Paolo Cognetti – Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen

Es ist ja in Mode, zur Ruhe zu kommen, den Alltag mal links liegen zu lassen und sich Wellness für Körper und Seele zu gönnen. Dazu ist im besten Fall nur ein gekonnter Sturz aufs heimische Sofa oder ein Besuch in der Badewanne nötig. Wenn man aber schon als Kind in bestimmten Bildbänden stöbert, dann kann das Kopfkino einen auch zu ganz anderen Orten führen. Das dies mit enormem Aufwand verbunden und auch noch extrem anstrengend ist, stellt tatsächlichlich keinen Widerspruch dar. Der italienische Autor Paolo Cognetti  erfüllte sich einen Traum und wanderte auf einer Hochebene in Nepal. „Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen“ berichtet von einer wundervollen Reise, einer Erfahrung, die das Einfache würdigt.

Cognetti, gebürtiger Milanese, besitzt im Aostatal eine Hütte und ist ein Freund der Berge. Sein Roman „Acht Berge“ war ein Riesenerfolg. Die Idee zur Reise stammt unter anderem von einer Lektüre, die Paolos ständiger Begleiter sein wird: 1978 erschien „Auf der Spur des Schneeleoparden“ des Amerikaners Peter Matthiessen, der dafür den „National Book Award“ erhielt. Seine damalige Route stellt den ersten Teil der aktuellen Tour dar. Cognetti zitiert und vergleicht immer wieder die Beobachtungen und Erfahrungen seines amerikanischen Kollegen mit seinen eigenen. Mit auf der Reise sind auch zwei Freunde, mit denen Paolo sich austauschen kann. Die kleine Karawane aus Touristen und einheimischen Helfern kommt zusammen mit den Maultieren auf eine Stärke von fünfzig. Einmal schließt sich ihnen eine Hündin an, die durch ihre Unabhängigkeit und ihre Anhänglichkeit den freien Willen der ungezähmten lebenden Natur darstellt. Ansonsten bleibt man über weite Strecken unter sich.

Der Weg führt in die im westlichen Teil von Nepal liegende Dolpo-Region. Hinauf auf Hochebenen, führen Pässe auf vier- bzw. fünftausend Meter Höhe. Vorbei an den gewaltigen Bergzügen und Gipfeln zieht die Gruppe meist auf unbefestigter Strecke entlang von Flüssen, gewinnt und verliert erklommene Höhenmeter und bestaunt die sich verändernde Landschaft, die mal reich an grüner Vegetation sich auch steinig karg präsentiert. Mensch und Tierwelt begegnen sich mit Respekt, wohl wissend in welcher Umgebung man sich befindet. Während die Einheimischen mit der geübten Routine ihrem Umfeld und den Anstrengungen begegnen, erleben die Touristen ein Wechselspiel aus Glücksgefühlen und  totaler Erschöpfung. Denn ein weiterer unsichtbarer Begleiter ist ebenfalls dabei. Paolo nennt ihn seinen Dämon, der ab einer bestimmten Höhe zuschlägt. Dann wird es unangenehm, der Magen zieht sich zusammen und ein komplexes Unwohlsein belastet den gesamten Körper und macht den weiteren Weg zu einer mühsamen Qual. Jeder Schritt ein Katalysator für die Atemlosigkeit.

Auf den Wegen treffen sie auf wenige Menschen, die in dieser entlegenen Region einsam leben und mit wenig auskommen. Immer wieder machen sie die gleiche Erfahrung: Sie erleben eine herzliche und zutiefst ernst gemeinte Gastfreundschaft. In der Reflektion zur eigenen alpenländischen Heimat, wo das Aufeinandertreffen für die ersten Wanderer eher ernüchternd war: Damals gab es keinen Gruß. Eine ablehnende Haltung empfing die Heraufkommenden. So unterschiedlich können Bergbewohner sein. Mehr als einmal drängt sich den auswärtigen Reisenden ein Gedanke auf: Was würde in der Zukunft geschehen, wenn ausgebaute Straßen die Region durchziehen und welche Veränderungen würden mit dem Einzug der fortschrittlichen Welt, mit all ihren Errungenschaften und Nebenwirkungen, folgen? Ernüchternd die Vorstellung, denn die eigene Heimat hat es bereits hinter sich: Vorbei die Ruhe, die Unberührbarkeit und das Grenzenlose.

„Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen“ ist ein kleines Buch, auf das man sich einfach einlassen kann, auch wenn man kein vornehmliches Interesse am Wandern oder Bergen hat. Eigentlich ein ideales Geschenk. Paolo Cognetti ist der Reiseführer, an dessen Seite man sich sofort in der Rolle eines seiner begleitenden Freunde sieht. Man erlebt Natur und Menschen in seiner entspannten Sprache und bewältigt ganz ohne Anstrengung – ja vielleicht schwebt man als Leser nebenher – die schwierige Wegstrecke. So wird der Titel des Buches schließlich zum Motto für alle, für den reisenden Autor und seine Leser.

Die Einfachheit des Lebens, die bestimmt wird von der Natur, ist vollkommen und das Fehlen vieler moderner Errungenschaften stört trotz widriger Bedingungen nicht. Das alles kommt einem dann irgendwie wieder ganz bekannt vor und so ist dieses schmale und authentisch illustrierte Werk auch eine Möglichkeit, seine Auszeit zu nehmen. Beispielsweise auf dem Sofa oder in der Badewanne.


PAOLO COGNETTI, „Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen“, Penguin

Gehen ohne je den Gipfel zu besteigen von Paolo Cognetti
(c)Penguin

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