T.C. Boyle – Die Terranauten

Sie haben sich unter sechzehn Kandidaten durchgesetzt und tragen die Hoffnung der Menschheit mit sich: Acht Terranauten, vier Frauen, vier Männer. Zwei Jahre, von der Außenwelt abgeschlossen, sollen sie – sich selbstversorgend – in einem riesigen Glashaus leben und erforschen, ob ein Überleben unter solchen Bedingungen möglich ist. Klar, dass  hier nicht alles glatt läuft.

Zusammen mit 3800 Arten – darunter Schweine und  Ziegen für die Eigenversorgung, afrikanische Galagos, Pfeiffrösche aus Puerto Rico, Anolis-Echsen aus Kuba und einige weitere ungewollte Bewohner – leben sie mitten in der Sonora-Wüste in Arizona, wo das hektargroße Areal von Ecosphere 2 (E2) errichtet wurde.  Ein privat finanziertes Millionenprojekt, dass von allen Seiten beäugt wird. Im Inneren sind alle möglichen  Lebensräume angelegt, sogar ein „Ozean“ ist neben trockenen bis tropischen Arealen vorhanden.  Der Roman greift auf eine wahre Begebenheit zurück: In den 1990er Jahren wurde in den USA die Möglichkeit einer künstlichen Lebenswelt erprobt. Das Experiment scheiterte schließlich; mehr Hintergrund findet sich auf Wikipedia: Biosphäre 2.

„Nichts rein, nichts raus!“

Davon hängt der Erfolg dieser 2. Mission ab, scheiterte die vorherige doch gerade daran, dass bei Problemen Hilfestellung von Außen gegeben wurde. Da auch ökonomische Interessen keine unerhebliche Rolle spielen, ist der Erfolgsdruck nicht nur für die acht Insassen, sondern auch für die Verantwortlichen des Projekts riesengroß. Ihnen sitzt die Öffentlichkeit im Nacken. Ob fotoapparatschwingende Touristen oder die sensationsgierige Presse, die Furcht vor einem Fehler und dessen mediale Ausschlachtung bestimmen das Handeln aller, denn ein zweites Scheitern würde der gesamten Unternehmung wohl den Todesstoß versetzen.

Alle Planbarkeit hat ihre Grenzen. Technisches und naturwissenschaftliches Knowhow sind bis zum Ende ausgereizt, doch wie sich die Natur unter bestimmten Bedingungen verhält, kann niemand vorhersagen. Und das trifft auch auf die humanen Bewohner zu. Der Gruppenzwang, das voneinander Abhängigsein und ständige Aufeinanderhocken sind eine psychische Grenzerfahrung, die jedem seine Möglichkeiten aufzeigen. So reagieren Menschen zunehmend gereizter und unkontrollierbarer – erst recht,  wenn sie unter Nahrungs- und Sauerstoffmangel leben.

„… wir waren schon zu lange miteinander eingesperrt und kannten einander zu gut, jede Eigenart und Geste, jede Phrase, jede Sprechgewohnheit, jede hundertmal gehörte Geschichte zerrte an unseren Nerven, bis das Prinzip der Kameradschaft nur noch ein schlechter Witz war.“

Damit ist ein Szenario angerichtet, in dem sich T.C. Boyle so richtig austoben kann. Es gibt Harmonie und Euphorie,  Enttäuschung und Wut. Die körperlichen und psychischen Veränderungen rufen Konflikte auf den Plan, denn wo Menschen aufeinandertreffen, entwickeln sich Sympathie und Antipathie. Neid und Missgunst treten auf, die gegenseitigen Einschätzungen wechseln und führen zu veränderten Konstellationen. Ein einziges Gefühlschaos unter zunehmender Erschöpfung. Und schließlich ein Ereignis, dass die gesamte Situation verschärft und das Projekt scheitern lassen könnte.

Der Verlauf des Experiments wird aufeinanderfolgend aus der Sicht von zwei Teilnehmern der aktuellen Mission und einer abgelehnten Kandidatin, die sich Hoffnung auf einen Einsatz für die folgende Mission macht, abwechselnd geschildert. Ja, und das ist ganz großartig von Boyle gestaltet: Das Eintauchen in die Gedanken- und Gefühlswelt der drei Erzähler; die Darstellung ihrer Zerissenheit im Wechselbad der Emotionen, gespeist durch einen Cocktail aus ambitionierten „Hinter-dem-Projekt-stehen“ und dem Wunsch nach persönlichem Erfolg. Sie haben sich einem Projekt unterworfen, dem sie nun völlig ausgeliefert sind, denn sämtliche Anstrengungen wären umsonst, würden sie aus E2 aussteigen. So entsteht unter den Kandidaten und Teilnehmern ein undurchschaubares, von Egoismus geprägtes Klima. Das Projektleitungsteam weiß um seine Macht, setzt Termine und Regeln nach eigenem Dünken und läßt die Mitarbeiter wie Marionetten tanzen.

T.C. Boyle nutzt diesen künstlichen Kosmos ein weiteres Mal für seine gekonnten Charakterzeichnungen und greift gleichzeitig die ihm immer schon wichtige Umweltthematik  auf. Die  Suche nach alternativen Überlebensmöglichkeiten als deutlicher Fingerzeig auf die immer wahrscheinlicher werdende ökologische Katastrophe:

„…, dass unsere Spezies durch Überbevölkerung, Industrialisierung und den bedenkenlosen Verbrauch fossiler Brennstoffe im Begriff war, das globale Ökosystem zu zerstören oder jedenfalls entscheidend zu schwächen…“

Mir hat der Roman  gefallen, weil es Boyle gelingt, seine Leser in die Projektatmosphäre zu entführen, so dass man sich bald selbst auf dem Gelände in der arizonischen Wüste wähnt. Die durchaus zwiespältigen Charaktere bilden dabei den Mittelpunkt des Romans. Der Autor dringt tief in die Psyche seiner Figuren ein und läßt diese sich vor dem Leser offenbaren. All die hässlichen und gerne versteckten Gedanken und Charakterzüge treten schonungslos zu Tage und das alles in einer sich zuspitzenden Situation, die den einzelnen immer weiter einschränkt.

Stets bemühen sich die Erzähler für ihre Verhaltensweisen um Sympathie beim Leser. Ein indirekter Dialog, den Boyle geschickt einfädelt und bei dem man selbst nicht umhin kommt, sich eine Meinung zu bilden. Empfehlenswert sind „Die Terranauten“ nicht nur deshalb, sondern auch wegen des wunderbar unterschwelligen Humors, der das ganze Buch durchzieht. Ein unterhaltsames Kammerspiel!


T.C.BOYLE, „Die Terranauten“, Hanser Verlag

Die Terranauten
(c)Hanser Verlag
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Ein Kommentar zu “T.C. Boyle – Die Terranauten”

  1. Schön. ich freue mich schon auf das Buch, las aber kürzlich eher negatives darüber. Deine Besprechung, die besonders Boyles wunderbaren Humor erwähnt macht das wieder wett. Thanks!

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