Paul Auster – 4 3 2 1

Ein besonderes Konstrukt, ein ungewöhnlicher Umfang – der amerikanische Autor Paul Auster überrascht mit seinem neuen Roman, obwohl viermal so ziemlich der gleiche Zeitraum beschrieben wird und die gleiche Person im Mittelpunkt steht.

Es war ein Ereignis, als Anfang diesen Jahres der neue Roman von Auster erschien. Voll des Lobes waren unzählige Besprechungen, sogar Bestsellerplatz „2“ wurde erreicht. Das hätte ich nicht erwartet, war es um Auster doch stiller geworden. Seine Fangemeinde schien ihn nicht vergessen zu haben und der Umfang des Werkes schreckte anscheinend auch niemanden ab. Ich habe das Buch erst jetzt im Urlaub gelesen, wollte mir für die Lektüre die angemessene Ruhe gönnen.

Irgendwann in den 2000er Jahren brauchte ich mal eine Pause von Paul Auster. Es gelang mir nicht mehr, seine Bücher auseinanderzuhalten. Die Inhalte all der Geschichten vermischten sich in meiner Erinnerung zu einem diffusen Mix. Was nicht bedeutet, mir hätten diese Bücher nicht gefallen. Vielmehr waren sie so routiniert geschrieben, dass sie sich bei mir gegenseitig neutralisierten. Entdeckt habe ich Auster mit „Die Musik des Zufalls“, dieser merkwürdigen Geschichte eines Spielers, der alles verliert und anschließend wie ein Gefangener seine Schulden abarbeiten muß. Es folgten die Klassiker „Mond über Manhattan“, „Leviathan“ und die „New York-Trilogie“. Allesamt ungewöhnliche Bücher, die sich dem Spannungsgenre stark nähern; in denen Auster seine Protagonisten auf eine undurchsichtige Reise schickt, sie zu suchenden und  rätsellösenden Helden in einem oftmals schwer greifbaren Umfeld macht. Das alles in einer einzigartigen sprachlichen Qualität. Tatsächlich ist Auster hierzulande und in seiner ehemaligen Wahlheimat Frankreich ein gefeierter Schriftsteller, während er in den USA bei weitem nicht den Erfolg vieler seiner Kollegen erreicht. Schon verwunderlich. Jetzt legt er ein monumentales Werk vor und die Befürchtung ist groß, ob der Erzähler Auster diesen langen Sprung schafft, sind seine Bücher doch  meistens deutlich unter 400 Seiten.

Ich beginne spätabends, lese nur wenige Seiten und der Aha-Effekt setzt sofort ein. So war das mit Auster: Ein Plauderton, ein flüssiges in die Geschichte gezogen werden. Toll! Zu Beginn wird die Familiengeschichte von Archibald Ferguson, der Hauptfigur des Buches, erzählt. Archie spielt hier noch keine Rolle; großartig das Eintauchen in die Biographien der vielen Verwandten. Dieses erste Kapitel (1.0) ist die Grundlage aller Konstellationen, aus denen sich – ich weiß was kommen wird – die vier verschiedenen Lebenswege von Archie ergeben werden. Darf ich verraten, dass er nach seinem Großvater benannt wurde?

Weiter geht es mit der Kindheit von Archie. Jetzt splittet Auster, beginnt vier seperate Erzählstränge (1.1-1.4), die alle unabhängig voneinander laufen. Der Fortgang dieser vier Geschichten wird zunächst von Archies Vater und dessen Brüdern bestimmt. Die Auswirkungen entscheiden darüber, wie gut Archies Familie finanziell aufgestellt ist – und damit auch über den Lebensstil seiner Kinder- und Jugendzeit. Es bleibt spannend, wie sich die einzelnen Versionen weiter voneinander wegbewegen, insbesondere die Entwicklung der Persönlichkeit von Archie. Die weiteren Hauptkapitel stehen für eine annährend gleiche Zeitspanne der einzelnen Lebensabschnitte (2.1-2.4; 3.1-3.4 usw.) und umfassen schließlich zwanzig Jahre. Die vier Archies entwickeln sich unterschiedlich, sind sich aber auch ähnlich. Eltern, Verwandte, Freunde sind ebenso viermalig vertreten, allerdings zum Teil deutlich gewandelt.


Inhaltsangaben zu „4 3 2 1“

Ohne Frage ist es für den Leser ein große Herausforderung, die vier Versionen auseinanderzuhalten. Um den Überblick zu behalten, habe ich ein kleines Leseprotokoll geführt, dass sich zu einer ziemlich langen Inhaltsangabe entwickelt hat. Wer möchte, kann meine Notizen beim Lesen zur Unterstützung nutzen. Wer das Buch nicht lesen will, hat hier einen zeitsparenden Weg gefunden. Ich biete zwei Varianten an:

Chronologischgemäß der Reihenfolge im Roman

Zusammengeführtalle Kapitel einer Version hintereinander; ermöglicht das leichtere Erfassen jedes Lebensweges


Eine unglaubliche Fleißarbeit, die Paul Auster hier abliefert. Fleißig, weil er stetig wichtige Ereignisse der amerikanischen Geschichte in die Handlung einbezieht, sie in den einzelnen Kapiteln unterschiedlich gewichtet und so ein vollständiges Puzzle der 50er- und 60er Jahre zusammensetzt, dass viele innenpolitisch bedeutsame Aspekte näher beleuchtet, die für die Entwicklung der USA in gesellschaftlichen Belangen wichtig waren. Neben den sozialen Verhältnissen – mit dem konfliktreichen Thema Rassismus – gehören dazu auch die Auswirkungen der agressiven Außenpolitik. Besonders der Vietnamkrieg führte zu tiefen Zerwürfnissen in der Gesellschaft, spaltete die amerikanische Bevölkerung in Kriegsgegner und Kriegsbefürworter.

Unweigerlich weckt Auster mein Interesse, mehr über diese Zeitspanne zu erfahren. Aber auch auf einem anderen Gebiet lockt der Autor meine Neugier. Denn eine Besonderheit des Buches ist die Nennung unzähliger anderer Bücher, die den Archies empfohlen werden. In einer der Versionen wird sogar eine Leseliste mit einhundert Büchern abgearbeitet. So entsteht in diesem Roman ein außergewöhnlicher Kanon der Weltliteratur, der es wert wäre, genauer betrachtet zu werden.

Außerdem finden sich in „4321“  eine Vielzahl biographischer Bezüge zu Paul Auster wieder: Neben seinen Aufenthalten in Paris, den schwierigen Anfängen als Lyriker oder der Arbeit als Übersetzer, fließen auch Ereignisse wie der Verkehrsunfall seiner Frau Siri Hustvedt mit ein; Archies Geburtsjahr ist Austers Geburtsjahr; der schon in seiner Kindheit bücherliebende Auster macht aus den Archies Bücherfreunde; die sportliche Eignung für diverse Sportarten haben nicht nur die vier Hauptfiguren, sondern auch der Verfasser war eine Sportskanone und ist großer Baseballfan. Ein unerschöpfliches literarisches Memo aus Realität und Fiktion.

Die vier verschiedenen Lebenswege sind eine spekulative Spielerei von Auster, der seine Geschichte jedes Mal etwas anders erzählt. Es ist nicht immer leicht, alle Figuren in jeder der Varianten den ganzen Roman über genau abzugrenzen. Auseinanderhalten lassen sich auf jeden Fall die Archies. Charakterlich entwickeln sie sich verschieden und ihre Schicksale weisen mit zunehmender Erzählung Unterschiede auf, die ein Verwechseln ausschließen. Mit zunehmender Lektüre taucht man immer tiefer in den Kosmos der vier heranwachsenden Archies ein und beginnt sie zu vergleichen und für sich zu bewerten. Ihre tiefgründige Gedankenwelt beherrscht weite Teile des Buches. Es sind die Überlegungen und Gefühle von Teenagern, die noch unsicher und unstet in ihrer Entwicklung sind, mit der Welt aus verschiedensten Gründen hadern, auch weil sie mit ihrer künstlerischen Veranlagung Außenseiter sind.

Es braucht Zeit und Durchhaltevermögen die 1259 Seiten von „4321“ zu bewältigen, denn der Text füllt nur selten nicht die ganze Seite aus. Eine Menge Stoff, jedoch stets gut zu lesen und zu verstehen. Nicht immer hält der Roman sein Niveau, wären ein paar Seiten weniger sicherlich gut gewesen. Doch so schreibt Paul Auster nun mal. Auf der letzten Seite angekommen, stellt sich das Gefühl ein, man habe vier Bücher gleichzeitig gelesen. Der „Was-wäre-wenn-Effekt“ wird deutlich und am Ende bietet Auster noch eine kleine Überraschung.

Der Roman ist trotz Länge absolut empfehlenswert, wartet mit vielen wunderbaren Geschichten auf, reflektiert vielschichtig das amerikanische Zeitgeschehen und bietet lesebegeisterten Menschen eine fantastische Quelle für Literatur.


PAUL AUSTER, „4 3 2 1“, Rowohlt

U1_978-3-498-00097-4.indd
(c)Rowohlt

 

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