zu sein. In der Realität konnte einen alles auf Schritt und Tritt daran erinnern, dass das eigene Leben verknäuelt und gefährlich unvollständig war, der Schrecken stets kurz davor, von einem Besitz zu ergreifen…“

Richard Yates ist ein Meister der stillen Töne, ein feinfühliger Beobachter, der seinen Humor behutsam zwischen den Zeilen einfliessen lässt. Die großen Überraschungen sind nicht seine Sache. Es sind die normalen Ereignisse im Leben von Durchschnittsmenschen, die für ihn ausreichend Potential bieten, um eine interessante Geschichte vorzulegen. So fühlt man als Leser mit den Figuren und erfreut sich an der federleichten Ironie des Erzählers.

Mit seinem letzten Roman zeigt er noch einmal, warum er zu den großen amerikanischen Autoren des 20.Jahrhunderts gehört. Ein Schriftsteller, von dem ich immer ein ungelesenes Buch parat haben möchte. Es wird eng: GELESEN 6, UNGELESEN 3!


RICHARD YATES, „Cold Spring Harbor„, DVA

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Ein Kommentar zu “Richard Yates – Cold Spring Harbor”

  1. Hey, da ist die Rezension ja auch schon. Und eine exzellente obendrein. „Cold Spring Harbor“ werde ich dennoch hintenan stellen. Da warte ich wohl – auch aus Platzgründen – auf das Taschenbuch. Ansonsten geht’s mir wie Dir. Yates‘ Gesamtwerk möchte ich unbedingt komplett gelesen haben.

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