Jean Giono – Ernte

Ein Heimatdichter verspricht nicht immer große Literatur, schließlich besagt die Bezeichnung seiner schriftstellerischen Spezialisierung etwas über die Thematik und nicht über die Schreibfertigkeit aus. Jean Giono ist unzweifelhaft Heimatdichter. Aber einer, der mit seinem Können über die Grenzen seiner provenzialischen Heimat hinaus  berühmt geworden ist.

Der äußerst produktive Autor gehört zu den bekanntesten französischen Verfassern des letzten Jahrhunderts. Neben Frederic Mistral bildet er das literarische Sprachrohr der südöstlichen Region Frankreichs, die lange bevor sie zur geschätzten Urlaubsregion wurde, noch bis weit ins letzte Jahrhundert ein bescheidenes Dasein führte. Die vorallem von Landwirtschaft und an den Küsten vom Tourismus lebende Bevölkerung gehörte zu den Ärmeren der Grand Nation. Von der Metropole Marseille und den Badeorten an der Cote´ abgesehen, gab es nur wenige Spots des modernen Aufschwungs. Stieg der Wohlstand an den Küsten, blieb das Landesinnere lange von dieser Entwicklung abgekoppelt. Dass hier die Bevölkerung eher konservativ blieb, verwundert nicht. Immerhin führte dies zur Bewahrung alter Traditionen und Gebräuche der Region.

Heute für den Außenstehenden folkloristisch anmutend, vor nicht allzu langer Zeit konnte das eher befremdlich und zurückweisend wirken. Wer noch in den 1990er Jahren versuchte sich mit ein paar Brocken Englisch verständigen zu wollen, musste schon etwas Geduld aufbringen, um Gehör zu finden. Ein Achselzucken war wahrscheinlicher als Sonne am blauen Himmel. Das will was heißen, im Land, in dem  der Himmel ein besonderes Blau hat. Nicht nur unzählige Maler verschlug es hierher, auch Dichter aus aller Welt. Irgendwann entdeckten auch die Reichen aus dem Norden die pittoreske Idylle und begannen in die alten Strukturen einzubrechen. Prominentes und am jünsten Boom nicht ganz unschuldiges Beispiel ist der englische Autor Peter Mayle, der von den Mühen seiner Ansiedlung in amüsanter Form zu berichten wusste und die Schönheit der Region gleichsam anpries.

Das allerdings nicht mal ansatzweise in der Qualität, die Jean Giono zu Papier brachte. Seine Sprache vermag die Vielfalt der Natur genauestens zu erfassen, seine tief verwurzelte Verbundenheit lässt sich in jedem Satz wiederfinden. Bilderreich ist seine Ausdrucksweise, manchmal überbordend blumig, manchmal knapp der Tristesse windumwehter schroffer Felsplateaus entsprechend. „Ernte“ ist ein schmales Werk des Dichters, dass sehr gut die Ursprünge der Region und das Leben der Bauern auf dem Land wiedergibt. Unter einfachsten Verhältnissen mühen sie sich täglich, um über die Runden zu kommen. Die gegenseitige Unterstützung in einer immer dünner besiedelten Dorfgemeinschaft ist gelebte Selbstverständlichkeit. Die angeblich Unnahbaren entpupen sich als warmherzige und hilfsbereite Mitmenschen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der handwerklich begabte Bauer Pantürl, ein „gewaltiger Mann“, ein „Riese“, der in dem inzwischen verlassenen Bergdorf Aubignane ausharrt. Bis vor kurzem lebten im Dorf mit ihm noch der alte Gobert, der früher in seiner Schmiede „die allerbesten Pflüge“ baute, jetzt jedoch aus gesundheitlichen Gründen – und schweren Herzens – das Dorf verlassen musste. Außerdem war da noch die alte Italienerin Mamesche, die es eher zufällig hierher verschlagen hatte und nach dem Tod von Mann und Sohn heimisch wurde. Sie begibt sich auf die Suche nach einer Frau für Pantürl, kehrt allerdings nicht zurück. Die völlige Einsamkeit bedrückt Pantürl, der bleiben möchte und seinen brachliegenden Acker wieder bestellen will. Eher zufällig trifft er auf Arsula, die zwar mit einem anderen zusammen ist, sich aber zugunsten Pantürls entscheidet. Mit ihr nimmt die Idee eines bäuerlichen Hofes Gestalt an. Beide verbindet nicht nur die Sehnsucht nach Gemeinschaft, sondern auch der Drang durch eigene Arbeit ein Einkommen zu erzielen, mit dem man das ganze Jahr haushalten kann. Am Ende setzt Giono der stattfindenden Landflucht ein positives Signal entgegen: Der Mut und eine besonders gute  Ernte Pantürls locken wieder Familien aufs Land.

„Ernte“ kann man heute nur noch antiquarisch erwerben. Jean Giono spielt auf dem deutschsprachigen Buchmarkt keine Rolle. Der Verlag Matthes & Seitz hat um die 1990er eine kleine Edition herausgegeben, zwei Werke sind davon noch lieferbar.

Mich hat das Buch sofort mitgenommen – in die Landschaft, in die Häuser der Menschen. Ich saß direkt mt ihnen am Tisch, ich begab mich mit ihnen auf beschwerliche Reisen, ich tauchte in ihre Traditionen ein, spürte die Einsamkeit und Schönheit der Natur. Es ist Dichtern wie Giono zu verdanken, dass wir etwas vom beschwerlichen Leben der Menschen seiner Heimat erfahren, für die sich die Politik lange nicht interessierte und die selbst auch nicht in der Lage waren, für sich zu werben.

Erst mit der Niederschrift der Geschichten des ländlichen Lebens erfuhr diese Welt Aufmerksamkeit. Die menschliche Wärme, der Zusammenhalt untereinander beeindruckt bis heute und ist in unserer auf individuelle Interessen spezialisierten Zeit vielleicht schon wieder ein Zukunftsmodell.


JEAN GIONO, „Ernte“, Deutsche Hausbücherei Hamburg 1961 (Lizenz S.Fischer Verlag)

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