Dennis Lehane – In der Nacht

Nur wenige Autoren können über ihre ganze Werkpalette mit konstant guter Leistung aufwarten. Dennis Lehane gehört unzweifelhaft dazu. Mit „In der Nacht“ liefert er eine Gangstergeschichte ab, die durch ihre tiefe Zeichnung der Personen hervorsticht und ansonsten alles aufweist, was ein Epos im organisierten Verbrechermilieu beinhalten sollte.

Ich habe mir die Lektüre dieses Buches bewusst aufgehoben – aufgehoben für die Zeit nach dem Komplettsehen der TV-Serie „Boardwalk Empire“, die während der Zeit der amerikanischen Prohibition spielt und viel über die wechselnden Verhältnisse und Beziehungen der unterschiedlichen Verbrechersyndikate an der Ostküste verrät. Lehane, der an der Serie ebenfalls mitwirkte,  knüpft mit dem Roman zeitlich an die Serie an und endet mit seiner Geschichte in der Zeit der Aufhebung des Verbots 1933. Auch er konzentriert sich auf die Ostküstenszenerie, deren Wirkungskreis bis ins südliche Florida reicht.

Der Roman ist zunächst einmal eine Aufsteigerstory. Erzählt wird die wechselvolle Geschichte des Joseph „Joe“ Coughlin, der entgegen sonstiger Klischees nicht aus der Gosse sondern aus einem guten Elternhaus abstammt. Der Vater hat es immerhin zum stellvertretenden Polizeichef von Boston gebracht. Ganz sauber ist dessen Weste allerdings auch nicht, doch ist der korrupte Schmutz darauf eine Zeiterscheinung, die nicht ungewöhnlich war. Joe jedoch, den wir als Zwanzigjährigen bei einem Überfall kennenlernen, hat sich für die Welt der Gesetzlosen – wie er sich selbst sieht – entschieden. Ein Mörder wird aus ihm nicht, er ist intelligent und nutzt seinen Verstand. So gelingt es ihm öfter seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und schließlich als interessante Schachfigur der großen Bosse herzuhalten. Doch der endgültige Aufstieg zum erfolgreichem Rum-Schmuggler ist ein harter Weg: Er führt ihn ins Gefängnis, lässt ihn nur knapp am gewaltsamen Tod vorbeischrammen und beschert ihm eine Menge unerfreulicher Erfahrungen.Über all diese teils brutalen Erlebnisse hilft ihm ein menschliches Gefühl hinweg: Die Zuneigung zu einer Frau. Diese Liebe wird Joe sein ganzes Leben in seinem Herzen tragen und stets Phasen der Schwermut verschaffen.

„Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexiko wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement. Zwölf bewaffnete Kerle warteten darauf, dass sie endlich weit genug draußen waren, um ihn über Bord werfen zu können, während Joe dem Tuckern des Motors lauschte, den Blick auf das schäumende Kielwasser gerichtet. Und plötzlich kam ihm der Gedanke, dass sein Leben – im positiven wie im negativen Sinne – nicht halb so bemerkenswert verlaufen wäre, hätte ihn das Schicksal an jenem Morgen nicht mit Emma Gould zusammengeführt.“

Gangster mit  Waffen, die gerne auch ihre Fäuste gebrauchen, führen unweigerlich zu Schwerverletzen und wie in der hier beschriebenen Zeit vorallem zu vielen Toten. Die Auseinandersetzungen rivalisierender Clans  während der Prohibition gehören zu den blutigsten Phasen der neueren inneramerikanischen Geschichte. Mit dem Schmuggel und Verkauf von Alkohol verdienten sich die Banden eine goldene Nase. Die Profitgier führte ständig zu wechselnden Konstellationen. Eine Absprache konnte am nächsten Tag nichts mehr Wert sein und zu gewaltigen bzw. gewalttätigen Veränderungen führen. Positionen oder Menschenleben zählten in dieser Branche nicht viel. Das Geschäft stand im absoluten Vordergrund, durchorganisiert von der Herstellung bis zum Verkauf. Schwierigkeiten in dieser Kette waren unter den hartgesottenen Bossen undenkbar und wurden rigoros geahndet.

„Joe wusste, was das Nicken bedeutete – genau deshalb waren sie Gesetzlose. Um Dinge zu erleben… Drahtseilakte ohne Netz und doppelten Boden. Genau in diesem Moment erinnerte sich Joe daran, was ihm damals als Dreizehnjährigem durch den Kopf geschossen war, als sie den Zeitungskiosk in der Bowdoin Street ausgeraubt hatten: „

„In der Nacht“ ist ein intelligent komponierter Krimi, der nicht nur mit historischen Fakten spielt, sondern das gesamte Potential von Literatur nutzt. Mit Liebe zum Detail schildert Lehane den Glanz und das Elend einer für die kriminellen Elemente aufregenden Zeit. Das wird mitreißend erzählt, mit einer großen Bandbreite an Charakteren. Seinen Protagonisten lässt er mal gefühlvoll, mal „professionell“ kaltherzig auftreten. Dabei nimmt Lehane immer wieder das Tempo aus dem Geschehen und verschafft Joe Zeit, um über sein Handeln und sein Umfeld zu reflektieren. Es macht Spaß, einen schlauen Kopf zu begleiten, der sich alles, was er im Leben erreicht hat, hart erkämpfen musste. An der Spitze angelangt, wird die Luft allerdings dünner, Vorsicht und Misstrauen wachsen an  und gipfeln in einem furiosen Finale.

Eine Verfilmung des Romans ist im Februar 2017 unter dem Originaltitel „Live by Night“ in den deutschsprachigen Kinos gelaufen. Lehane verkaufte die Filmrechte noch vor Veröffentlichung des Buches – gelandet ist es in altbewährten Händen: Ben Affleck hat, wie auch schon bei der Romanverfilmung „Gone Baby Gone“, Regie geführt und diesmal auch die Hauptrolle übernommen.

Wer Dennis Lehane bisher verpasst hat, dem sei der Autor an dieser Stelle wärmstens empfohlen. Seine sechs Bände umfassende Reihe mit dem Bostoner Detektivpaar Gennaro/Kenzie (derzeit in Neuübersetzung bei Diogenes) gehört für mich zum besten, was ich im Spannungssegment bisher gelesen habe. Und auch „In der Nacht“ hat mich überzeugt!


DENNIS LEHANE, „In der Nacht“, Diogenes

In der Nacht
(c) Diogenes Verlag
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Ein Kommentar zu “Dennis Lehane – In der Nacht”

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