Attica Locke – Bluebird, Bluebird

Die amerikanische Autorin Attica Locke hat mit „Bluebird, Bluebird“ einen erstaunlich unaufgeregten Kriminalroman geschrieben, der es auf Anhieb auf den ersten Platz der Krimi-Liste der Zeit geschafft hat. Unaufgeregt bedeutet hier, dass mit viel Fingerspitzengefühl eine Mordermittlung mit vermeintlich rassistischem Hintergrund präsentiert wird, die allen Beteiligten eine Auseinandersetzung mit alten Gewohnheiten und fortschrittlichen Entwicklungen der Gegenwart abverlangt. Und trotz zugespitzten Situationen verliert der Roman nie seinen Stand und bewahrt sich vor oberflächlicher Effekthascherei.

Im kleinen Lark werden kurz hintereinander zwei Leichen gefunden. Das an sich ist schon äußerst ungewöhnlich, denn in dem gerade mal zweihundert Seelen lebenden Ort im äußersten Osten von Texas passiert sonst nicht viel. Jedoch sind die beiden Toten von unterschiedlicher Hautfarbe. Zuerst wird der in Chicago lebende schwarze Anwalt Michael Wright tot in einem Bayou gefunden. Zwei Tage später die weiße Kellnerin Missy. Ungewöhnlich daran ist die Reihenfolge: In der Regel folgt auf das erste weiße Opfer meistens kurz darauf ein Opfer schwarzer Hautfarbe. Was steckt also hinter der Ermordung des durchreisenden Michael? Und warum stirbt kurz darauf eine verheiratete einheimische Frau?

Ost-Texas ist für viele Menschen über Generationen hinweg Heimat. Weiße und Schwarze mit ihrer gemeinsamen und doch so unterschiedlichen Vergangenheit empfinden diese Liebe zu ihrer Region bis heute. In ihrem Zusammenleben haben sich die Menschen irgendwie arrangiert; nicht immer auf Basis von Loyalität und Anerkennung. Eine Trennung der Lebensbereiche bleibt dabei die beste Möglichkeit, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Zumal die Kräfteverhältnisse lange geklärt sind. Lark ist ein Ort, in dem der rassistische Tenor von vielen Weißen noch offen ausgelebt wird, wo die Arische Bruderschaft verwurzelt scheint und die beiden öffentlichen Einkehrmöglichkeiten noch nach strikter Rassentrennung funktionieren. Kein Ort der Moderne also, sondern der Tradition. Einer Tradition, die von Hass und Voruteilen lebt, und die Ausgrenzung und Gewalt als ihr probates Mittel ansieht. Ein Ort, in dem die Polizei bei einem schwarzen Toten kein besonderes Interesse an der Aufklärung zeigt, um sich dann um so mehr anzustrengen, als es ein weißes Opfer zu beklagen gilt.

„Er war Texaner durch und durch, und sein Stammbaum reichte zurück bis zur Zeit der Sklaverei. Bis zur Wiedereingliederung der Südstaaten in die Union hatten bis auf ein paar Onkel und Cousins mütterlicherseits, die vor dem Gesetz geflohen waren, keiner die Kiefernwälder des östlichen Grenzgebiets verlassen. … Der Glaube, dass sie etwas Besonderes waren, dass sie die Kraft hatten, Dinge auszuhalten, die andere nicht ertragen konnten, war das eigentliche Texanische an ihnen.“

Mittenhinein verschlägt es den schwarzen Texas Ranger Darren Mathews, der aus einer osttexanischen Familie entstammt, die sich stolz aus den schwierigen Bedingungen der Sklaverei emanzipiert hat und deren Angehörige es geschafft haben, in Positionen zu gelangen, die für schwarze Amerikaner unerreichbar schienen. Darren, selbst Absolvent der Universität von Chicago, liebt seine Heimat trotz ihrer Widersprüche und hat das Credo seiner Familie, sich von ihrem Land und ihrer Heimat nicht vertreiben zu lassen, verinnerlicht. Dem überzeugten Ranger stehen in Lark allerdings Misstrauen und Zögern gegenüber. Das seine Bemühungen von behördlicher Seite eher behindert werden, damit war zu rechnen. Doch die Zurückhaltung der schwarzen Gemeinschaft schmerzt ihn, versprach sich Darren hier doch Hilfe und Unterstützung. Besonders die schwarze Köchin Geneva Sweet, Betreiberin eines der beiden Restaurants in Lark, verhält sich unkooperativ. So begleitet ihn die wütende Witwe auf seinem schwierigen Weg an Informationen zu kommen. Die Ermittlungen sind dabei nicht ungefährlich, denn Darren balanciert trotz seines offiziellen Rangs immer an der Grenze des für die Einheimischen Aushaltbaren, wenn er sie mit seinem Auftreten und Fragen konfrontiert.

Attica Locke gestaltet ihren Roman geschickt mithilfe der sozialen Gegebenheiten aus Vergangenheit und Gegenwart. Dabei stellt sie die Auseinandersetzung mit Voruteilen und eingeübten Ressentiments gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen in den Vordergrund; zeigt wie vorhandene Denkmuster Emotionen erzeugen und mitunter einem klaren Blick im Wege stehen. Sie erzählt Familiengeschichten, die von Liebe, Neid und Hass berichten. Ihre Hauptfigur treibt sie zusätzlich in die Enge, in dem Darren sich mit seiner Suspendierung und einer möglichen Verurteilung eines Freundes auseinandersetzen muß. Außerdem stellt sie ihn vor eine sehr wichtige private Frage: Familie oder Beruf? Denn Lisa, Darrens Frau, ist wenig begeistert von der Außendiensttätigkeit ihres Mannes.

Die Verknüpfung verschieder gesellschaftlicher und menschlicher Facetten lassen „Bluebird, Bluebird“ zu mehr als einer schematischen gut-oder-böse, schwarz-oder-weiß Geschichte werden. Geschickt benutzt Attica Locke die vermeindlichen Gedankenmuster und verbindet sie mit klassischen Tatmotiven. Nicht nur in dieser Hinsicht eine erfreuliche Lektüre, sondern auch durch die gelungene klare Figurenzeichnung, der ein genauer – und durchaus liebevoller – Blick auf die Menschen inne wohnt. Schließlich überzeugt die Autorin durch einen nicht übertrieben wirkenden Spannungsaufbau, der am Ende schlüssig wirkt und darüber hinaus noch ein moralisches Statement abgibt. Ein guter Ausflug nach Ost-Texas.


 ATTICA LOCKE, „Bluebird, Bluebird“, Polar Verlag

(c)Polar Verlag
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3 Kommentare zu „Attica Locke – Bluebird, Bluebird“

    1. Vielen Dank! Und ich freue mich ganz besonders von Dir zu hören und zu lesen! 🙂 Eigentlich wollte ich eine andere Besprechung fertig stellen, aber das Buch hat mir so gut gefallen, dass ich lieber den frischen Leseeindruck ausgenutzt habe.

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      1. Es freut mich auch wieder ein wenig Zeit für mein liebstes Hobby zu finden. Das Lesen und vor allem auch das anschließende Rezensieren kam doch die letzten Monate leider viel zu kurz. – Da hast du wohl alles richtig gemacht. Man muss das Eisen schmieden so lange es heiß ist. 🙂 Ich freue mich dennoch auch auf die andere Besprechung. Selbst auf die Gefahr hin, dass mein Merkzettel wieder ein bisschen voller wird. – LG

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