Denis Johnson – Die lachenden Ungeheuer

Das Spionagegeschäft ist in unserer bestens vernetzten Informationsgesellschaft vielleicht die letzte Bastion des Undurchschaubaren und Geheimen. Der neue Roman von Denis Johnson widmet sich diesem Milieu und verstärkt den Effekt des schwer Greifbaren, in dem er die Handlung  in das unübersichtliche Terrain Afrikas verlegt. Johnson kennt die Szenerie aus eigener Erfahrung: Als Reporter berichtete er aus verschiedenen afrikanischen Kriegsgebieten.

Roland Nair, zur Hälfte Däne bzw. Amerikaner (er besitzt auf jeden Fall Pässe beider Länder), folgt seinem Freund Michael Adriko, der zu seiner Hochzeit mit der schönen amerikanischen Studentin Davidia St.Claire nach Uganda unterwegs ist, quer über den afrikanischen Kontinent. Die beiden Männer kennen sich seit gut zehn Jahren aus gemeinsamen Einsätzen in Afghanistan und Sierra Leone. Ihre Vita ist eine Aneinanderreihung unsicherer Fakten – nur eines ist sicher: Beide haben in Kriegsgebieten nicht nur für offizielle Seiten gearbeitet, sondern auch nebenbei ihren privaten Vorteil gesucht. Adriko ist der eher physisch agierende Typ, Nair ein kopflastiger Zyniker, der verblüffenderweise kein Dänisch spricht. Nach sieben Jahren treffen sie sich nun in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, wieder.

Im Auftrag des Geheimdienstes der NATO soll Nair seinen Freund auskundschaften. Adriko, der zu einem amerikanischen Stützpunkt gehört, allerdings gebürtiger Afrikaner ist,  hält ihn jedoch an der „kurzen Leine“ und versorgt ihn nur dosiert mit gezielten Informationen über sein Vorhaben. Zu seiner eigenen Sicherheit, wie er zu Nair meint. Dieser unternimmt zeitgleich Verhandlungen für den Verkauf geheimer Daten und will damit den Ausstieg aus seinem Job vollziehen. Warum er auf Adriko angesetzt wurde, wird ihm erst mit der Zeit klar. Interesse an dessen Vorhaben zeigen auch andere Geheimdienste, deren Akteure wie zufällig immer wieder an den gleichen Orten der kleinen Reisegruppe auftauchen.

Die Unsicherheit der Fakten – ein Spiel das Johnson meisterlich aufzieht – stellt nicht nur für die im Roman handelnden Personen eine Herausforderung dar, es birgt auch für den Leser eine Ungewissheit, die eine Einschätzung der Gesamtsituation und des Wahrheitsgehaltes unmöglich macht. Dadurch wird ein ganz besonderer Spannungsbogen erzeugt. Nicht zu Unrecht wird im Klappentext auf Graham Greene verwiesen. Vieles erinnert an die Romane des britischen Schriftstellers („Der dritte Mann“, „Unser Mann in Havanna“, „Der Honorarkonsul“).

Denis Johnson mutet uns eine Reise auf dem afrikanischen Kontinent zu, bei der es keine Chance gibt, den Überblick zu behalten. Ländergrenzen werden unter abenteuerlichen Umständen überschritten, alles scheint professionell improvisiert zu sein. Anscheinend geht es auch nicht anders. Afrika als Sammelbecken von Interessengruppen aus aller Welt, angereichert mit gestrandeten Persönlichkeiten, die unter den Einheimischen in einer Parallelwelt agieren. Das Leben wird überschattet von Auseinandersetzungen der vielen Familienclans, Milizen und Armeen. Ein unberechenbares Risiko für jeden der nicht dazu gehört. Ein Leben zählt nicht viel. Armut und einfachste Lebensverhältnisse – noch immer kein Vergleich zu den Bedingungen in vielen Teilen dieses Planeten – schüren Neid und fördern eine missmutige Stimmung, die sich schnell aufheizen kann und nicht selten in fürchterlichen Gewaltorgien endet. Fremde dienen als Faustpfand, Korruption und Bestechung verhindern die Entwicklung einer gerechteren und ausgeglichenen Gesellschaft.

Nicht alle Bücher von Denis Johnson haben mir gleich gut gefallen. Weiterentdecken wollte und will ich diesen fabelhaften Autoren trotzdem. Mit „Die lachenden Ungeheuer“ ist ihm ein Buch geglückt, dem ich gerne gefolgt bin. Herausragend seine Gestaltung der Dialoge, die in einem locker witzigen und sehr direkten Ton stattfinden, wie er selten zu lesen ist. So bietet der Roman keine Geheimsprache, dafür viel Geheimniskrämerei und die Beschreibung aktueller afrikanischer Lebensbedingungen und politischer Zustände, die wirklich kein Gefühl von „exotischer Gute-Laune-Stimmung“ aufkommen lassen. Mit Roland Nair hat er einen launigen, selbstbezogenen Charakter in den Mittelpunkt gestellt, der mit seinem Egoismus keinen Sympathieträger darstellt.

Vieles in diesem Buch wird angerissen, nicht weiter vertieft und bleibt so zu einem großen Teil undeutlich. Seien es die Ziele der beteiligten Interessengruppen, die Vergangenheiten von Nair und Adriko oder die Konstellationen aller Beteiligten untereinander. Als Leser ist man der Beobachter, der Fragen hat und nur Teilantworten erhält. So ist das mit der Geheimdienstbranche.


DENIS JOHNSON, „Die lachenden Ungeheuer“, Rowohlt

C_978-3-498-03342-2.indd
(c)Rowohlt
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3 Kommentare zu “Denis Johnson – Die lachenden Ungeheuer”

  1. Mit Denis Johnson ist das so eine Sache. „Ein gerader Rauch“ hat mich eher zwiespältig zurückgelassen, „Keine Bewegung!“ fand ich persönlich ziemlich grottig. Der neue Titel spricht mir jedoch sehr an. (Nicht nur, weil er es auf die Krimi-Bestenliste geschafft hat) Und Deine Rezension lässt irgendwie hoffen, dass ich vllt. durchaus Vergnügen an „Die lachenden Ungeheuer“ finden könnte. Hm, mal sehen.

    Grüße und schönen Sonntag noch!

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    1. Ja, mit Denis Johnson ist das so eine Sache! „Keine Bewegung“ lies mich ratlos zurück, „Schon tot“ fand ich mitunter extrem schwierig, „Ein gerader Rauch“ gefiel mir überwiegend gut. Tatsächlich habe ich immer mal Probleme während der Lektüre seiner Bücher. Johnson macht es einem nicht immer leicht, aber ich komme auf ihn zurück, weil er interessante Themen wählt und diese in überzeugend erzählten Passagen vorlegt. Beste Grüße!

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      1. „Keine Bewegung“ fand ich verkrampft gewollt und las sich von vorne bis hinten wie eine Auftragsarbeit. Und wenn die Idee für den Genrewechsel von ihm kam, hat er hoffentlich eingesehen, dass es eine schlechte war. Schuster bleib bei deinen Leisten. 😉 – Ich stimme Dir aber zu. Johnson wagt sich an Themen, die sonst von der Unterhaltungsliteratur eher unangetastet bleiben bzw. weniger im Fokus stehen. Das lässt ihn halt auch immer wieder in mein Blickfeld rücken. Dennoch: So ganz überzeugen konnte er (mich) bisher nicht.

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