Ross Macdonald – Unterwegs im Leichenwagen

Auch in diesem Herbst hat der Diogenes Verlag eine weitere Neuübersetzung des amerikanischen Krimiklassikers Ross Macdonald herausgegeben. Wohlgemerkt keine deutsche Erstausgabe, denn „Unterwegs im Leichenwagen“ erschien 1965 bereits bei Rowohlt unter dem ähnlichen Titel „Camping im Leichenwagen“. Das „zebragestreift“ aus dem Originaltitel „The zebra-striped hearse“ wortwörtlich zu übernehmen, haben sich die deutschsprachigen Verlage anscheinend nicht getraut. Mehr Hintergrund zu Ross Macdonald und welche Rolle der Autor für mich spielt, findet sich im Beitrag zu seinem Roman „Schwarzgeld“.

Beauftragt wurde Privatdetektiv Lew Archer eigentlich, um herauszufinden wohin die vierundzwanzigjährige Harriet Blackwell mit ihrem Liebhaber – den sie erst Wochen zuvor in Mexiko kennengelernt hat – unterwegs ist. Es gilt eine mögliche Hochzeit zu verhindern, denn der Auftraggeber, der aus einer angesehen alten Familie stammende ehemalige Colonel Blackwell, hält den zukünftigen Schwiegersohn für einen Schwindler. Der schnell aufbrausende Vater hängt sehr an seiner Tochter, die übrigens mit ihrem nächsten Geburtstag zu einer vermögenden Frau wird, und versucht sie vor jeglichen Schaden zu bewahren. Archer erkennt gleich zu Beginn den Typus Mensch, den er mit dem alten Mann vor sich hat:

„Blackwell war ein unglücklicher Mann mit Problemen, schwerlich dazu berufen, im Leben anderer Menschen den lieben Gott zu spielen. Doch je unglücklicher sie waren und je mehr Probleme sie hatten, desto mehr strebten sie nach Allmacht.“

Schnell wirft die Identität des Herzgeliebten Harriets Fragen auf und eine Mordanschuldigung steht im Raum. Aus der Suche nach den beiden entwickelt sich schnell eine Fahndung mit Dringlichkeit, wird doch Schlimmstes befürchtet. Bei seinen Recherchen stösst Archer auf ein weiteres Todesopfer; immer mehr Verknüpfungen entstehen und der Privatdetektiv erhält nur allmählich Klarheit über die Zusammenhänge.

Herauszufinden, wer da wen umgebracht hat und warum – das ist ja in der Regel der Reiz eines Krimis. Im vorliegenden Band wird dieses Suchen zu einer wirklich kunstvollen Sache. Denn Macdonald setzt dem Publikum in seinem sich kontinuierlich entwickelnden Krimi Stück für Stück eines großen Puzzles vor. Was wir als Leser voreilig vielleicht als ein entscheidenes Teil ansehen, entpuppt sich später nur als Randstück, das für das Hauptmotiv in der Mitte nicht entscheidend ist. Vortrefflich gelingt Macdonald die gekonnte Balance zwischen den ins Leere laufenden Erkenntnissen und den hinzukommenden neuen Fakten, die dem ganzen eine andere Richtung geben.

„Ich habe ihn gestern Abend eingefangen. … Ich dachte, damit wäre der Fall abgeschlossen, aber das ist er nicht. Er wirft immer neue Fragen auf, immer neue Personen und Orte kommen ins Spiel. Immer neue Verbindungen zwischen den Beteiligten treten zutage.“

Mord mit Mord mit Mord verbinden sich zu einem Geflecht, aus dem nicht so leicht Motive abzuleiten sind – und erst recht nicht, wer dahinter steckt. So wird richtige Detektivarbeit geleistet, Fakten zusammengetragen und vorallem tief in der Vergangenheit geforscht, getreu Lew Archers Motto:

„Die Vergangenheit ist der Schlüssel zur Gegenwart.“

Der akribisch vorgehende Archer, der zwischen Los Angeles, San Francisco, dem Lake Tahoe und Mexiko hin- und herreist, sammelt Hinweise und gleicht sie mit den bisherigen Erkenntnissen ab. Seine Schlußfolgerungen haben nicht immer Bestand, müssen aufgrund neuer Details verworfen werden. Mit reichlich Erfahrung und Spürsinn befragt Archer eine Vielzahl von Personen, um an seine Informationen zu gelangen. Auffällig ist dabei, dass sie alle eine Unzufriedenheit austrahlen – und unabhängig ob sie nun in einer Beziehung stehen oder nicht – sie wirken einsam in ihrem Leben. Vielleicht fällt es ihnen dadurch leichter, sich dem Privatdetektiv zu öffnen. Der bemüht sich sein jeweiliges Gegenüber respektvoll zu behandeln, auch wenn manchmal ein härterer, Druck erzeugender Ton notwendig ist. Offen zeigt er seine Symphatien, bleibt unbestechlich und ermittelt möglichst objektiv.

„Ich dachte, dass man nie wissen kann, was Mörder tun würden. Die meisten von ihnen leben eine Phantasievorstellung aus, die sie selbst nicht erklären können: Sie zerstören eine Vergangenheit , die ihnen den Weg in die schöne neue Welt zu versperren scheint, betäuben ihre Angst vor dem Tod, indem sie selbst töten, oder begraben einen alten bösartigen Gram an einer Stelle, wo er sprießen und sich vermehren kann, um am Ende den Zerstörer zu zerstören.“

Kein Makel findet sich an diesem glänzend durcherzählten Kriminalroman, der am Anfang so klar die Richtung vorgibt und schnell zu einem wandlungsfähigen Gebilde wird. Die Auflösung am Ende ist nicht vorhersehbar, jedoch durch die in klarer und präziser Sprache abgebildete Handlung nachzuvollziehen. Nur der „zebragestreifte“ Leichenwagen aus dem Titel bleibt ein Rätsel.


ROSS MACDONALD, „Unterwegs im Leichenwagen“, Diogenes Verlag

(c)Diogenes Verlag

 

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