Michael Farris Smith – Desperation Road

Keine überflüssigen Worte finden sich im Südstaaten-Noir „Desperation Road“, das einen sofort an James Lee Burke erinnert, sind doch Handlung und Beschreibungen bestens austariert und erzeugen bei der Lektüre jenes besondere lokale Flair, das auch von den hier verwurzelten Figuren geprägt wird. Und genau diese Figuren sind es, die diesen Roman so lesenswert machen. Michael Farris Smith findet dabei seinen eigenen Weg, kürzer als Burke, aber nicht minder gelungen.

Der Autor hat neben seinen beiden Hauptfiguren, das sind der gerade aus dem Gefängnis entlassene Russell Gaines und die mittellose, mit ihrer kleinen Tochter umherziehende Maben,  weitere Personen im Programm, die mit ihren unterschiedlichen Lebenssituationen und Problemen zum runden Stimmungsbild des Buches beitragen: Ein gutherziger Vater, ein loyaler Schulfreund, ein seine Position ausnutzender Gesetzeshüter oder ein rachsüchtiger Miesling, allen gibt der Autor Raum um etwas von ihrer Gedankenwelt zu offenbaren. Die Gemeinsamkeiten liegen in grundlegenen Verhaltensweisen, wie familiärer Zusammenhalt, Freundschaft und Liebe, aber auch Stolz und Geradlinigkeit. Die guten und die weniger guten Seiten des Lebens, die jeder erfährt, kommen zur Sprache. Ein Recht auf ausgewogene Verhältnisse gibt es bekanntlich nicht und so trifft es den einen besser, den anderen schlechter. Zufälligkeiten können über ein ganzes Leben entscheiden.

In meist kurzen Kapiteln wechseln sich die im Mittelpunkt stehenden Figuren ab. Irgendwann stehen alle in Zusammenhang mit Russell und Maben, die sich erst in der zweiten Hälfte begegnen werden. Zuvor werden die bisherigen Lebenswege der beiden in die aktuellen Geschehnisse eingebunden. In zeitlicher Parallelität befinden sie sich am selben Ort und ihre Schicksale verbinden sich. Beide sind auf ihre Art auf der Suche nach einer Möglichkeit des Überlebens. Russell, der elf Jahre wegen Mordes im Gefängnis war und gleich bei seiner Ankunft von den rachsüchtigen Verwandten seines Opfers verprügelt wird und mit weiteren Repressalien rechnen muß, hat keine Zeit zur Eingewöhnung; und das erhoffte Gefühl von Sicherheit, die es im Gefängnis nicht gab, stellt sich ebenfalls nicht ein. Auch Maben erhofft sich Sicherheit. Sicherheit in Form stabiler Lebensverhältnisse für sich und ihre Tochter. Eine Unterkunft, ein kleiner Job um etwas Geld zum Leben zu verdienen. Doch sie schafft es nur von einem Missgeschick zum nächsten. Tagelang zieht sie zu Fuß mit der kleinen Annalee in der südliche Hitze durch die Landschaft. Erschöpft, nur wenige Dollar in der Tasche begeht sie den nächsten Fehler mit fatalen Auswirkungen und erreicht den absoluten Tiefpunkt.

„Wenn erst einmal etwas anfing schiefzulaufen, wurde es immer schlimmer, hatte sie festgestellt. Das Unheil breitete sich aus wie wilde, giftige Ranken, die sich über Kilometer und Jahre erstreckten – von den zwielichtigen Gestalten, die sie gekannt, über die Grenzen, die sie überschritten hatten, bis zu den Dingen, die Fremde in ihr hinterlassen hatten.“

Wie sich die Lebensgeschichten der beiden miteinander verknüpfen und wie sie die Entwicklungen der Gegenwart beeinflussen, dass ist der eigentliche Spannungsbogen in „Desperation Road“.  Einem Krimi, der keine großen Rätsel aufgeben möchte, sondern eine Geschichte erzählt, in der Rachemotive ebenso eine Rolle spielen, wie Schuldgefühle. In dem menschliche Verfehlungen tödlich enden und langjährige Freundschaften ihre Stärke zeigen. Ein Krimi also, der sich nicht eindeutig einreihen lassen will, der einen Blick auf die sozialen Verhältnissen wirft und sich mit den Stärken und Schwächen der Menschen beschäftigt. Ein oft bedrückendes Buch, parteiisch für jegliche menschliche Emotionalität und frei von überheblicher Belehrsamkeit.

Michael Farris Smith ist ein klassischer Noir gelungen, der die wenige Tage dauernde Handlung straff durcherzählt und dabei behutsam mit der inneren Welt seinen Figuren umgeht. Figuren, die im Leben einiges falsch gemacht haben. Wie es sich mit den resultierenden Konsequenzen daraus lebt, dass ist Thema dieses hervoragenden Buches. Davon gerne mehr.


MICHAEL FARRIS SMITH, „Desperation Road“, ars vivendi

9783869139722_V2
(c)ars vivendi
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