George Pelecanos – Hard Revolution

Das Thema Rassismus bleibt in der amerikanischen Nation weiter aktuell im öffentlichen Bewusstsein. Angekurbelt durch einen Präsidenten, der den Graben in der Gesellschaft mit seinem unsäglichen Verhalten weiter vertieft, anstatt die mühsam erreichten Fortschritte seines Vorgängers weiter auszubauen. Neben dem vielgelobten Roman „Underground Railroad“ von Colson Whitehead erschien vor ein paar Monaten  in deutscher Erstübersetzung mit „Hard Revolution“ ein weiteres Buch, dass sich ebenfalls mit dem Konflikt zwischen Schwarzen und Weißen in den USA auseinandersetzt. Auch hier geht es in die Vergangenheit, allerdings nur ein paar Jahrzehnte zurück und im Gewand eines Kriminalromans.

Der von griechischen Emigranten abstammende Amerikaner George Pelecanos hat bereits einige Bücher verfasst, die zum Teil auch in deutscher Sprache erschienen sind. Doch keiner der deutschen Verlage hat den Autor mangels Erfolg (trotz 2. Platz Deutscher Krimipreis international 2000) weiter gepflegt. Für viele ist Pelecanos vorallem für seine mit dem „Edgar Allen Poe Award“ ausgezeichneten Drehbücher für die Ausnahmeserie „The Wire“ bekannt. Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit David Simon erfährt derzeit mit der Serie „The Deuce“ eine Neuauflage. „Hard Revolution“ ist Teil einer losen Reihe, kann aber als eigenständiges Werk angesehen werden.

Schauplatz ist Washington, D.C. in den 50er und 60er Jahren. Hauptfigur ist Derek Strange, ein schwarzer Polizist, aufgewachsen mitten im sich um Angleichung bemühten Amerika, das in  der Realität jedoch große Schwierigkeiten hat, die lange gelebte Praxis des Rassismus zu überwinden. Der Roman konzentriert sich auf wenige Tage im Jahr 1968. Es sind die aufwühlenden und bewegenden Tage in denen der Prediger Martin Luther King zu friedlichen Demonstrationen aufrief. Das tödliche Attentat auf ihn ist schließlich der Auslöser der historischen Unruhen in Washington, die völlig ausuferten und in einem anarchistischen Chaos endeten und letztlich mit Unterstützung der Army beendet wurden.

Doch bis es dazu kommt, versetzt uns Pelecanos zunächst kurz in das Jahr 1958, stellt das Viertel und seine Bewohner vor, in dem Derek mit seinen Eltern und seinem Bruder Dennis aufwächst. Die Brüder haben Eltern, die sich um sie bemühen, die durch eigene Arbeit ihre Familie versorgen und ihren Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen wollen. Nebenbei werden weitere Figuren eingeführt, die im späteren Verlauf auf unterschiedliche Weise die Leben von Derek und Dennis beeinflussen werden.

Ein Diebstahl, bei dem der junge Derek erwischt wird, ist Ausgangspunkt für den Wunsch Polizist zu werden. Schon als Heranwachsender ist Derek besonnen, läßt sich nicht von offensichtlichen Provokationen zu Gewalt aufwiegeln, verfügt über ein gesundes Rechtsbewusstsein, auch wenn die Verhältnisse für ihn als schwarzen Jungen alles andere als gut sind. Seinem Bruder sind diese Einstellungen eher fremd. Er hängt mit zwielichtigen Typen herum, verkauft illegale Drogen und konsumiert selber. Derek Stranges Durchsetzungswille aus Kindheitstagen und sein Wissen um Recht und Unrecht führen ihn schließlich zu seinem Traumjob. Dabei steht er zwischen den Fronten, denn als Polizist wird er auch von der eigenen sozialen Gruppe angefeindet, ist keiner, dem Vertrauen entgegengebracht wird, gehört er doch zum Staatssystem, das für die Diskriminierung verantwortlich ist.

„Ich wusste, dass manche weißen Polizisten mir gegenüber Ressentiments haben würden. Darauf war ich vorbereitet. Was ich nicht erwartet hatte, war, dass meine eigenen Leute mich angucken, als ob ich ihr Feind wäre. Ich versuch einfach bloß meinen Job zu machen und muss andauernd den Kopf einziehen, weil ich von beiden Seiten unter Beschuss gerate.“

„Hard Revolution“ zeigt ein Gesellschaftsbild in einem Umfeld, in dem Kriminalität zur Normalität gehört und selbstverständlicher Bestandteil des Alltags ist. Angesiedelt in einem Milieu der Kleinverbrecher, Schlägertypen, Trinker, Kiffer und Möchtegernanarchisten. Bemerkenswert wird das durch die Wahl des Zeitpunkts der Handlung, mitten hinein in die aufgeheizte Stimmung des Jahres 1968: Dem Jahr in dem Martin Luther King mit dem Aufruf zu friedlichem Protest und Demonstrationen weltweit für Aufsehen sorgte, dem Jahr in dem Präsident Johnson seine Wiederwahl ausschloß und der Vietnamkrieg  seinem Ende näher kommt. Eine Zeit des Umbruchs und Umdenkens, die allerdings erst begann und lange nicht in den Köpfen aller angekommen war. Der Prozeß hin zum antirassistischen Umgangs miteinander war in der Praxis ein wesentlich zäher und nach wie vor nicht gewaltfreier. Es sind die alltäglichen Situationen, Szenen einfacher Bürger, in denen Pelecanos beschreibt, wie die weiße Bevölkerung ihre Mitbürger weiterhin ausgrenzt und diskriminiert. Sei es der Zugang zu Bildungseinrichtungen, beim Kino- und Restaurantbesuch oder in Form von Strafzuschlägen für Kredite beim Autokauf.

„Die Lebensbedingungen hatten sich verschlechtert, in den vergangenen zehn Jahren war die Armut beständig gewachsen. … Die riesige Kluft zwischen Schwarzen und Weißen war eher noch breiter geworden als zuvor.“

Bei allem politischen Hintergrund darf nicht vergessen werden, dass es sich hier um einen Krimi handelt. Pelecanos versucht mit vielen Details den Zeitgeist zu vermitteln, vorneweg Sportergebnisse und ein vollgepackter Soundtrack Musik. Die Stärke des Buches ist jedoch die Konstruktion der Handlung, das Augenmerk auf mehrere Personen, deren Entwicklung vom Kindesalter bis ins Erwachsenenleben beschrieben wird. Ihr Festhalten an alten Freundschaften, die Vertiefung bereits vorhandener Denkmuster, führen zu einem Stillstand in der persönlichen Entwicklung. Sie verbringen ihr ganzes Leben im Viertel, arbeiten an Tankstellen ohne Aussicht auf bessere Jobs. Ihre Träume gehen im trostlosen Alltag unter. Sie lassen sich von charismatischen, selbstbezogenen Typen fehlleiten, die auf kriminelle Weise ihre Unzufriedenheit mit der Welt kompensieren wollen und begeben sich orientierungslos in gefährliche Abhängigkeit. Auch Dereks Bruder ist einer von ihnen. Sein persönliches Umfeld könnte nicht gegensätzlicher sein. Auf der Suche nach einem Weg für sich bleibt er ideenlos, verloren, allein.

„Und jetzt saß er hier mitten in der Nacht auf einer Schaukel, keine Freunde, keine Frau, niemand, mit dem er reden konnte, und niemand, der mit ihm reden wollte. Er war nur high. Saß in derselben Schaukel, in der er vor über zwanzig Jahren gesessen hatte. War noch immer ein Kind, hate sich nie weiterentwickelt.“

Alles gipfelt in der Ermordung von Dennis und stellt Derek vor eine Gewissensentscheidung. Er gerät in eine moralische Zwickmühle, die seine Ideale als Polizist in Frage stellt. Die Versuchung Rache zu nehmen und den Tod des Bruders nach den Regeln der Straße zu vergelten, ist enorm stark. Die Suche nach den Tätern fällt in die Zeit der Unruhen – unübersichtlich ist die Lage, die Möglichkeiten eigener Grenzüberschreitungen so leicht wie nie. Ein ständiges Ringen für Derek, dessen Vater ihn immer wieder ermahnt, die richtige Seite nicht zu verlassen.

Streckenweise besitzt „Hard Revolution“ Dokumentationscharakter, schwenkt aber zügig zu seiner Kriminalebene zurück und erhält die Spannung. So nimmt ein Teil des Werkes die Chronik der Ereignisse in den Tagen um die Ermordung Martin Luther Kings ein. Wie entwickelten sich die Unruhen, die in verheerenden Bränden und großflächigen Plünderungen ausarteten und wie reagierten die Behörden auf diese Welle der Gewalt, die in ihrem Höhepunkt keine Protestaktion, sondern nur noch ein riesieges Ausufern des Mobs war. Washington im Ausnahmezustand. Wer glaubt, der Roman sei die Antwort auf die aktuelle politische Entwicklung in den USA darf überrascht sein, das Buch erschien bereits 2004.

Der Roman bietet dabei auch einen überraschend anderen Blickwinkel, der aufzeigt, wie schwierig eine Aussöhnung in der Praxis für beide Seiten ist. George Pelecanos läßt seinen schwarzen Hauptdarsteller zu einer Erkenntnis gelangen, die nur allzu offensichtlich und verständlich ist: Rassismus ist eine wechselseitige Angelegenheit. Denn auch das Interesse der schwarzen Bevölkerung an ihren weißen Mitmenschen ist beschränkt. Derek interessiert sich nicht wirklich für seinen Partner Troy, der wiederum offen mit ihm umgeht. Voreingenommen von den standardisierten Vorurteilen kommt Derek gar nicht auf die Idee, dass Troy anders denkt als viele aus der weißen Bevölkerungschicht. Irgendwann wird Derek sein Irrtum klar und er erkennt, was für ein toleranter Mensch Troy ist.

Zusammengenommen bietet das Buch alle Komponenten eines guten und abwechslungsreichen Krimis. Neben der Aufklärung zweier Morde, geht der Roman der Frage nach der moralischen Rechtmäßigkeit von persönlicher Rache nach, sichtet intensiv die soziale und politische Situation und geht ganz bewusst den ausführlichen Weg über die innere Gedankenwelt der unterschiedlichen Protagonisten. Eine überzeugende Gesamtkomposition und vielleicht ja Stoff für eine neue TV-Serie.


GEORGE PELECANOS, „Hard Revolution“, ars vivendi

(c) ars vivendi

7 Kommentare zu „George Pelecanos – Hard Revolution“

    1. Ja, diese Superlative….Der bessere Autor ist dann wahrscheinlich doch (mit einer ganzen Reihe hervorragender Bücher) Dennis Lehane. Pelecanos liefert in diesem Fall ein wirklich tolles Buch mit leider immer noch aktueller Thematik. Vor einigen Jahren habe ich von ihm „Ein schmutziges Geschäft“ gelesen. Das fand ich eher „durchwachsen“ und war deshalb vor der Lektüre auch gespannt, ob es besser sein würde. War es! 😉

      Gefällt 3 Personen

  1. Uff, da hat sich das Warten gelohnt! Eine ausgezeichnete Rezension zu einem hierzulande immer noch weitestgehend unter dem Radar fliegenden Schriftsteller. „Hard Revolution“ muss ich mir bei gegebener Zeit auch vornehmen, wobei ich ja zugebe, dass ich mich auf „The Deuce“ noch mehr freue. „The Wire“ ist bis für mich heute das Non-Plus-Ultra in Sachen TV-Serie. Und der Trailer macht durchaus Hoffnung, dass man daran anknüpfen kann.

    Gefällt 2 Personen

    1. Das freut mich! Absolut empfehlenswertes Buch mit genau der Balance, die ich so sehr mag: Spannung und auch ein wenig Anspruch. Ich vermute mal, dass es davon, wie so oft, keine Taschenbuchausgabe geben wird.
      Und über die neuerliche Zusammenarbeit Simon/Pelecanos war ich auch erfreut. Ich hege natürlich ähnliche Erwartungen an „The Deuce“. Für alle, die es nicht wissen: „The Wire“ ist auch für mich DIE TV-Serie! Wahrscheinlich wird sie aufgrund der technischen Entwicklung im Laufe der Zeit etwas komisch wirken, aber die Erzählstruktur, die Charaktere und der akribische Blick auf die Zustände in Baltimore sind einfach einmalig.

      Gefällt 1 Person

      1. Denke ich auch nicht. Pelecanos ist in Deutschland einfach zu sehr (und leide) ein Unbekannter. Hatte mich damals schon gewundert, als Dumont die „Washington-Noir“-Reihe nochmal neu aufgelegt hat. Und Hoffnungen gehegt, dass man endlich auch „Shame the Devil“ übersetzt. Aber das war wohl nix. Da hat man sich einfach nur schamlos 1:1 bei Comparts DuMont Noir bedient. – Ehrlich gesagt glaube ich, dass „The Wire“ vergleichsweise gut altern wird, zumal die beschriebenen Problemfelder ja in Baltimore zumeist weiterhin akut sind. Ich bin gerade wieder dabei (diesmal auf BluRay) die komplette Serie durchzusuchten (gerade Staffel 2). Ob Bubbles, Kima, McNulty oder Omar – die Serie hat so viele großartige Darsteller-Leistungen, da weiß man gar nicht wenn man zuerst oder zuletzt würdigen soll. Wenn „The Deuce“ das Niveau nur halbwegs erreicht, ist es das Anschauen schon wert.

        Gefällt 1 Person

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