Heinrich Böll und ich

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Es war 1987 oder 1988. Ich war auf Klassenfahrt. Wo genau es hingegangen ist – ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern. Ganz klar vor Augen habe ich allerdings die brandenburgische Stadt Eberswalde, die wir an einem Tag besuchten. Im Bahnhof gab es ein hallenartiges Restaurant, ein kneipenähnelnder Saal mit lauter Vierer-Tischen und Selbstbedienung. Auf den Straßen fuhren Oberleitungs-Busse die mich irgendwie beeindruckten. Bisher kannte ich sie nur aus dem Fernsehen. In der Realität kamen sie mir eigenartig hilflos vor, so angewiesen auf die Leitung über ihnen. Was, wenn der Fahrer von der Spur abkam. Blieben sie dann antriebslos liegen?

An einer dieser Trassen, einer Hauptstraße, gab es auch eine Buchhandlung in die wir gingen. Eine Volksbuchhandlung mit dem üblichen Mobilar. Heißt, die Fensterseite zur Straße war mit massiven Drehsäulen, die den Blick nach draußen fast unmöglich machten, zugestellt. Ich habe nach dem Mauerfall in einer anderen Buchhandlung mal solche Drehsäulen entfernt. Wahre Meisterwerke der Stabilität. Das Innenleben einer solchen Säule bestand im Kern aus einem massiven Metallstandfuß der die drehbare Regaleinheit hielt. Oben und unten wurde das ganze von Holzkästen verdeckt. Unglaublich schwer alles zusammen. Und in so einer Drehsäule entdeckte ich mitten in Eberswalde Heinrich Böll.

DSC_0408Mein Interesse für Literatur war noch nicht lange ausgeprägt. Als Kind habe ich nicht gelesen. Die Schullektüren las ich aus Pflichtbewusstsein mit mässiger Begeisterung. Mit der Pubertät änderte sich das und innerhalb von zwei Jahren konnte ich mir sogar vorstellen, einen Beruf zu lernen, der mit Büchern zu tun hatte. Dass wir Fünfzehn-/Sechzehnjährigen in eine Buchhandlung gegangen sind, erscheint mir heute seltsam. Egal. So war es und ich kaufte „Die verlorene Ehre der  Katharina Blum“ . Gefunden in einer dieser monströsen Drehsäulen.

Ich war schon immer gut in der Auswahl meiner Bücher. Bis heute erkenne ich ziemlich genau, welches Werk mir gefallen wird. So erzeugte der erste Böll in meinen Händen das Gefühl, einen alten Bekannten wiedergefunden zu haben. Was natürlich Unsinn ist, denn der Name Heinrich Böll wird mir eher unbewusst – wenn überhaupt – bekannt gewesen sein. Meine Familie war zwar westlich orientiert, doch der Name fiel nie. Ich selbst war zu jung, Böll starb 1985. Seine mediale Wirkung fand vor meiner Zeit statt.

Schade, denke ich heute. Wie wäre es gewesen, einen tagesaktuellen Böll zu erleben? Die Reaktionen auf seine Äußerungen mitzubekommen, sich selbst eine Meinung über ihn zu bilden. Seine Biographie hat mich nach der Lektüre der „Katharina Blum“ sofort interessiert. Zu eng ist der Text mit der persönlichen Erfahrung des Autors verbunden und steht für ein Kapitel deutscher Journalismusgeschichte. Von einer langjährigen Freundin meiner Mutter bekam ich dann 1988 eine dtv-Ausgabe von „Das Brot der frühen Jahre“ geschenkt. Kaum erhalten, begann ich den schmalen Band  zu lesen. Ein anderer Böll als den ich bisher kannte. Andere Sprache, viel ruhiger und für mich jungen Menschen mit einer bedrückenden Stimmung. Auch diese Seite Bölls gefiel mir und ich versuchte weitere Werke zu ergattern. Am 11.11.89 betrat ich zum ersten Mal „westdeutschen“ Boden und kaufte mir sogleich die Rowohlt Monografie über Böll. So bleibt dieser aufregende Tag stets mit Heinrich Böll verbunden. Knapp zwanzig Jahre später wollte es der Zufall, dass ich selbst unweit dieser Buchhandlung Bücher verkaufen würde.

In der Lehre mussten wir dann einen Autor mit seinem Werk vorstellen. Ich bin von der Idee, vor Leuten sprechen zu müssen, noch nie begeistert gewesen. Um wenigstens etwas Wohlfühlfaktor zu erzeugen, meldete ich mich mit Böll und Katharina an – die Monografie als unterstützende Arbeitsquelle bei der Hand. Mein Vortrag lief gut, wurde sogar von einer Mitlernenden „ausgeliehen“. IMG_2080Ich kaufte mir fortan Bücher von und über Böll, las den größten Teil seines Werkes. Dabei beeindruckten mich vorallem die eher in der Kriegs- und Nachkriegszeit handelnden Romane und Erzählungen. Ohne Frage begeisterten mich die Satiren oder sein „Irisches Tagebuch“ – doch die Darstellung dieser für uns Deutsche so einschneidenden Zeit schien mir immer am authentischsten von Böll – dem Kriegsteilnehmer und Heimkehrer – beschrieben.

So begleitet mich Heinrich Böll also schon sehr lange und irgendwie treffe ich auf ihn auch immer wieder. Nach dem Umzug in eine andere Wohnung, war ich plötzlich nur fünf Minuten von einer Porträt-stele Heinrich Bölls entfernt. Sie steht dort vor der nach ihm benannten Bibliothek. Wann immer ich dort vorbeigelaufen bin, habe ich meinen Kopf kurz zur Seite in Richtung Böll gedreht und einen leisen Gruß gehaucht. Fehlt mir eigentlich nur noch die passende Wohnadresse: Wo gibt es denn den Heinrich-Böll-Weg?, die Heinrich-Böll-Str.? oder sogar die Heinrich-Böll-Allee? Immerhin schmückt sein Bild nun meine Briefe…

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Am 21.12.2017 wäre der gebürtige Kölner 100 Jahre alt geworden. Er ist schon lange nicht mehr unter uns, und die Welt hat sich seit 1985 sehr stark verändert. Seine Stimme, sein Engagement und seine Einmischung würden in der heutigen Zeit weiterhin gebraucht, fehlt es doch an intellektuellen Stimmen mit Gewicht. Erich Fried beschrieb diese Seite von Heinrich Böll sehr treffend in seinem Gedicht „Der nicht schwieg“ :

Dieser hat nicht geschwiegen/ und je mehr er empfand /und je tiefer er sich/ verwundet fühlte/ desto weniger ließ er sich/ in die Stummheit drängen

Mit großem Interesse verfolge ich auch weiterhin die Veröffentlichungen zu Heinrich Böll. In den letzten Wochen habe ich mich intensiv mit Böll beschäftigt, in Büchern gestöbert, Tondokumente gehört und neugierig die aktuellen Novitäten aufgesogen. Mit „Billard um halb zehn“ schließlich einen Roman erstmals gelesen, den ich mir für einen späteren Moment „aufgehoben“ hatte. Die Faszination für das literarische Werk und die außergewöhnliche Biographie bleibt ungebrochen. Was soll ich sagen? Ich komme nicht los von Böll.


Die Werke von Heinrich Böll sind im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. Taschenbuchausgaben sind bei dtv erhältlich. Im Hörverlag gibt es eine umfangreiche Box „Hörwerke“ .

100. Geburtstag von Heinrich Böll

 

 

 

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3 Kommentare zu „Heinrich Böll und ich“

  1. Oh, was für eine Liebeserklärung! Ich liebe meinen Heinrich Böll auch sehr, hätte ihn rein von meinem Geburtsjahr tatsächlich noch richtig wahrnehmen können, doch an mediale Auftritte seinerseits kann ich mich nicht wirklich erinnern. Mein erstes Buch von ihm war Billard um halbzehn, danach kamen die Ansichten eines Clowns und so ging es weiter. Im Moment sind wir an der Neuausrichtung unserer Bücherregale – eine gute Freundin hat mir vor kurzem die Bücher aus meiner Heimatstadt mitgebracht, die ich zwar noch nicht bei mir hatte, aber immer irgendwie mit mir führe. Als ich den ersten Karton aufmachte, waren da die vielen Bölls, die ich sträflich vernachlässigt hatte. Erst jetzt war mir bewußt geworden, wie sehr ich ihre Gegenwart vermisst hatte. Und nun haben sie einen prominenten Platz im Regal, sind immer greifbar. Für die Weihnachtsfeiertage habe ich mir mal wieder die Frauen vor Flußlandschaft bereit gelegt. Danke für Deinen wunderbaren Beitrag! Solidarische Grüße, Freundschaft! Bri

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