Thomas Raab – Der Metzger

Völlig untypisch für meine Literaturauswahl – eine österreichische Krimireihe mit regionalem Kolorit, ungewöhnlicher Komik und manchmal arg verschachtelten Sätzen. Weil die Mischung stimmt, bin ich zum treuen Leser geworden; kommt dieser durchaus spannende Unterhaltungskaliber doch ohne aufdringliche örtliche Beschreibungen aus, ist warmherzig und bitterböse, menschennah, gerne detailverliebt und verfügt über eine gehörige Portion schwarzen Humors.

Der Titel überrascht, handelt es sich um den mittlerweile siebten Teil der Krimikomödie um den Möbelrestaurator Willibald Adrian Metzger. Ein Blick auf die Inhaltsangabe bietet aber schnell Aufklärung über die Wahl des Titels, den man eher für den Auftaktband der Reihe verwendet sehen würde – und sogleich blitzt sie auf, die wunderbare Doppelbödigkeit, auf die sich der Autor auf so geniale Weise versteht: Der Tote war Fleischfabrikant.

Der eher beschaulich lebende Metzger gerät (wie immer) rein zufällig in diesen Mordfall, angelegt in der unmittelbaren Nachbarschaft und persönlichen Vergangenheit des ruhigen und zurückhaltenden Restaurators, der neben der üblichen körperlichen Defizite neuerdings kreislaufkränkelnd der Wahrheit auf der Spur ist. An seiner Seite die stets gefühlsstarke und meistens ziemlich direkte Danjela Djurkovic, die um die Gesundheit des Metzgers besorgte Freundin, die ihn zum Arztbesuch drängt.

„Apfeltyp. so lautet die Diagnose. … Das Gesundheitsrisiko beim Apfeltyp wäre eben höher als bei Birnen, wurde dem Metzger erklärt. Eine Birne speichert ihr Fruchtfleisch im Hüftbereich, während sich so ein Apfel schön in der Bauchgegend polstere, und genau diese Lagerungsmethode, in diesem Fall natürlich Fett, beschenke den Träger zeitiger mit einem Hauptmietvertrag in Richtung Eichentruhe.“

Abhalten läßt sich der unerschütterliche Metzger davon nicht. Selten findet er sich in seiner Kellerwerkstatt wieder. Statt dessen stochert, fragt, observiert und verfolgt er; sammelt Fakten und kombiniert sie gemächlich zusammen. Der Spannungsbogen,  ausgestattet mit einer vertrackten Story und einer illustren Entourage, nimmt vorallem im zweiten Teil an Fahrt auf. Herrlich die Beschreibungen des mit allerlei Marotten behafteten Personals. Fast aufklärerisch gerät der Exkurs über die Buch- und Verlagsbranche, die als Hauptmilieu im Mittelpunkt steht. Sie unterzieht Raab einer genaueren Betrachtung: Ob neumodisches E-Reading, der Überlebenskampf von Autoren und Verlagen, das Streben nach Bestsellern und die Vielfalt der Literatur, die Kritikermacht, der persönliche Einsatz von engagierten Buchhändlerinnen und ihr schwieriges wirtschaftliches Auskommen oder der ewige Zwist um die Qualität und den Anspruch, den Literatur haben darf. Fast scheint es so, dass der Autor seinen gewachsenen Einblick und seine persönlichen Erfahrungen in dieser Welt Ausdruck verleihen muß.

„Ist diese so vergeistigte Branche nicht ein ebenso knallhartes Geschäft wie jedes andere auch, im besten Fall sogar ein Massengeschäft, weniger eines nach dem Motto Angebot und Nachfrage, sondern Nachfrage und Angebot. Ein Wettkampf, oder noch besser: ein Spiel. Anders könnte man ja auch gar nicht nachvollziehen, welches Tantam mit mancher Neuerscheinung veranstaltet wird, … , als wäre dieses oder jenes Buch das dritte Testament. „

„Der Metzger“ überzeugt auf der ganzen Linie. Es ist erstaunlich, wie viele Kleinigkeiten in den Text einfließen: Alltäglichkeiten, die man eher unbewusst wahrnimmt, werden hier – nicht ohne ein ironisches Zwinkern – aufgegriffen und kurz ins Rampenlicht gerückt. Alles passt zusammen und sorgt für einen nie endenden Strom an Geschichtchen und Begebenheiten, die schließlich für die eigentliche Handlung mehr oder weniger bedeutend sein können. Raabs geniale Verflechtung dieser einzelnen Elemente machen seine Bücher zu den unterhaltsamen  und auch durchaus spannungsbehafteten Komödien mit unverwechselbarer Sprachqualität: Denn das ist die eigentliche Leistung, das alles in eine verschmitzte, ungelenke, vom Dialekt geprägte Sprache zu übertragen, deren Ton eine Charakteristik erzielt, die die Metzger-Romane zu unverwechselbaren Büchern macht.

„Danjela Djurkovic hat es getan. Mit eigener Hand. Ein Umstand, der nicht hoch genug zu bewerten ist, denn ihr Motto in solchen Fällen lautet: „Brauch ich wirklich nix selber machen, wenn gibt zu kaufen fix und fertig.“ Besser wäre es natürlich gewesen, diesem Motto treu zu bleiben. Die Küche gleicht einem Schlachtfeld. Mit tiefroten Flecken übersät ist Danjelas weiße Schürze, rein optisch also ein prächtiges Feindbild radikaler Vegetarier. Nur sind auch hier der vorschnell gebildete und ungebildete Hass identisch, denn auf dem Speisenplan steht keine Blutwurst, sondern die farbtechnische Sauerei namens Zwetschgenröster. So blau kann die Schale, und grün das Fruchtfleisch, nämlich gar nicht sein, als dass dann aufgekocht nicht ein dermaßen kräftiges, überzeugendes Rot herauskäme, da gingen den Restmitgliedern sozialistischer Funktionäre vor Sehnsuchtstränen ruckzuck die Taschentücher aus.“

Schnell gerät man als Leser in die Gefahr, die kurzen Einschübe Raabs zu überlesen. Aufmerksam bleibend, läßt sich einiges an politischen Statement erkennen, sei es zu aktuellen innenpolitischen Themen, Flüchtlingsfrage oder veränderten sozialen Milieus.

„Ja, Friede sei mit dir, denkt sich der Metzger, und mir, und ihm, und ihr, und euch, und generell allen Menschen. So sollte es sein. Dennoch sind das aktuell gerade hundsmiserable Zeiten für jede Weltoffenheit, Nächstenliebe, jeden Optimismus, jeden Glauben an das Gute und die Wandlungsfähigkeit des Menschen.“

Wer ihn also noch nicht kennt, den Willibald Adrian Metzger, darf sich trauen und überraschen lassen von der eigentümlichen Metzger-Welt des Thomas Raab: Sprachwitz  und Slapstick, genaueste und grundehrliche Beobachtungsgabe sowie ein durchblickender Menschenverstand paaren sich hier zu einer humoristischen Tour, bei der der Kriminalhandlung durchaus Bedeutung beigemessen werden muß und der ernsthafte Blick Raabs auf aktuell-gesellschaftliche Themen immer wieder aufblitzt.

Für den Herbst 2017 ist „Der Metzger allein“ angekündigt


THOMAS RAAB, „Der Metzger“, Droemer

 

 

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3 Kommentare zu “Thomas Raab – Der Metzger”

  1. Entdeckt habe ich die Reihe durch das von uns schon oft erwähnte „unverlangte Leseexemplar“. Reingelesen – und Gefallen gefunden! So ist das ja manchmal… Es gibt übrigens einen „Zwilling“ dieser ungewöhnlichen Lektüre: Jörg Juretzka und sein Ruhrpott-Detektiv KK! Ich lese gerade den neuesten Band „Tauchstation“. Mal sehen, vielleicht wird daraus ein kleiner Beitrag, dann kannst Du darum auch noch „schleichen“ 😉

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  2. Der Kollege Jochen König schwärmt ja auch schon seit Urzeiten von den „Metzger“-Romanen. Und ungefähr genau so lange schleiche ich schon um die Bücher herum, weil sie ebenso nicht meinen üblichen Krimi-Geschmack bedienen. Zumindest augenscheinlich, denn deine Rezension macht doch neugierig, zumal wir beide doch einen ziemlichen großen Querschnitt bei den Büchervorlieben haben.

    Beste Grüße!

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