Ross Macdonald – Schwarzgeld

Tatsächlich haben mich Krimis lange nicht interessiert. Irgendwann in den 90er Jahren war der erste  gelesene Autor – und auf lange Zeit der einzige – Ross Macdonald. „Die Kehrseite des Dollars“ gefiel mir auf Anhieb so gut, dass ich mir alle Bände mit Privatermittler Lew Archer zulegte und sie anschließend verschlang. Meine Freude und Begeisterung führte zu  Chandler und Hammett – und schließlich zu Richard Stark, dem zweiten kriminalliterarischen „Aha-Erlebnis“ meinerseits. Ab 2008 brachte der Zsolnay Verlag die neuen Parker-Romane heraus und ab da war ich im „Krimi-Himmel“ angekommen.

Beim Diogenes Verlag erlebt nun also der Privatdetektiv Lew Archer eine kleine Renaissance. Das Schweizer  Verlagshaus spendiert seinem Longseller mehrere Neuübersetzungen. Mit „Schwarzgeld“ ist jetzt ein Neuling im Programm erschienen, der bisher unter anderem Titel  beim Scherz Verlag untergekommen war. Die originale Reihe um den ehemaligen Polizisten umfasst mehr als 15 Romane – neu übersetzt wurden zuletzt fünf Bücher, darunter „Der blaue Hammer“ und „Gänsehaut“.

Das zunächst nur eine eher routinierte Hintergrundrecherche Archers Auftrag ist, gehört zum spannungsaufbauenden Spiel von Macdonald. Natürlich folgen die Todesfälle; darunter auch ein scheinbar aufgeklärter Selbstmord aus der jüngeren Vergangenheit, der beim Detektiv Zweifel hervorruft. Für Lew Archer gilt es auf längst vergangene Ereignisse ebenso zurückzublicken, wie auf die gegenwärtigen. Alle Spuren führen zu neuen, die Komplexität der einzelnen Fäden steigert sich kontinuierlich. Am Ende des Buches gelingt die Überraschung mit der ausgewählten Person, nicht jedoch mit dem Motiv. Aber das darf jeder selbst entscheiden…

„Schwarzgeld“ ist trotz 359 Seiten schnell gelesen. Grund dafür sind die ausgefeilte, auf präzise und klare Sätze getrimmte Sprache und die wunderbar klassisch aufgebaute Detektivstory. Was Macdonald in einem Buch vermag, viele kleine Hinweise zu streuen und diese in einen glaubhaften logischen Zusammenhang zu bringen, findet sich heute selten. So intensiv die Faktenaneinanderreihung, dass man stets konzentriert bleiben muß. Und trotz der kurz gehaltenen Ausdrucksweise finden sich Charakterzeichnungen, die alles über die jeweilige Person aussagen, in denen das Mitgefühl oder die Abscheu des Verfassers mitschwingt. Skizzierend werden Bilder aufgerufen, die die kalifornische Welt um Lew Archer dem Leser allzu lebendig werden lassen. Ein Minimalismus, der nichts zu kurz kommen läßt. Grandios!

Nicht typisch für das Genre, bleibt es vorallem bei Andeutungen von Gewalt. Ganz ohne geht es nicht, doch sind es eher Geplänkel, steht die kriminalistische Arbeit gegenüber der „Action“ im Vordergrund. Typisch für Lew Archer ist das Hinterfragen, das Hineinschauen in die Menschen und die Suche und das Erkennen ihrer Motive. Kein Hardboiled-Krimi der nur aufs Grobe aus ist, sondern seinen Helden überlegt handeln läßt und ihn immer wieder vor die Frage stellt, wie die empfundene Sympathie oder Antipathie sein Handeln bestimmen darf.

Es gibt sie also noch, die Konstanten im Verlagswesen. In guter Tradition läßt Diogenes einen altgedienten Autoren mit einer zeitgemäßen Übertragung wieder aufleben. Eine Freude für alle die Mcdonald noch nicht kennen und einen zeitlos wirkenden Krimi entdecken können. Mit seiner ruhigen und klugen Form der Unterhaltung stellt er für mich  ein Gegenpol zum Heute dar; eine Besinnung auf das Wesentliche in einer Zeit, in der mit technischen Klitzekleinigkeiten und Hyperspezialistentum die menschliche Aufklärungsarbeit oftmals in den Hintergrund rückt.

Vielleicht ist „Schwarzgeld“ nicht der beste Roman Macdonalds, er verfügt aber über alle wesentlichen – und guten – Eigenschaften, die diesen Klassiker der amerikanischen Kriminalliteratur auszeichnen. Wer fährt da nicht gerne mit Lew Archer durch die kalifornischen Hügel Los Angeles und geht auf Verbrecherjagd?


ROSS MACDONALD, „Schwarzgeld“, Diogenes

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