A.M. Homes – Das Ende von Alice

Pädophilie – kein einfaches Thema für einen Roman. Und das vorab: Öfter wird man sich fragen: Will ich das Lesen? Ungeschminkt werden Beschreibungen und Begrifflichkeiten verwendet, die ein Szenario erzeugen, mit dem man nicht so leicht sympathisiert. Doch wie die amerikanische Schriftstellerin A.M. Homes dieses Buch komponiert hat, verdient Beachtung.

Chappy sitzt seit 23 Jahren wegen Mordes an der zwölfjährigen Alice Somerfield im Gefängnis. Viel hat ihm das Leben im Knast nicht zu bieten. Neben den üblichen Gepflogenheiten unter den Insassen bleiben ihm die Leihbibliothek der Anstalt und der schriftliche Kontakt mit der Außenwelt. Einzig das Schreiben von Briefen stellt für ihn eine intellektuelle Herausforderung dar. Anfragen von Wissenschaftlern, Biographen und Filmemachern lehnt er höflich und nicht selten in einem Gefühl der Überlegenheit ab. So bestimmt, neben dem vorgeschriebenen Alltag einer Haftanstalt, vorallem die Post sein Leben. Briefe beantwortet er immer sofort.

Erzählt werden mehrere Geschichten: Das aktuelle Geschehen im Gefängnis, die Lebensgeschichte von Chappy, die Begebenheiten die zum Mord an Alice führten und der Briefwechsel von Chappy mit einer Neunzehnjährigen, die sich für jüngere Männer interessiert.

Das „Mädchen“, wie sie im Buch mit Rücksichtnahme auf ihre Identität genannt wird, schreibt sich mit Chappy und erhofft sich von ihm Hinweise für ihre Vorgehensweise bei der Verführung eines Minderjährigen. Der Leser bekommt nur einzelne Sätze oder einige längere Bruchstücke ihrer Briefe vorgelegt. Zensiert von Chappy, denn er erzählt den Fortgang der Ereignisse anhand der Briefe für den Leser nach. Dabei bleibt offen, wie nah das Erzählte mit dem wirklichen Geschehen überein stimmt. Der Erzähler erwähnt den Umstand der möglichen Ausschmückung seinerseits mehrmals. Das sich dadurch die Sicht des pädophilen Mannes in die Geschichte des „Mädchens“ einnistet, ist nur zu offensichtlich. Für den Leser bleibt die Unsicherheit, der Zweifel am Gelesenen.

Der Roman erschien im Original bereits 1996 und wurde kontrovers aufgenommen; eine deutsche Übersetzung erst 2012 realisiert, nachdem Homes durch weitere Werke (u.a. „Dieses Buch wird ihr Leben retten“) ihren Stellenwert als anerkannte Autorin festigen konnte.

„Das Ende von Alice“ ist ein wirklich gut geschriebenes Buch, dass sich mit der besonderen – und sicherlich für viele auch provozierenden – Erzählweise an eine problematische Thematik wagt. Der Roman hält die Perspektive des Erzählers immer im Vordergrund – das macht die Lektüre nicht immer angenehm, denn diese andere Sicht muß man sich als Leser erarbeiten und genauso mit ihr klar kommen, wie mit dem eigenen Widerwillen. Es gibt härtere Szenen, die man in anderen Genres erwarten würde, doch alle Teile dieses Buches passen zusammen und die Auseinandersetzung mit der Gedanken- und Gefühlswelt von Chappy bleibt ein ständiges Ringen mit der eigenen Emotionalität.

Die Frage wie Pädophilie zu bewerten ist, wird mit „Das Ende von Alice“ nicht geklärt. A.M. Homes wagt eine ungewöhnliche Sichtweise auf das Thema – und gelingt eine Annäherung.


A.M. Homes, „Das Ende von Alice“, Kiepenheuer und Witsch

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s