Heinrich Böll – Billard um halb zehn

Der 100. Geburtstag Heinrich Bölls war für mich Anlass eines der wenigen von mir ungelesen Werke des Schriftstellers zur Hand zu nehmen. „Billard um halb zehn“ gehört zu den bekanntesten Büchern des Kölners, erschienen 1959. Die Familiengeschichte der Fähmels, angelegt zwischen den großen Ereignissen der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, ist eine Reise in die deutsche Geschichte, eine Auseinandersetzung mit den großen Ereignissen, die heute zur Historie der Republik gehören.

Der Roman wechselt zwischen den Zeiten, wird aus der Sicht verschiedener Beteiligter geschildert und erfordert konzentriertes Mitlesen, damit man sich im Personen- und Zeitenkarussell zurechtfindet. Zusammengenommen schildert das Buch die Geschichte IMG_2197der Familie Fähmel, beginnend mit dem ältesten, Heinrich Fähmel, der mit dem Vorsatz eine große Familie zu gründen, 1907 vom Land in die Stadt zieht. Er nimmt an der Ausschreibung für den Bau einer Abtei teil und sticht mit seinem Entwurf gleich drei anerkannte Größen der Branche aus. Mit neunundzwanzig Jahren ist er ein gemachter Mann und muss sich um seine berufliche Zukunft nicht mehr sorgen. Schnell findet er seine Frau und gründet mit ihr die ersehnte Familie.

Doch die Geradlinigkeit der beruflichen Karriere setzt sich im Privaten nicht gleichsam fort. Von den geborenen Kindern sterben zwei, ein Sohn wird aufgrund seines politischen Mitläufertums im Dritten Reich zu einem Fremden, einer „Hülle“ seiner selbst. Bleibt noch Robert, der zweite Architekt der Familie, der später als Statiker tätig sein wird und während des Zweiten Weltkriegs in einer Sondereinheit besondere Aufgaben erfüllt. Sein Sohn schließlich ist der dritte Architekt der Familie und repräsentiert die jüngste Generation, die für den Neuanfang des Landes steht. Er ist mit dem Aufbau der im Krieg zerstörten Abtei betraut und soll das Werk seines Großvaters wieder entstehen lassen. Mit der Abtei ist noch ein weiteres Mitglied der Familie verbunden: Robert, der aufgrund seiner Ausbildung als Sprengmeister von den Militärs eingesetzt wird, ist der mutmaßliche Zerstörer eben dieser Abtei, die sein Vater entwarf und erbaute.

Soweit der grobe Rahmen des Romans, der am 80. Geburtstag von Heinrich Fähmel am 6. September 1958 spielt und in dessen Verlauf der Leser von den verschiedenen Protagonisten durch die Geschichte geführt wird. Der Weg der Familie beginnt in der wilhelminischen Zeit, führt über das nationalsozialistische Regime in die Zeit des beginnenden Aufstrebens der jungen Bundesrepublik. Deutlicher Schwerpunkt liegt in der Aufarbeitung der Ereignisse während der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Heinrich Böll greift hier zu einer bildlichen Übertragung und spricht von Büffeln und Lämmern. Ganz klar sind diese Bilder nicht immer – Böll gab in einem Interview in den siebziger Jahren dann auch zu, dass er inzwischen eine andere Darstellung wählen würde. Die Gruppe der Lämmer sind dabei nicht nur die Opfer, sondern zu ihnen gehören auch die untätigen und stillhaltenden Mitläufer – im Gegensatz zu den Büffeln, die eindeutig als Täter oder opportunistische Mitgestalter identifiziert werden können.

In „Billard um halb zehn“ erzählt Heinrich Böll nicht nur die Geschichte der Fähmels, er lässt besonders die Stimmung der fünfziger Jahre durch seine Darstellung kleiner Details, sei es in Beschreibungen oder Dialogen, aufleben. Aus heutiger Sicht ein Glücksfall: Denn authentischer kann man die damaligen Verhältnisse sicherlich nicht erfahrbar machen. Bestimmendes Thema ist die Darstellung eines Personenkreises, der IMG_2196aus den Entwicklungen der vorangegangen Jahrzehnte zerbrochen hervorgeht, der zum Teil Hass und Unverständnis, ja auch Unversöhnlichkeit spürt und im Altvertrauten nur noch Fremdheit empfindet. Am Ende fällt symbolisch ein Vertreter der Gruppe der opportunistischen Machtgierigen dem angestauten Hass zum Opfer. Ein Fingerzeig Bölls für die Zukunft, der darauf verweist, sich keinesfalls mit den Schuldigen früherer Zeit einzulassen und sie damit zu protegieren und legalisieren. Deutliche Kritik in  Richtung der damals agierenden Politikerkaste. Insbesondere die von Konrad Adenauer eingestellten Fachkräfte in Verwaltung oder Militär, die schon während der vorherigen Regierung im Amt waren, sind Böll ein Dorn im Auge. Eine klare Aufarbeitung sah für den Kriegsteilnehmer anders aus.

Heinrich Böll musste sich von der Kritik immer wieder gefallen lassen, kein Stilist zu sein. Abwertend wurde seine Literatur oft angesehen, genügte sie nicht den höchsten Ansprüchen bestimmter  Literaturwächter. Das seine Werke jedoch nicht mithalten können, oder weniger Wert wären, trifft sicherlich nicht zu. Böll vermochte mit seiner genauen Beobachtungsgabe vieles auszugleichen, sah er doch, was andere Autoren nicht wahrnahmen.  Auch in diesem Roman kommt man nicht umhin zu bemerken, wie einfühlsam der Literaturnobelpreisträger beschreiben kann und mit seinen Figuren umgeht. Er trifft nicht nur den Ton der unterschiedlichen sozialen Terrains, er entblösst nur allzu gerne die ihm Unsymphatischen, die sich verstellenden Karriere- und Statusgetriebenen.

Im Erscheinungsjahr 1959 herrschte im sich im Aufschwung befindlichen Deutschland eher eine Kultur der Verdrängung und Auslassung. Böll war im Gegensatz zu vielen anderen Autoren seiner Zeit der einzige, der den kritischen Blick in die Vergangenheit wagte. Er scheute die Konfrontation mit den Verfehlungen der jüngsten Geschichte nicht und  sprach die ausbleibende Auseinandersetzung in der Gesellschaft offen an. Schon aus diesem Grund ist „Billard um halb zehn“  ein eindrucksvolles Werk. Der Roman nimmt sich vorallem derer an, die an der Aufarbeitung der Schuldfrage verzweifeln und auf Gerechtigkeit hoffen. Heinrich Böll setzt sich für Benachteiligte und zu Unrecht verfolgte ein und wendet sich gegen die staatlich gestützte Passivität bei der  Aufklärung und Bestrafung von Tätern. Ein ewig aktuelles Thema.


HEINRICH BÖLL, „Billard um halb zehn“, Kiepenheuer & Witsch und dtv

 

2 Kommentare zu „Heinrich Böll – Billard um halb zehn“

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