Roger Smith – Blutiges Erwachen

Ich war noch nie in Südafrika. Bisher habe ich Romane der südafrikanischen Autoren Nadine Gordimer, J.M.Coetzee und Andre Brink gelesen, die die Verhältnisse in Südafrika zu verschiedenen Zeiten schildern. In lebhafter Erinnerung ist mir der Film „Der Schrei nach Freiheit“ des britischen Regisseurs Richard Attenborough geblieben, in dem die schwierigen Bedingungen der Freiheitsbewegung ANC während des Apartheid-Regimes thematisiert werden. Und nun erstmals ein Thriller: „Blutiges Erwachen“ von Roger Smith.

Ich gebe zu, trotz aller Vorkenntnisse der südafrikanischen Geschichte und der daraus bedingten besonderen gesellschaftlichen Verhältnisse sowie einiger Rezensionen zum Buch, war ich doch schockiert. Schockiert von dieser nicht enden wollenden Welle der Gewalttätigkeiten, die sich durch das Buch mit einer Schonungslosigkeit von einer Blutlache zur nächsten bewegt. Was Roger Smith mir da vorlegte, hatte ich so nicht erwartet. Meine Lesart des Buches änderte sich sehr schnell. War ich zunächst nur an einem spannenden Thriller interessiert, beschäftigte mich zunehmend auch die Frage: Was bringt die Menschen dazu, so brutal miteinander umzugehen?

Der Roman gibt dazu keine umfassende Antwort, spielt er doch in einer vom Autor geschaffenen fiktionalen Welt, die der Realität nachempfunden ist. Auf mehreren Handlungsebenen läßt Smith einen ehemaligen Polizisten und jetzigen Söldner, eine Mörderin, sich bekämpfende Drogenbanden und – am deutlichsten in Erinnerung bleibend! – einen schonungslos gewalttätigen Psychopathen zu Felde ziehen. Alle Beteiligten rücken näher zusammen, als es gut für sie ist. Die daraus entstehenden Konflikte werden größtenteils „handgreiflich“ gelöst.

Nicht zu vergessen, der Stoff aus dem die Träume sind: Drogen. Lebenselixier, als Einnahmequelle oder Überlebensmedizin unverzichtbar für das Überleben in den Elendsvierteln. Scheinbar alle sind mit dieser militärisch organisierten Verbrecherwelt verstrickt, ob als Konsumenten oder Verteiler. Ausstieg nicht möglich: Leben und Tod liegen hier dicht zusammen.

Zwischendurch irritiert dann komischerweise das „normale“, „menschelnde“ Verhalten auf der Seite der kriminellen Elemente. Da kann man von einem Ganganführer lesen, der um seine Familie besorgt ist und die Aufrechterhaltung eines ausgehandelten Bandenfriedens unbedingt einhalten will. Doch auf den Tod seines Sohnes reagiert er dann mit äußerster Brutalität. Sein Gegenspieler, Anführer einer rivalisierenden Gruppe, will nicht, das seine dreizehnjährigen Tochter mit einer Waffe in Berührung kommt oder jemanden umbringt. „Das sei sein Business“ so seine Erklärung für die Ablehnung ihres Wunsches nach einer Schußwaffe. Die Tochter versteht das natürlich nicht, denn sie sieht ihren Vater und seine Gefolgsleute dauernd mit Waffen hantieren und Leute umbringen. So zieht sich die Gewaltanwendung von Generation zu Generation. Denn wenn Du keine anderen Möglichkeiten der Durchsetzung lernst, greifst du zu den Mitteln deiner Vorfahren.

Natürlich liefert „Blutiges Erwachen“ ein überzeichnetes Bild der Gewalt. Hier hat sich der Autor einer Realität bedient, die lokal vorhanden, aber keineswegs allgegenwärtig ist.  Abschreckend, überzogen, das alles trifft es. Und trotzdem hat es mich an sich gerissen, an sich gefesselt, dieses oft schwer zu ertragende Gemetzel. Dahinter steckt ein perfekt konstruierter Thriller, der mit seinen Handlungsebenen, die geschickt miteinander verflochten sind, kurzlebig und ohne Frage spannungsgeladen ist. Ein filmreifer Showdown schließt diesen Extremthriller ab, der einem als absolut aufregend in Erinnerung bleibt und gleichzeitig mit einer bedrückenden Stimmung entlässt.

Am Ende steht ein intensives Leseerlebnis. Ein realistisches Abbild südafrikanischer Verhältnisse wahrscheinlich nicht. Roger Smith bedient sich aus dem kriminellen Milieu und entwickelt daraus einen wahren Alptraum – eigentlich außerhalb jeder Vorstellungskraft – und schafft damit eine Wirklichkeit, deren Teil man nur in einem Buch sein möchte.


ROGER SMITH, „Blutiges Erwachen“, Tropen (Gebunden)/Heyne Hardcore (Taschenbuch)

(c)Heyne
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3 Kommentare zu “Roger Smith – Blutiges Erwachen”

  1. Schöne Besprechung! Roger Smith ist auch noch in meiner Pipeline. Muss sagen, dass sich Südafrika zu einem richtigen Schmelztiegel für gute Krimiautoren gemausert hat. Malla Nunn, Deon Meyer, Andrew Brown, Mike Nicol, James McClure und eben Roger Smith. Das kann sich schon sehen bzw. lesen lassen. – Was Belletristik angeht: Kannst du von Gordimer einen Titel empfehlen?

    Gefällt 1 Person

    1. Danke! Ich habe von Nadine Gordimer bisher nur ein Buch gelesen – „Ein Mann von der Straße“ – das hat mir gefallen. Ich habe noch einige Werke hier (siehe KC), die warten allerdings schon eine Weile… und Du auf meine Empfehlung dann wohl auch! ;-O

      Gefällt 1 Person

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