Alexander Osang – Die Leben der Elena Silber

Das 20. Jahrhundert mit seinen vielen Ereignissen und Veränderungen hat in Europa den Menschen große Umbrüche beschert, die aus einfachen Lebensläufen Biografien mit grundlegenen Veränderungen entstehen ließen. Im Titel des Romans „Die Leben der Elena Silber“ von Alexander Osang wird dies bereits angedeutet. Erzählt wird eine russisch-deutsche Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt die Lebensgeschichte der gebürtigen Russin Elena Silber steht. Einer Frau, die den Wandel der Zeit mit der Hoffnung endlich irgendwo „anzukommen“ bewältigt.

Der in viele Kapitel untergliederte Roman spielt auf zwei wesentlichen Zeitebenen. Die im Jahr 1905 beginnende Vergangenheitsebene begleitet Elena in größeren Abständen durch ihr Leben. Geboren in der kleinsten Stadt des russischen Zarenreichs 200 km östlich von Moskau erlebt sie früh, was politische Verfolgung bedeutet. Auf der Flucht vor den Mördern ihres Vaters, lernt Elena sehr schnell die Lektion, die für ihr Leben noch oft Bedeutung haben wird. Nach dem Sieg der Kommunisten wird ihr Vater zum Helden stilisiert, doch Elena zieht es in die Welt. Sie verläßt die neue Familie, vorallem den aufdringlichen Stiefvater, und findet Arbeit in einer Textilfabrik. Dort trifft sie nicht nur auf die engstirnige Propagandamaschine der neuen Herrschenden, sondern auch auf den weltmännischen Deutschen Ingenieur Robert Silber. In ihm sieht sie die Möglichkeit für ein besseres, freies Leben und wagt mit ihm den Weggang aus ihrer Heimat. Die politischen Entwicklungen verschlagen die neue Familie, der inzwischen zwei Töchter angehören, nach Deutschland. Für Elena beginnt ein neues Dasein in einem Land, dessen Sprache sie nur schlecht spricht und in dem sie als Russin mit Argwohn betrachtet wird. Der Zweite Weltkrieg verkompliziert die Lage und nach Kriegsende muss die Mutter sehen, wie sie sich und ihre nunmehr vier Töchter versorgt, denn ihr altes Leben existiert nicht mehr.


Eine lobenswerte Erleichterung für die Orientierung ist der in der hinteren Innenseite abgebildete Stammbaum der Familien.


In der Gegenwartsebene begleiten wir Elenas Enkel Konstantin Stein, der der Sohn ihrer dritten Tochter Maria ist. Der sich so durchschlagende Filmemacher wird versuchen, Licht in das Dunkel der Familiengeschichte seiner Mutter zu bringen. Denn die Schwestern haben untereinander ein sehr ambivalentes Verhältnis. Obwohl sie gemeinsam an der Seite ihrer Mutter die meisten Stationen miterlebt haben, bilden sie keinen eng zusammengeschweißten Kreis. Ihr Verhältnis untereinander ist formell und abschätzend. Die Erzählungen über ihre gemeinsame Vergangenheit wird von jeder von ihnen individuell gestaltet. Konstantin hofft, durch Aufklärung strittiger oder unbekannter Teile der Historie seine Familie näher zusammenzubringen. Er reist mit seinen Eltern nach Polen, sucht Verwandte seines Großvaters in Südwestdeutschland und fährt mit seinem Cousin in den Geburtsort von Elena, nach Gorbatow. Stück für Stück bestätigen und ergänzen sich Bekanntes und Unbekanntes. Doch völlig klären, lassen sich einige Punkte nicht. Nebenbei ist diese Ebene auch eine Auseinandersetzung der Generationen miteinander und befasst sich mit dem schwierigen Prozess des Älterwerdens. Viele dieser Momente sind vom Autor wunderbar zugespitzt dargestellt.


Der vielfach ausgezeichnete Journalist Alexander Osang veröffentlichte in den 90er-Jahren in der Wochenendbeilage der „Berliner Zeitung“ seine vielbeachteten Reportagen, in denen er vorallem den Wandlungsprozeß in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung mit viel Gespür für die Befindlichkeiten der Menschen wie kein anderer begleitete. Osang wechselte zum „Spiegel“ und ging für das Hamburger Magazin nach New York. Dort erlebte und begleitete er mit dem 11.September ein weiteres weltpolitisches Ereignis hautnah. Nach einem weiteren Auslandsaufenthalt in Tel Aviv, lebt er nun wieder in Berlin. Sein erster Roman „Die Nachrichten“  ist sein bekanntestes Erzählwerk. Die Verfilmung erhielt den Grimme-Preis. Der vorliegende Roman handelt von seiner eigenen Familie und vielleicht steckt in Konstantin Stein etwas Alexander Osang.


Zwischen den Kapiteln – und damit den Zeitebenen – wechselnd, begibt sich der Leser immer wieder in veränderte Situationen, bei der der Zeitabstand stetig geringer wird. Beide Ebenen ergänzen den Wissensstand und lassen Geheimnisse sichtbar werden, die einigen Familienmitgliedern verborgen geblieben sind. Markant sind die bedrückenden und eingeengten Stimmungen, die bei den Dialogen zwischen den einzelnen Personen herrschen. Oftmals verstärken sie die Emotionalität und das Verhältnis der miteinander Redenden. Hier wird aus genauer Beobachtungsgabe, mit wenig Aufwand eine maximale Wirkung erzielt, die in bestimmten Situationen  Osangs lakonischen Humor untergründig transportiert.

Elena Silber ist in ihrem Leben immer auf dem Weg, eine Heimatsuchende, die die Entscheidungen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben trifft, die aber im Endeffekt nur eine wirkliche Entscheidung treffen konnte, weil die großen politischen Veränderungen um sie herum ihren Weg bestimmten. Im Zarenreich geboren und geflüchtet vor den Mördern ihres Vaters endet ihr Leben im vereinten Deutschland in einem Heim. In der Sowjetunion erlebt sie den Aufbau einer neuen Machtstrukur und sucht durch die Heirat mit Robert Silber dieser neuerlichen Einengung zu entkommen. Eine Russin, die mit einem Deutschen verheiratet ist, das ist in der UdSSR genauso problematisch, wie später im Deutschen Reich und im besetzten östlichen Nachkriegsdeutschland. Vorteil und Nachteil spielen sich jeweils gegeneinander aus. Am Ende muss Elena weiterziehen. Ihr sinnbildlicher Traum, an einem größeren Fluß als ihrem Heimatfluß, die Oka, kehrt sich stetig um, denn die Flüße werden von Ort zu Ort immer kleiner. Ein weiteres, neues Leben an einem fremden Ort beginnt und Elena muss sich erneut an veränderte Verhältnisse anpassen.


Ein Teil der Handlung ist in der Nähe des ehemaligen Christianstadt (heute Krzystkowice/Polen) angesiedelt.  Der eher unbekannte Ort war Standort des größten Sprengstoffproduktionsstandortes der Nazis im Zweiten Weltkrieg. Nur 260 km östlich von Berlin gelegen, gibt es erstaunlicherweise kaum Sekundärliteratur zu diesem heute verlassenen Standort. In der in einem Forst gelegenen Fabrik wurden  gefangene Frauen eines angeschlossenen KZ-Aussenlagers eingesetzt, unter ihnen die Überlebende Ruth Klüger.


„Die Leben der Elena Silber“ stand 2019 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und bietet neben dem historischen Panorama, in seinem unangestrengten Erzählton eine  Vielzahl treffend umrissener Charaktere. Der mit seiner Gegenwartshandlung  sehr vergnüglich zu lesende Ausschnitt über die Beziehungsgeflechte in unserer heutigen Zeit hat eine erfreulich andere Tonlage und setzt sich von der biografischen Erzählung  Elenas angenehm ab und macht die Lektüre nicht zu einer einschläfernden linearen Familiengeschichte. Thematisiert werden Aspekte des  Lebens, die zu allen Zeiten aktuell sind: Wie wirken sich wechselnde Machtverhältnisse auf das einzelne Individuum aus und welche besondere Belastung stellen ständige Veränderungen dar. Elena Silber, die westwärts Ziehende, lässt teilhaben am Wechselbad ihrer Empfindungen, die geprägt sind von hoffnungsvollen Aufbrüchen und  einem sich verstärkenden Gefühl des Fremdseins. Vermutlich ist ihre Geschichte sehr nah an der Wirklichkeit.


ALEXANDER OSANG, „Die Leben der Elena Silber“, S.Fischer

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(c )S.Fischer

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