Dennis Lehane – Der Abgrund in dir

Der neue Roman des amerikanischen Autoren Dennis Lehane „Der Abgrund in dir“ ist soeben auf deutsch erschienen. Der Diogenes Verlag verschickte vorab Leseexemplare mit einem weißen Schutzumschlag, auf dem stand:  „Lesen Sie dieses Buch bitte zuerst.“ Diese Aufforderung wäre normalerweise nicht notwendig gewesen, hätte ich den Verfasser des Buches erkennen können; gehört Lehane doch zu meinen bevorzugten Krimiautoren. Gelesen wurde also sofort. Was dann folgte, war das lange Warten auf ein Buch, das meine Erwartungen erfüllen sollte. Erwartungen, die aus vorherigen Lektüren fest verankert sind. Sie kamen, aber spät.

Der Anlauf zu den wahren Höhepunkten von „Der Abgrund in dir“ ist lang. Der Roman scheint ein Versuch Lehanes zu sein, ernsthafte Literatur mit seinen bewährten Spannungsgeschichten zu kombinieren. Heißt nicht, dass in den vorherigen Werken kein literarisches Niveau steckte, nur uferten die Darstellungen zu Beginn soweit aus, das sie mich erschlugen und ein wenig langweilten. Im Hinterkopf rumorte es: Wann geht es denn los? Wann kommt der große Umschwung? Kommt überhaupt einer? Der Klappentext versprach „Psychologischer Thriller und Liebesgeschichte“. Ehe ein falsches Bild entsteht: Der Umschwung kommt und er bringt das, was man sich erhoffte. Eine spannungsgeladene, verworrene und durchaus auf den Anfang des Buches bezogene Geschichte, die mitreisst und deren Ende einen einfach interessiert. Doch dafür muss man die erste Hälfte des Romans bewältigen, bei der ich mich phasenweise an John Irving erinnert fühlte.

Worum geht es? Rachel Childs ist die Hauptfigur, die zunächst von ihrer Mutter geprägt und später von ihrem ersten Mann tief enttäuscht ein Leben die Erfolgsleiter hinauf durchlebt, um schließlich den harten Karriereabsturz zu erfahren. Als Reporterin im katastrophengeplagten Haiti erleidet sie mitten in einer Realität der Armut und Grausamkeit eine persönliche Krise, die zu ihrer Entlassung führt und sie in eine Lebensform aus Angst und Panik treibt. In ihrer Wohnung eingeschlossen, von der Aussenwelt abgeschreckt, durchläuft sie gute und schlechtere Phasen. Am Ende trifft sie auf einen Mann aus ihrer Vergangenheit, der sie ins Lebens zurückführt. Und ab diesem Punkt beginnt der Roman irgendwann sein Wesen zu verändern. Ahnungen, Zweifel und irritierende Täuschungen treten bei Rachel zutage und befördern die bisherige Handlung auf eine neue Ebene. Endlich eröffnen sich dem Leser die erhofften Spannungsmomente.

Der Mann aus der Vergangenheit ist Brian. Ein von Rachel hergestellter Kontakt, die den damaligen Privatdetektiv engagieren möchte, ihren Vater ausfindig zu machen. Um dessen Identität machte ihre Mutter eine großes Geheimnis. Während sie Rachel versprach, ihr den Namen ihres Vaters zu nennen, dies aber aus verschiedensten Gründen immer wieder hinauszögerte und schließlich das Geheimnis mit ins Grab nahm, war es der Tochter ein stetiges Anliegen, mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Brian ist dabei keine große Hilfe. Mangels brauchbarer Fakten endet dieses Arrangement ergebnislos, allerdings treffen die beiden immer mal wieder aufeinander oder schreiben sich Emails. Bis eines Abends in einer Kneipe alles anders wird.

Wer mehr über den zweiten Teil erfahren möchte, wird von mir an dieser Stelle enttäuscht. Mich hat die folgende wendungsreiche Story nicht völlig versöhnt, die Lektüre aber gerettet. Lehane baut aus den vielen Nebensächlichkeiten der ersten Hälfte konkrete Konstrukte, die er mit einer zugespitzen und im Vergleich auch härteren Handlung im zweiten Teil gekonnt inszeniert. Mir hätte eine kürzere Version der Vorgeschichte besser gefallen, weil sie zum Rest des Buches ausgewogener und somit besser gepasst hätte. Die Lebensgeschichte, die sich zu einer Liebesgeschichte entwickelt, mag bei mir nicht so viel Gefallen gefunden haben, weil ich einfach vornehmlich einen Spannungsroman lesen wollte.

So bleibt der Eindruck von zwei sehr unterschiedlichen Teilen, die zwar zusammengehören, aber vom Erzähltempo und Charakter nicht so recht zusammen passen. Mit Sicherheit muß man dieses Buch von Dennis Lehane nicht zuerst lesen, dafür hat der Autor schon viele sehr gute andere Romane vorgelegt. Sein Können beweist er aber zweifellos aufs Neue.


DENNIS LEHANE„Der Abgrund in dir“, Diogenes Verlag

der-abgrund-in-dir-9783257070392
(c)Diogenes

 

 

 

 

 

Eine weitere Besprechung zu Dennis Lehane:

Dennis Lehane – In der Nacht

 

3 Kommentare zu „Dennis Lehane – Der Abgrund in dir“

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