Ryu Murakami – In Liebe, Dein Vaterland

Der Blick in die Zukunft gehört zu den schwierigsten Dingen, die ein Mensch leisten kann. Damit sind nicht Vorhersagen gemeint, die jeder aus dem Alltag kennt. Nein, die Fragen, die es wirklich in sich haben, drehen sich um die Weiterentwicklung der Menschheit und unseres Planeten. Mit großer Begeisterung las ich die letzten Tage „In Liebe, Dein Vaterland“ von Ryū Murakami und war erstaunt, wie diese vor längerer Zeit entstandene Utopie des japanischen Autors mich so fesseln konnte. Das monumentale Werk des Schriftstellers und Filmemachers, das in zwei Bänden fast 1000 Seiten umfasst, wurde bereits 2005 veröffentlicht und ist im letzten Jahr beim österreichischen Verlag Septime in der Übersetzung von Ursula Gräfe auf deutsch erschienen.

Genauer gesagt im Jahr 2011 konfrontiert der Schriftsteller sein Land mit einer Fiktion, die an den heutigen Gegebenheiten erstaunlicherweise näher dran ist, als zum Veröffentlichungszeitpunkt. Im Mittelpunkt steht die Millionenmetropole Fukuoka, die sich im Westen auf der südlichsten japanischen Hauptinsel Kyūshū befindet. Sie wird zum Mittelpunkt einer politischen Ausnahmesituation, die einem sofort überraschend einfach umsetzbar erscheint und irgendwie in ihrer Weiterführung, unabhängig vom Ausgang des Romans, absolut nachvollziehbar. Sprich: Diese Fiktion mutet sich überaus realitätsnah an.

Der Roman spielt im Jahr 2011, und es ist wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass der Roman 2005 entstanden ist. Kein Atomunglück belastet die asiatische Inselrepublik, keine Corona-Krise und was sonst noch seit 2005 geschah. Die Ausgangslage, die Murakami ersinnt, beruht auf den geschichtlichen Fakten und wird ergänzt durch mögliche Szenarien, die sich von der damaligen Lage des Landes unterscheiden. Japan ist wirtschaftlich und politisch geschwächt. Die finanzielle Schieflage hat auch für eine außenpolitische Veränderung gesorgt. Von anderen Staaten wird das Land nicht mehr wie früher beachtet. Insbesondere der engste Verbündete, die USA, hat sich anderen Ländern zugewandt. Darunter Nordkorea, die die isolierte Lage Japans für eine Invasion ausnutzen wollen. Der günstige Zeitpunkt wird durch die Interessen der Großmächte und den Beziehungen zu Nordkorea positiv beeinflusst. Ein Eingreifen Unbeteiligter scheint unwahrscheinlich und die Reaktion der japanischen Regierung für das kommunistische Regime vorhersehbar. Also wird die Weltöffentlichkeit mit einer Geschichte getäuscht, die den nordkoreanischen Truppen die Möglichkeit gibt, sich ungehindert voranzubewegen.

Und so geschieht es, dass ein hochindustrialisiertes Land in eine Ausnahmesituation gebracht wird und sein politisches Establishment mit unfassbarer Schwäche die Lage weiter verschlimmert. Alleine die Aufzählung der involvierten Behörden, regionale ausgenommen, bezeugt die Schwerfälligkeit mit der agiert, oder besser gesagt hilf- und glücklos reagiert wird. Schon bis zur Zusammenkunft aller wesentlichen Regierungsmitglieder vergeht wertvolle Zeit. Zeit, die die Invasoren kühn vorausgesehen und mit einkalkuliert haben.

Ryū Murakami zieht seine Leser dabei auf alle Seiten des Japanischen Meeres. Er beschreibt die nordkoreanischen Lebensverhältnisse, die Machtgefüge und mentale Einstellung der Einwohner, die unter einfachsten Bedingungen in einem straff organisierten System leben, das auf Abweichungen mit unerbittlicher Härte reagiert. Mit Hilfe der ausgebildeten Eliten, darunter die besonders gedrillten Militärs, vollzieht sich die Unternehmung „In Liebe, Dein Vaterland“ absolut reibungslos. Disziplin heißt das Zauberwort. Doch auch die japanischen Innenansichten fehlen nicht. Neben einigen Einzelpersonen gilt das Augenmerk  dabei einer Gruppe von Männern, die abseits der Stadt in einem Komplex von Lagerhäusern lebt. Die bunt zusammengewürfelte Gemeinschaft besteht aus gesellschaftlichen Außenseitern. Sie sind durch Verbrechen, nicht wenige haben in ihrem zum Teil noch recht jungem Leben getötet, auffällig geworden. Ihnen widmet sich Ryū Murakami ebenfalls, zeigt schwierige Lebenswege, entstandene Komplikationen  und vermag von jedem ein glaubwürdiges Psychogramm vorzulegen. Ihre Rolle im Roman wird nach der Invasion der Nordkoreaner im 2. Band deutlich.

Durch den in jedem Kapitel vorgenommenen Perspektivwechsel, erreicht Ryū Murakami in seiner tagesgenauen Chronik eine abwechslungsreiche und spannende Erzählung des Geschehens, ohne einen Schwerpunkt bei einer der beteiligten Parteien zu setzen.  Geschickt miteinander verknüpft, entwickeln die in einer sachlichen Sprache gehaltenen Abschnitte ein vollständiges Bild der ungewöhnlichen Ereignisse. Wie es den Menschen dabei geht, schildert der Autor in vielen Einzelbildern ebenso, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse und Verhaltensweisen, die vor und während der Invasion vorherrschend sind.

Opportunismus und Anarchie,  demokratische Freiheit und totalitäres System,  Krieg und Frieden. In dieser weltpolitischen Geschichtsstunde gibt es viel zu entdecken. Unweigerlich zieht einen der Blick in diese fiktionale Welt in die eigene Gegenwart und wie von selbst beginnen die Gedanken zu kreisen. Was passiert mit unserem Leben, wenn sich einige wenige Rahmenbedingungen verändern? Mit welchen Komplikationen ist zu rechnen und wie geht man mit den Auswirkungen um? Diese Fragen erscheinen uns heute sehr bekannt. Ryū Murakami setzt uns eine bittere Geschichte vor, die Vertauenswürdigkeit wie nichts wegwischt und die die Folgen von akuten äußeren Veränderungen beschreibt. Das Gefühl des Ausgeliefertseins, des Kontroll- und Freiheitsverlusts wiegt schwer in dieser Utopie und macht gerade im ereignisreichen Jahr 2020 nachdenklich.


Ryū MURAKAMI, „In Liebe, Dein Vaterland“, Septime

(c)Septime

 

 

 

 

 

 

Eine weitere Besprechung zum Autor: Ryū Murakami – Coin Locker Babys

Ein Gedanke zu „Ryu Murakami – In Liebe, Dein Vaterland“

  1. Hallo Mark,

    das Buch war letztes Jahr eine der intensivsten Leseeefahrungen die ich machen durfte und ich lese sie auch bei dir heraus. Für mein Empfinden hatte es etwa vom frühen Forsythe, zumindest, was das ausarbeiten eines politischen Alternativszenarios betrifft (zum Beispiel Das vierte Protokoll oder Des Teufels Alternative). Der zweite Abschnitt war dann Adrenalin pur. Ich würde das Buch auch jederzeit weiterempfehlen.

    Viele Grüße
    Marc

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