Iain Levison – Gedankenjäger

Auf den ersten Blick eine faszinierende Vorstellung  – die Gedanken der Menschen lesen zu können. Wahrheit und Lüge wären fortan unterscheidbar, alle Geheimnisse offenbart. Doch der ständige Input würde wohl schnell zu einer seelischen Tortour, die Gelegenheit dem eigenen Geist mal eine Ruhepause zu bieten selten. Außerdem wäre man schnell das Objekt der Begierde für verschiedenste Interessengruppen. Eine derartige Konstellation hat sich der in den USA lebende Schotte Iain Levison für seinen neuesten Roman ausgedacht und bietet seinen Lesern Spannungsliteratur der intelligenteren Art.

Betrachtet man die übergroße Schlange auf dem Cover, erkennt man sofort ihre Symbolkraft für die Geschichte: Ebenso wie eine Schlange schleicht sich der Gedankenleser mit seiner Fähigkeit lautlos durch die Welt. Direkt in den Kopf seiner Mitmenschen, fischt er unbemerkt in ihrer Gedankenwelt. Eine unerkannte Bedrohung die am Ende schneller und effektiver agieren kann. Doch im Untergrund lauert bekanntlich nicht nur eine Gefahr.

Im Zentrum des Geschehens stehen zwei Männer mit unterschiedlichen Ausgangslagen und einer seltenen Eigenschaft: Mörder und Polizist. Jäger und Gejagter. Gut und böse. Gedankenleser und Gedankenleser. Zufall oder nicht? Levison versteht es meisterhaft den Leser wohl dosiert die Hintergründe einer unglaublichen Geschichte zu enthüllen und treibt die Handlung kontrolliert auf ihren Höhepunkt zu.  Als vermeintlicher Gegenspieler entpuppt sich dabei eine überaus gewiefte FBI-Ermittlerin (dafür gibt sie sich zumindest aus), die zunächst auf einer Seite positioniert sich im weiteren Verlauf langsam in ihrer Rolle chamäleonartig zu einer allmächtigen und in alle Richtungen agierenden Bedrohung herauskristallisiert. Immer mehr erfährt man über die undurchschaubare Rolle ihrer Behörde und ahnt, welchen Auftrag sie zu erfüllen hat.

Schon in seinen Büchern „Hoffnung ist Gift“ und „Tiburn“ hat Iain Levison mich mit seiner besonderen Form der Irreführung begeistert. Dabei liegt darin nichts reißerisches oder spektakuläres, es ist eher ein kleiner aber markanter Punkt an dem die Geschichte einen Drall abbekommt, in eine Richtung springt, die Staunen und Unglauben verursacht und am Ende einen verblüfften Leser hinterläßt. So auch in „Gedankenjäger“, obwohl die Wendungen zum Teil vorhersehbar sind. Sehr amüsant und aufschlußreich sind die geführten Dialoge, die die Gedankenlesenden mit den „Normalsterblichen“ haben. Deren offengelegte Gedankengänge spiegeln die ganze Bandbreite menschlichen Bewußtseins und lassen einen den Wahrheitsgehalt der eigenen alltäglichen Konversation ernsthaft in Frage stellen. Wie war das nochmal mit dem Anteil der täglich ausgesprochenen Lügen?

Eine wirklichkeitsnahe Utopie oder unglaubliche Realität – das Thema ist stark, der Roman nimmt es mit Schwung auf und vollzieht seine Wandlung zur klassischen Verfolgungsjagd mit Bravour. Am Ende geht Levison – sicherlich gewollt – die Luft aus. Ein Buch im Gewand eines Krimis, dass die Unkontrollierbarkeit experiementeller Aktivitäten geheimer Staatsbehörden kritisch beäugt und die Folgen ihres Scheiterns thematisiert.


IAIN LEVISON, „Gedankenleser“, Deuticke

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