Larry Brown – Fay

Wie gut es einem geht, nimmt man meistens bewusst wahr, wenn man die Lebensumstände anderer erfährt, denen das Schicksal kein so glückliches Los beschert hat. Alles ist besser, denkt sich auch die siebzehnjährige Fay, die fort will von einer Familie ohne Heimat. Sie macht sich auf den Weg und nimmt ihre Zukunft selbst in die Hand. Wenig Bildung und eine eingegrenzte Lebenserfahrung lassen dieses Vorhaben jedoch beschwerlich werden.

„Also, mein Vater ist ein Säufer, meine Mama total verrückt, sie wohnen in einer morschen Hütte im Wald, und der Fußboden ist so dreckig, dass man nicht barfuß drübergehen will. Und drinnen muß man vorsichtig sein, weil die Wespen überall ihre Nester bauen.“

Sie wächst mit einem Vater auf, der über die Familie verfügt, wie es ihm gefällt, der weder Wärme noch Fürsorge für seine Kinder empfindet. Wie Nomaden ziehen sie umher, Wanderarbeiter auf der Suche nach einer Beschäftigung, immer saisonal unterwegs.  Der Vater nimmt Fay früh von der Schule, damit sie ihren Beitrag für den Unterhalt der Familie beisteuern kann. Den jüngsten, kränkelnden Sohn tauscht er ein und schließlich versucht er die zur jungen Frau herangewachsene Tochter zu missbrauchen.

„So weit sie zurückdenken konnte, erinnerte sie sich daran, dass ringsum immer gearbeitet wurde… wie sie mit Hacken und Rechen zwischen den Feldern gegangen waren, wie sie im Herbst in Georgia sogar auf Knien Pekannüsse aufgelesen und in den Falten ihres Kleids gesammelt hatte… Doch im Sommer hatte immer diese entsetzliche Sonne gebrannt. Und sie begriff nicht, wie man ihr das hatte antun können. Ihnen allen.“

Fay haut ab, entzieht sich dem rücksichtslosen Trinker und der hilflosen Mutter, läßt Bruder und Schwester schweren Herzens zurück. Naiv und mutig zugleich, denn mit 2 Dollar und einigen Zigaretten in der Tasche, ohne weitere Kleidung und mit einer wagen Idee, wo sie hin will. Sie träumt vom Meer, vom  Süden. Ganz allein macht sie sich auf den Weg – ein gefährliches Unterfangen, stellt sie doch ein leichtes Opfer dar. Schon nach kurzer Zeit gerät sie an drei junge Angler, die sie in ihrem Pick-up mit zu sich nach Hause nehmen. Fay unterschätzt die latente Gefahr, geblendet von der vermeintlichen Hilfsbereitschaft die von der Männergruppe ausgeht und die sie schließlich mit Alkohol und Drogen verführen wollen.

Eine starke Übelkeit rettet sie und führt sie nach der heimlichen Flucht schließlich zu Sam und Amy, einem Polizisten und seiner Frau. Beide haben vier Jahre zuvor ihre Tochter Karen bei einem Autounfall verloren. Sie kümmern sich um Fay, gehen mit ihr vertrauensvoll um, bieten ihr Unterkunft und versorgen sie mit dem Notwendigsten, wie Wechselkleidung oder einer Brille zum Lesen. Bei ihnen lernt sie zum ersten Mal, was familläres Zusammensein auch bedeuten kann: Ein komfortables, sauberes Heim und ein freundschaftliches, ungezwungenes Verhältnis. Sie empfindet das Haus am See als einen Ort der Sicherheit, fühlt sich aufgehoben, möchte für immer bleiben. Doch die Idylle hält nicht, Amy stirbt und Sam’s Geliebte sieht ihre Chance gekommen. Liebe, Eifersucht, Gewalt. Was genau passiert, wird nicht verraten, nur soviel: Fay muß gehen, flüchtet und verliert die wertvolle Heimstatt. Wieder wird sie auf die Straße gezwungen, auf sich alleine gestellt, macht sie erneut Bekanntschaften. Vorallem Männer sprechen sie an, nicht alle meinen es gut mit ihr. Sie gerät in Kreise, die nur neue Probleme bringen, Sie widersteht dem schnellen Geld, will auf vernünftige Weise für ihren Unterhalt sorgen. Nur entwickeln sich die Dinge nicht in Fays Sinn.

„Larry Brown war einer der ehrlichsten und eindringlichsten Autoren, die je aus dem amerikanischen Süden kamen.“

Donald Ray Pollock

Im Nachwort von Alf Meyer erfährt man etwas mehr über Larry Brown (1951-2004), dem einstigen Feuerwehrmann, der aus einfachsten Verhältnissen stammte und der als Autodidakt schließlich zu einem anerkannten Schriftsteller wurde. Die Liste seiner Verehrer ist prominent: James Lee Burke, James Sallis, Joe R. Lansdale und John Grisham zollen ihm größten Respekt. Tatsächlich ist noch keines seiner Werke hierzulande erschienen, vielleicht mussten die genannten Autoren mit ihrem Erfolg erst den Weg für ihn ebnen. Denn es ist schon verwunderlich, warum dieses Buch erst jetzt auf dem deutschen Markt Einzug hält, 17 Jahre nach Originalveröffentlichung.

Brown kann das Lebensgefühl seiner Heimat adäquat wiedergeben, beschreibt die Schönheit des Südens, ohne sich dabei in ausufernden Formulierungen zu verlieren. Er kennt die Mentalität, die inneren Gedanken seiner Mitmenschen genau, weiß um ihre Sorgen und Nöte. Und so ist das Leben der Figuren in diesem Roman auch kein leichtes. Ob nun finanziell besser oder schlechter gestellt, sie schlagen sich alle mit ihren kleinen und großen Problemen herum. Sie bedrängen einander in Beziehungsfragen, sind auf der Suche nach menschlicher Geborgenheit und geben sich einem erschreckend hohen Konsum von Alkohol und Tabak hin. So ertragen sie den Alltag, manchmal seltsam oberflächlich und riskant, wie Amy, die alkoholisiert bei einem Verkehrsunfall ihr Leben verliert.

Trotz der mitunter rauhen und harten Wirklichkeit in diesem Buch findet sich Raum für Mitfühlendes und Menschliches. Vorallem Fay selbst, die trotz des negativen Erlebens der eigenen Kindheit ein starkes familiäres Empfinden in sich trägt. Ihre nachdenkliche Art, aus der immer wieder die Sorge für ihre Geschwister und ihre Mutter spricht, sind symphatisch. Gleichzeitig haben wir, die Leser, ständig Sorge um Fay. Allzu schnell läßt sie sich auf Bekanntschaften ein, in die sie sich ahnungslos begibt. Auf der Suche nach Geborgenheit wird sie von Großzügigkeit und charmanten Gesten getäuscht. Am Ende sind ihre Entscheidungen mangels Wissen um bessere Alternativen falsch, haben die wegweisenden Ereignisse ihre Zukunft mitentschieden. So entsteht eine Form von Spannung, die den Außenstehenden mitreißt und ein fürsorgliches Gefühl erzeugt. Man fragt sich Wie oft geht das noch gut?, fiebert mit und drückt Fay die Daumen, dass sie auf die richtigen Leute trifft, unterkommt, heimisch wird und es packt, das Leben.

„Sie wusste nicht, was sie machen sollte. So viel sie auch nachgedacht hatte, sie wusste es immer noch nicht.“

Fay ist eine unwiederstehliche junge Frau, der die Männer zu Füßen liegen, weil sie ihrer Ausstrahlung verfallen. Ohne es zu beabsichtigen, ja, ohne es zu ahnen, verdreht sie den Männern den Kopf. Larry Brown setzt die Folgen, die diese Männerbekanntschaften nach sich ziehen, konsequent um. Nach 640 Seiten wird einem klar, welche Art von Buch man hier vor sich hat. Eine Sammlung guter und schlechter Erfahrungen. Nicht selten liegen Fehleinschätzungen den aufkeimenden Hoffnungen zugrunde und enden schließlich in enttäuschenden Momenten. Unaufgeregt und mit einer klaren Sprache entwickelt dieses Buch einen Sog, ohne jemals übertrieben zu wirken. Larry Brown hat ein unglaublich intensives Stück Literatur geschrieben, dass nicht allein von einem Spannungsbogen lebt, sondern von der schriftstellerischen Fähigkeit zeugt, als guter Zuhörer im wahren Leben die Gedanken und Gefühle der Menschen wiedergeben zu können.

Tiefgründig und spannend ist dieser Roman, geprägt von einer Ernsthaftigkeit, die nicht unbedingt Merkmal eines Krimis ist. Die schönen Seiten seiner Heimat verewigt der Autor ebenso, wie das vorherrschende Lebensgefühl. Leichtigkeit und Schwermut liegen hier dicht beieinander. Lange nach Ende der Lektüre geisterte die Geschichte von Fay in meinem Kopf, kreisten die Gedanken um ihren zukünftigen Weg. Ein unerwarteter Effekt dieser Nachhall und Zeugnis für ein beeindruckendes Buch. Wie heisst es so schön:

„Unbedingt lesen!“


LARRY BROWN, „Fay“, Heyne Hardcore

(c)Heyne
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3 Kommentare zu “Larry Brown – Fay”

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