Stephen King – Erhebung

Wenn man sagt, die Schwerkraft hat es gut mit einem gemeint, wird in der Regel etwas Positives damit verbunden. Ein glimpflicher Sturz beispielsweise. Vielleicht, so dachte sich Stephen King, müssen die physikalischen Gesetze ja nicht immer wirken. Höchst unheimlich und rätselhaft wäre das dann. Eine solche Konstellation mutet er seiner Hauptfigur in der kleinen Prosa „Erhebung“ zu. Scott Carey nimmt ab, ohne Grund. Doch das besondere ist, er verändert sich physisch nicht und kann sich jedes Gewicht umlegen, ohne das die Waage ein Gramm mehr anzeigt. Doch die wichtigere Geschichte in diesem Buch ist eine andere.

„Die Nacht war so kalt, dass der Schweiß auf Scotts Gesicht eisig wurde, aber die die Luft war aromatisch und frisch wie der erste Biss in einen Herbstapfel. Über ihm standen der Halbmond und eine gefühlte Billion Sterne.

Wie die genauso geheimnissvollen Billion Steinchen, über die wir jeden Tag gehen, dachte er. Oben ein Geheimnis, unten eines. Gewicht, Masse, Realität, alles war geheimnisvoll.“

In Castle Rock befindet man sich in Trump-Land: Konservativ eingestellt, der Tradition verbunden, neuen Dingen nicht uneingeschränkt aufgeschlossen. Das muß ein lesbisches Paar, das in dem beschaulichen Ort kürzlich ein Restaurant eröffnet hat, bitter erleben. Trotz ausgezeichneter und überdurchschnittlicher Küche, bleiben die ortsansässigen Gäste fern. Die Investition scheint zu scheitern, denn ohne die regelmäßige Unterstützung der Einwohner läßt sich das Restaurant nicht halten.

Woher die Zurückhaltung, fragt man sich, wenn es doch schmeckt? Anscheinend schmeckt es einem Großteil der Einheimischen nicht, dass die beiden Betreiberinnen nicht nur ein Paar, sondern auch miteinander verheiratet sind. Zuviel des Neuen, modernen Lebens für eine Landgemeinde. So gibt es einen stillen Boykott, ungeachtet der persönlichen Bekanntschaft, der auch den eigenen Kindern vorgefertigt übergestülpt wird.

Das es auch andere Meinungen, eben Toleranz und Akzeptanz geben kann, beweist der zweiundvierzigjährige Programmierer Scott, der mit einem sonderbaren Phänomen zu kämpfen hat. Dabei nähert er sich den Menschen seiner Umgebung, versucht den beiden Frauen zu helfen und nutzt dafür seine körperliche Veränderung, die ihm erstaunliche Leistungen ermöglicht. Nach und nach verliert er dabei immer mehr die Bodenhaftung.

Ein kleines, nettes Buch hat Stephen King geschrieben. Ein Märchen, eine Parabel, ein Buch über Freundschaft und Annäherung. Nahe an der heutigen Realität und gleichzeitig geheimnisvoll und unerklärlich. Eine Mischung, die passt und mit sehr unterschiedlichen Geschichten zwei stimmige Spannungsbögen erzeugt.

Sicherlich ist „Erhebung“ kein typischer King. Kein Thriller oder Horrorroman. Ein Buch, wie es andere Autoren so ähnlich auch verfassen könnten. Dem erfolgreichen Spannungsautor gelingt der literarische Abstecher mit seinem Appell an die Gesellschaft erstaunlich unaufgeregt und sehr gefühlvoll. Am Ende anrührend und – so sind wir noch einmal bei Scott – erhaben.


STEPHEN KING, „Erhebung“, Heyne

https://service.randomhouse.de/content/edition/covervoila_hires/King_SErhebung_194071.jpg
(c)Heyne
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