Gary Shteyngart – Willkommen in Lake Success

Barry Cohen ist vermögend. Mancher, oder vielleicht die Mehrheit, würde reich sagen. Doch die wirklich Reichen haben mehr. Viel mehr. Das und andere Insider aus der Welt der Finanzjongleure erfährt man im grandiosen Greyhound-Roadmovie-Roman „Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart, der einen schrägen Blick auf das Amerika knapp vor der Trump-Ära wirft.

Investmentbanking ist nicht unbedingt ein geeignetes Thema für einen Roman. Zu kompliziert und abstrakt die Materie. Zu abgehoben, besonders wenn es um die Höhe der Beträge geht, mit denen hier umgegangen wird. Der 1972 in Leningrad geborene Gary Shteyngart hat sich zu Recherchezwecken mit Leuten der Branche getroffen und von ihnen Einblicke erhalten, die sie zu der Bitte veranlasste, der Autor möge sie in seiner Danksagung nicht namentlich erwähnen. Macht er nicht und dankt vielen anderen, unter anderem auch Greyhound.

Mit dem berühmten Überlandbus, der zu den Legenden der unbegrenzten Freiheit der Amerikaner gehört, unternimmt der Hauptprotagonist eine Reise quer durch die Staaten. Eine Suche und Flucht zugleich, denn Barry Cohen steckt in der Krise. Obwohl millionenschwer, steht die Reise doch unter finanziellem Engpass. Die Börsenaufsicht ist hinter ihm her, seine Firma steht vor dem Ruin. Gewichtiger aber ist das Zerwürfnis mit seiner geliebten Frau. Die beiden Eltern des dreijährigen Shiva waren bis vor kurzem noch eine Musterfamilie. Die Asperger-Diagnose des Jungen stellt allerdings einen Einschnitt dar und läßt alle Zukunftsvisionen zerplatzen. Über den Umgang mit dem äußerst verhaltensauffälligen Nachwuchs entstehen Konflikte, alle geraten in eine emotionale Schieflage, die ihren Höhepunkt bei einem Abendessen mit einem Ehepaar aus dem Haus erreicht. Völlig überstürzt verlässt Barry sein Zuhause und sucht sein Heil in der Suche nach seiner Jugendfreundin Layla. Mit einer Fahrt im Greyhound-Bus mitten in der Nacht startet eine Tour bei der Barry Cohen auf die unterschiedlichsten Menschen trifft. Am Ende wird er begeistert berichten, was er alles gesehen und erlebt hat, und wie ihm diese Reise die Augen geöffnet hat.

„Er war aufgewühlt. Seine Frau hatte gesagt, er habe keine Fantasie. Seine Regierung wollte ihn in Handschellen legen. Und Jeff Park, den er fälschlich für seinen Freund gehalten hatte, hatte ihm vorgeworfen, den Menschen Geld aus dem Sofakissen zu klauen. Niemand wusste, wer er war. Niemand. Missverstanden, angeklagt, erniedrigt. Bevor er vierzig wurde, hatte er achtzehn Stunden am Tag, Hundertsechsundzwanzig Stunden die Woche gearbeitet, um sein eigenes Unternehmen aufzubauen. Und jetzt saß er in einem Greyhound-Bus, trug eines anderen Mannes Walhai-T-Shirt und hatte zweihundert Dollar in der Tasche. Egal. Er würde das durchstehen. Sein zweiter Akt hatte begonnen.“

Nun, ja. Barry ist Barry. Als Leser wird man seine rückblickende Euphorie nicht ganz teilen. Denn Barry ist nicht gerade der symphatischste Held auf Erden. Sein Denken ist materialistisch. Emotionale Werte, persönlicher Status – alles wird irgendwie umgerechnet und mit dem anderer verglichen. Wichtig die Position innerhalb der Branche. Lage und Größe des Wohnsitzes sind Indikatoren für das Vermögen und damit Kennziffer des Erfolgs, der im Finanzsektor sich stets in den angesammelten Dollar ausdrückt. Um nicht auffindbar zu sein, entledigt sich Barry seiner Kreditkarten und seines Handys. So wird sein Trip ein zunehmend finanzielles Desaster und Barry steht irgendwann bettelnd an einem Busbahnhof.

Anrührend, tragikomisch, zynisch und abstossend, der Roman ruft viele Emotionen hervor und liest sich in einem Rutsch. Was Gary Shteyngard da zu Papier gebracht hat, ist die amerikanische Realität: Er stellt das Leben eines im Überfluß lebenden New Yorkers in den Gegensatz der Wirklichkeit der meisten Amerikaner. Im Bus sitzen normale Menschen mit ihren Sorgen und Nöten. Mit ihnen kommt Barry ins Gespräch und denkt mal mitfühlend, mal als Hilfsbereiter Anteil an ihrem Leben zu nehmen. Doch in seiner eigenen Kalkulation gefangen, sind Barrys Entgegnungen und Angebote eher unbeholfen oder völlig fehl am Platz. Stetes Thema ist auch die kommende Präsidentenwahl.  Wird der Investmenter Trump an die Macht kommen? Selbst Barry ist nicht geneigt seiner sonst republikanischen Gesinnung zu folgen, nachdem sich der Bewerber über Behinderte abfällig geäußert hatte. Konfrontiert mit den Themen und Anliegen glaubt Barry selbst eine Entwicklung zu durchlaufen.

Als Gegenpol zu Barrys Sicht hat der Roman noch eine zweite Handlungsebene, die aus der Perspektive von Barrys Frau Seema erzählt wird. Die Amerikanerin indischer Abstammung übernimmt dabei die kritische Betrachtung von Barry. Sie hält Barry für einen schlechten Vater, da er offensichtlich kein Verständnis für den verhaltensauffälligen Sohn hat. Das mangelnde Interesse ihres Ehemanns, so glaubt sie,  resultiert aus der Erkenntnis, dass der Sohn niemals so wie sein Vater sein wird. Ein Missverständnis, wie der Leser durch Barry erfährt. Das sie selbst vom Reichtum ihres Mannes nur allzu gerne profitiert, ist einer der bemerkenswerten Widersprüche, mit denen sich der Roman auch auseinandersetzt.

„Sie sagte im Wesentlichen, sie möge nicht, was Barry sei. Nicht wer, sondern was. Das wir in einem Land lebten, das seine schlimmsten Menschen belohne. Dass wir in einer Gesellschaft lebten, in der Schurken die besten Siegchancen hätten.“

Der unseriöse Lebensstil der Vermögenden bekommt in diesem Buch ebenso ein Denkmal gesetzt, wie der schonende Umgang der Justiz mit den sich ihre eigenen Gesetze machenden Reichen. So lautet die traurige Theorie: Die Mächtigen im Land sind die Wohlhabenden. Sie tun was sie wollen und lassen sich nicht reinreden. Barry gehört dazu und steht beispielhaft für einen Menschen einer abgehobenen Klasse, die die Bodenhaftung verloren hat. Gary Shteyngart schafft es dabei, die menschliche Seite von Barry herauszuarbeiten. Eben auch nur ein fühlendes Wesen wie alle, möchte man immer wieder meinen. Aber irgendwie in Schieflage zum Leben geraten.


GARY SHTEYNGART, „Willkommen in Lake Success“, Penguin

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart
(c)Penguin

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