Scott Hutchins – Eine vorläufige Theorie der Liebe

Selten kommt es vor, dass ich ein Buch in die Hand nehme, weil mir der Buchtitel gefällt. Bei Scott Hutchins Debütroman war es sozusagen „Liebe“ auf den allerersten Blick. Und um die Liebe in ihren vielfältigen zwischenmenschlichen Formen geht es in diesem Roman, der mit Neill Bassett jr. einen Typen als Hauptfigur hat, aus dem man nicht immer schlau wird. Den ungewöhnlichen Rahmen bildet ein besonderes Vorhaben: Die Erschaffung einer künstlichen Intelligenz mit eigenem Bewusstsein.

„Das Programm soll lernen, sprachliche Aussagen zu generieren, mit anderen Worten: Es soll Unterhaltungen führen. Es soll sprechen.“

Neill arbeitet an einem Projekt mit, bei dem es um die Erschaffung eines intelligenten Computers geht. Grundlage der „Intelligenz“ sind die umfangreichen Tagebücher seines Vaters – einst ein erfolgreicher Arzt; Traditionalist und erzkatholisch -, der zehn Jahre zuvor Selbstmord beging und zu dem er ein zwiespälitges Verhältnis hatte.

„Meinem Vater wäre mein Lebenswandel ein Rätsel. Mein Alltag wäre ihm keine Erwähnung wert.“

Als Rechteinhaber der Tagebücher wurde Neill in das Projekt mit einbezogen, um das Programm zu testen. Testen heisst in diesem Fall, sich mit dem Computer zu unterhalten und zu prüfen, ob das Gesagte Sinn ergibt. Hier beginnt es für Neill mit der Zeit schwierig zu werden, denn mit fortschreitender Entwicklung des Programms, werden auch die Gespräche intensiver und persönlicher. Neill, inzwischen 36 und geschieden, hat außerdem ein weiteres Problem: Er möchte – und er möchte nicht – mit Frauen zusammen sein.

„Nicht jeder erlebt die große Liebe. Das weiß ich. Meine erste Ehe ging vor ein paar Jahren in die Brüche, und abgesehen von den Drehtürmonaten im Anschluß an die Scheidung habe ich meine Zeit mehr oder weniger alleine verbracht.“

Seine Beziehung zu der jungen Rachel beginnt dann auch unter fragwürdigen Voraussetzungen: Neill quartiert sich als Tourist in der eigenen Stadt in einer Jugendherberge ein, um Bekanntschaften zu finden. Das daraus eine komplizierte Konstellation entsteht (und nicht nur aus dieser) liegt auch an Neill, der sich als normalen Menschen betrachtet, in Beziehungen allerdings gerne auf Abstand bleiben möchte. Dieses Hin- und Hergerissensein wird durch die Arbeit am Projekt mit seinem künstlich erschaffenen Vater verstärkt. Konfrontiert mit der eigenen Familiengeschichte durchläuft Neill ein Wechselbad der Gefühle.

„Eine vorläufige Theorie der Liebe“ ist kein Buch in dem es vornehmlich um die Erschaffung einer künstlichen Intelligenz geht. Vielmehr tauchen wir in die Geschichte einer amerikanischen Südstaatenfamilie ein, deren Aufklärung über eine Stimme aus der Vergangenheit erfolgt. Das ist vielfach witzig und bitterböse; zeigt aber auch die schicksalhaften Seiten, die dem Leben in allen Familien gemein sind. Scott Hutchins schickt uns auf eine emotionale Achterbahnfahrt mit einem eingefleischten Junggesellen, einem Mann, der irgendwie aufgegeben hat sich weiterzuentwickeln und trotzdem noch nicht völlig abgestumpft ist.

„Ich selbst bestimme die Bahnen, in denen mein Leben verläuft. Das Junggesellenleben, soviel habe ich begriffen, braucht feste Gewohnheiten. Kleine Rituale und kleine Freuden. Ich sage das ganz ohne Selbstmitleid. … Die festen Gewohnheiten haben zur Folge, dass ich nie zu viel trinke und paradoxerweise, als sechsunddreißigjähriger Junggeselle unflexibler bin als damals, als ich noch verheiratet war.“

Kein durchweg sympathischer Typ, dieser Neill, aber sensibel genug um nicht total langweilig zu sein – und schonungslos offen. Die Dialoge mit dem Vater – der Vater aus der Maschine wohlgemerkt – sind wunderbar, manchmal albern und unfertig, aber auch nachdenklich und weise. Die Aufzeichnungen seines Vaters bieten Neill schließlich Aufklärung und Erkenntnis, lassen ihn die familiäre Vergangenheit neu bewerten und das Verhältnis zu seinem Vater in ein anderes Licht rücken.

Ein vorläufiges Urteil über diesen Roman könnte also lauten: Ein unterhaltsames Buch mit leichtem Tiefgang, humorvoll und skurill, geeignet zum Ausklinken aus dem Alltag, mit ein wenig theoretischer Zukunftsmusik in Sachen künstlicher Intelligenz und der Sicht auf das irrwitzige Beziehungsgebahren eines männlichen Großstadtsingles.


SCOTT HUTCHINS, „Eine vorläufige Theorie der Liebe“, Piper Verlag

Advertisements

3 Kommentare zu “Scott Hutchins – Eine vorläufige Theorie der Liebe”

  1. So wie ich Dich kenne, war das ganz sicher ein Leseexemplar, oder nicht? – Eine schöne Besprechung in jedem Fall, die mich an ein anderes Buch erinnert, dessen Titel mir jetzt gerade nicht einfallen will. Dennoch wäre es wohl eher nichts für mich. – Amüsiere mich übrigens gerade wieder köstlich mit Yates, „Eine gute Schule“. Wirklich schade, dass ich sie bald alle gelesen habe.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s