Ross Macdonald – Mutter und Tochter

Der 1961 erstmals verlegte Roman „The Wycherly Woman“ war lange Zeit nicht auf dem deutschen Buchmarkt erhältlich. Im Zuge der Neuübersetzungen der Lew Archer Reihe bei Diogenes erschien nun „Mutter und Tochter“ frisch übersetzt und löst die ehemals im Scherz Verlag herausgegebene Ausgabe ab. Eine wirklich lobenswerte Wahl, denn meine langjährige Suche nach diesem Titel ist damit beendet. Und als treuer Fan, schließlich bin ich durch Ross Macdonald überhaupt auf den kriminalen Geschmack gekommen, habe ich das frisch erworbene Exemplar sogleich gelesen.

Eigentlich wollte ich nicht noch einen Ross Macdonald hier besprechen (Unterwegs im LeichenwagenSchwarzgeld), aber schon während des Lesens rückte ich von meiner eigenen Vorgabe immer weiter ab. Der Grund ist simpel: „Mutter und Tochter“ ist ein richtig guter, ein echter Lew Archer, der alle Register des klassischen Detektivromans zieht und mit zu den besten Ausgaben der Reihe zählt. Wie kann ich dazu nichts schreiben?!

Den Anfang macht der obligatorische Besuch beim Auftraggeber. Der vermisst seine Tochter, die offenbar gleich nach dessen Abfahrt zu einer mehrmonatigen Kreuzfahrt verschwunden ist. Nach der Rückkehr beauftragt er Archer mit der Suche nach Phoebe. Homer Wycherly ist ein prinzipientreuer, aufbrausender, ihm unangenehme Themen aussparender Mann. Einige dieser Themen sind für Lew Archer durchaus interessant. Unter anderem Homers geschiedene Ehefrau und Mutter von Phoebe, Catherine Wycherly, mit der Archer gerne Kontakt aufnehmen möchte, was Homer ihm strikt untersagt. Die Scheidung der Eheleute fand unter öffentlichkeitswirksamer Begleitung statt und endete mit einer großzügigen finanziellen Absicherung für Catherine.

„Ein stattlicher Mann mit gewelltem Haar und rundem Bauch öffnete mir die Tür. Die Haare waren für sein Alter zu gleichmäßig braun – wahrscheinlich gefärbt. Er besaß eine kräftige Nase, ein weiches Kinn und einen Mund, der von beidem etwas hatte. … Seine Miene änderte sich nicht wesentlich, nur einige zusätzliche Falten entstanden um Augen und Mund. Es war das Lächeln eines Mannes, der Zuneigung sucht und nicht immer findet.“

Homer und seine Schwester Helen stellen die dritte Generation der Familie Wycherly dar, die von den Errungenschaften ihrer Vorväter profitieren. Das in einem Tal gelegene Familienanwesen wurde erst landwirtschaftlich urbar gemacht und dann durch die Entdeckung von Ölvorkommen zu einem industriellen Betrieb mit profitablen Einkommen umgewandelt. Geldsorgen kennt man seitdem nicht.

Was ist mit der einundzwanzigjährigen Tochter Phoebe geschehen? Lebt sie noch oder ist sie tot? Einfache Fragestellung, schwierige Klärung. Archer versucht die Zeit nach dem letzten Kontakt zu rekonstruieren. Viele Zeugen säumen diesen Weg: neugierige Hausverwalter, lügende Nachbarn, hilfsbereite Taxifahrer, eine besorgte Zimmergenossin, ein undurchsichtiger Freund – und eigentlich auch die Mutter, die nur schwer zu finden ist und in deren Umfeld einiges unklar bleibt. Gibt es Zusammenhänge zwischen den Problemen der Mutter und dem Verschwinden von Phoebe?

Eine Tour quer durch Kalifornien von Sacramento bis San Francisco ist nötig, um die Zusammenhänge herzustellen. Der nach außenhin stets ruhig wirkende Archer, der kontrolliert agiert und seine persönliche Einschätzung nicht gleich preisgibt, verfügt dabei über eine genaue Beobachtungsgabe und eine feine Fragetechnik, mit der er Zeugen und Verdächtigen wichtige Informationen oder Details entlockt. Klingt abgedroschen, wirkt beim Lesen aber äußerst lässig und geschliffen. Archer fährt von Ort zu Ort, wenig Schlaf abbekommend, und nähert sich unbeirrt seinem Ziel.

„Ich war hundemüde … . Aber das Gefühl, Menschen, Orte und Bedeutungen würden allmählich zueinanderfinden, trieb mich weiter an, eine Art von Euphorie erfüllte mich, so wie ein Mathematiker sie empfinden mag, der im Begriff ist, die Quadratur des Kreises zu bewerkstelligen. Wie er glaubt.“

Es kann so weiter gehen. Die Romane um Lew Archer besitzen für mich einen ungebrochenen Unterhaltungswert. Zeitlose Literatur ohne Schnörkel, bei der das moderne Leben unserer Zeit gänzlich fehlt, das allerdings auch nicht gebraucht wird, um zu überzeugen. Ausgefeilte Dialoge, Charaktere unterschiedlichster Coleur und eine perfekt choreographierte Handlung mit wandlungsreicher Logik und stetiger Neuorientierung lösen das Versprechen für ein überraschendes Ende. So schreibt ein Autor, der stilgebend war. Ein echter Klassiker eben.


ROSS MACDONALD, „Mutter und Tochter“, Diogenes

mutter-und-tochter
(c)Diogenes Verlag

 

 

 

 

 

 

Mehr zu Ross Macdonald:

Ross Macdonald – Unterwegs im Leichenwagen

Ross Macdonald – Schwarzgeld

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