100. Geburtstag von Heinrich Böll

Am 21.Dezember 2017 wäre der deutsche Schriftsteller Heinrich Böll (1917-1985) 100 Jahre alt geworden. Der gebürtige Kölner gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Resultierend nicht nur aus seinem Wirken als Schriftsteller, erlangte Heinrich Böll einst einen unglaublich hohen Bekanntheitsgrad und avancierte so zum bekanntesten Vertreter der Literatur der Bundesrepublik Deutschland. Er war Preisträger der Gruppe 47, Büchner-Preisträger, deutscher und internationaler PEN-Präsident und erhielt 1972 den Nobelpreis für Literatur. Er setzte sich mehrfach für verfolgte Autoren ein, schmuggelte deren Manuskripte und half sogar einmal einer tschechischen Schriftstellerin mit dem Pass seiner Frau bei der Flucht über die Ost-West-Grenze. Mit einer Artikelserie, später als „Irisches Tagebuch“ zusammengefasst, löste er einen Reiseboom auf die nordeuropäische Insel aus. Seine Veröffentlichungen – Romane, Erzählungen, Hörspiele, Kritiken, Essays – finden inzwischen in einer 27-bändigen Werkausgabe Platz.

Man kann sicherlich festhalten, dass der Autor Heinrich Böll nicht vergessen, aber heute kaum mehr eine große Rolle spielt. Das mag an seiner Stoffwahl liegen, die sich immer  an der Gegenwart orientierte, Probleme und Strömungen aufgriff, die Böll wahrnahm und literarisch verarbeitete. Dazu gehörte die nachhaltige Aufarbeitung der deutschen Geschichte während der nationalsozialistischen Herrschaft, der Umgang mit den Schuldigen in der Nachkriegszeit oder die Darstellung der Schrecken des 2.Weltkrieges, die der Soldat Böll miterleben musste. Seine über fünfjährige Zeit als einfacher Soldat, die ihn an verschiedene Kriegsschauplätze in Europa führte, sollte zur prägenden Lebensphase werden, aus der sich seine späteren Haltungen, sein humanes, christliches Weltbild und sein Engagement in der bundesdeutschen Demokratie entwickelte. Böll erlebte die ganze Härte des Krieges, wurde mehrfach verwundet und verarbeitete seine Eindrücke in Erzählungen und Romanen („Wo warst du, Adam?“ ). Immer wieder mahnte er das kollektive Vergessen dieses Kapitels deutscher Geschichte an und forderte eine Aufarbeitung für alle Generationen an. Zu seiner Zeit nicht selbstverständlich.

„Wenn schon eine Kategorie sein muss, will ich ihn einen handfesten Realisten nennen.“ Christa Wolf

Seinen Bekanntheitsgrad erreichte er, wie erwähnt nicht nur wegen seines literarischen Schaffens. Aufmerksamkeit erregte Heinrich Böll vorallem wegen seiner Einmischung in die gesellschaftspolitische Aktualität. Seine Beiträge liefen nicht selten auf Kontroversen hinaus, dabei war Böll kein grundsätzlicher Störer. Er hatte eine Meinung, sah Entwicklungen kritisch und wollte in einer freien demokratischen Welt diskutieren dürfen. Sein Verhältnis zu „Altlasten“ des Nationalsozialismus („Billard um halb zehn“ ), die Rolle der katholischen Kirche als  „Institution“ („Ansichten eines Clowns“ ) oder die Verfehlungen journalistischer Praktiken („Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ ) gehörten zu den Themen mit denen er – nicht immer gewollt – öffentlichkeitswirksam in die tagesaktuelle Diskussion geriet. Das er, ein Schriftsteller eine derartige Rolle spielte, scheint heute unvorstellbar.

„Bewundert habe ich an meinem Vater immer, dass er sich seine Meinung vollkommen unäbhängig bildete, sich von keiner Gruppe, keiner politischen Richtung und keiner Partei abhängig machte. Er war ein Einzelgänger und im positiven Sinn eigensinnig.“ René Böll (Sohn von Heinrich Böll)

Immerhin hat der 100. Geburtstag dann doch wieder für ein wenig Aufmerksamkeit gesorgt. Über das Jahr verteilt fanden und finden Veranstaltungen und Ausstellungen statt. Auch die Verlage wollen mit neuen Publikationen Interesse wecken. Im wesentlichen gibt es drei beachtenswerte Neuerscheinungen:

  • Zum einen die von Jochen Schubert im Theiss Verlag neu erarbeitete Biographie, die Leben und Werk von Heinrich Böll aktuell beleuchtet. Schubert ist Mitherausgeber der Werkausgabe, also Kenner der Böllschen Welt. Seine Biographie geht auch auf die persönliche Situation Bölls ein, der zu Beginn seiner Arbeit als Autor mit großen finanziellen Engpässen leben musste. Die Einordnung seines Engagements wird ebenso beleuchtet, wie die Wirkung seiner literarischen Werke.
  • Heinrich Böll und die Deutschen“ von Ralf Schnell (ebenfalls Herausgeber der Werkausgabe) ist dagegen keine Biographie, obwohl auch hier ein Querschnitt aus Bölls Leben dargestellt wird. Vielmehr versucht der Band Bölls Beziehung zu seinem Land, seinen Landsleuten anhand bestimmter Themen darzustellen. Neben Köln als Heimatstadt wird in den Kapiteln der Schwerpunkt unter anderem auf Sprache und Literaturkritik, Kirche und Glauben, den deutschen Konservatismus, das Verhältnis zur DDR und auf wichtige Einschnitte in Bölls Biographie gelegt. Angereichert mit vielen Zitaten, ergibt sich ein fundiertes Bild von Heinrich Böll. Beide Bücher, die Anmerkung sei erlaubt, sind nicht immer leicht zu lesen, da die Autoren ihr wissenschaftliches Sprachvermögen einsetzen.
  • Die dritte Neuerscheinung ist Heinrich Bölls Kriegstagebuch von 1943-45. Ein bisher unveröffentlichtes Dokument, das authentisch die Gedanken- und Gefühlswelt des sich im Einsatz befindlichen jungen Soldaten zeigt. Es sind kurze Einträge, oft stichpunktartig, die Abneigung seines Verfassers verdeutlichend, der die Sinnlosigkeit und Unmenschlichkeit des Krieges anprangert. Für die Einordnung der sich mit dem Krieg auseinandersetzenden Werke Bölls eine beeindruckende Ergänzung.

Die LESESEITEN werden im Dezember Heinrich Böll gewidmet, weil er tatsächlich mein erster „Lieblingsautor“ war. Wie ich ihn entdeckte und in meinem Leben fortan immer wieder vorkam, das gibt es in einem Beitrag zu erfahren. Außerdem habe ich erstmals den Roman „Billard um halb zehn“ gelesen und werde ihn vorstellen. Vielleicht kann ich ja Interesse für eine Autoren wecken, der mit seinem Wirken eben mehr als nur ein Schriftsteller war. Der ein Zeitzeuge und literarischer Chronist des letzten Jahrhunderts war und der mit seinen Erfahrungen aktiv an der Entwicklung der Bundesrepublik teilnahm. Und wer jetzt vielleicht wegen einer ungeliebten Schullektüre nur an schwere Kost denkt, irrt. Denn Böll war ein genialer Satiriker und hatte einen ausgeprägten Humor. Deshalb hier gleich eine Empfehlung für die nächsten Tage: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ – inzwischen ein Klassiker der deutschen Literatur.

Heinrich Böll war ein ernster, nachdenklicher Intellektueller; ein Unangepasster, der mit der Welt der kleinen Leute und der Verlierer sympathisierte. Er nahm Anteil an gesellschaftlichen Entwicklungen und äußerste sich öffentlich. Das er zuweilen Themen zuspitzte, offen mit Tabus umging, machte ihn zu einer umstrittenen Person. Er litt unter Anfeindungen auf allen Ebenen, dabei ging es Heinrich Böll jedoch nie um sich selbst, sondern immer um die Sache, für die er sich einsetzte. Der Respekt der ihm nach seinem Tod gewährt wurde, zeugt von dem Einfluß den er ausübte. Als Pazifist, die Menschenrechte verteidigend, vertrat er ein humanistisches Weltbild. Vielleicht ist er, auch wenn er das stets von sich wies, doch das  „Gewissen der Nation“ gewesen. Einfach, weil da kein anderer wie er war.


NEUERSCHEINUNGEN ZUM 100. GEBURTSTAG VON HEINRICH BÖLL:

HEINRICH BÖLL, „Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind“, Kiepenheuer & Witsch

RALF SCHNELL, „Heinrich Böll und die Deutschen“, Kiepenheuer & Witsch

JOCHEN SCHUBERT, „Heinrich Böll“, Theiss Verlag

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(c)Kiepenheuer & Witsich
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(c)Theiss Verlag

2 Kommentare zu „100. Geburtstag von Heinrich Böll“

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