T.C. Boyle – Sprich mit mir

Sie sind unsere engsten biologischen Verwandten und begleiten mich kulturell schon mein ganzes Leben: Die Affen. Vor langer Zeit habe ich „Die Frau und der Affe“ des dänischen Schriftstellers Peter Hoeg gelesen. Noch viel früher faszinierten und schüchterten mich gleichzeitig die Filme der „Planet der Affen“- Reihe ein, deren Vorlage der Roman des Franzosen Pierre Boulle ist. Jetzt steigt auch T.C.Boyle in die literarische Verarbeitung unserer nächsten Artgenossen mit seinem neuen Roman „Sprich mit mir“ ein.

Wenn man sich fragt, woher diese Faszination kommt, liegt es sicher an der Umgänglichkeit für den künstlich geschaffenen Kosmos, in dem sich Affen einfügen lassen und dabei recht einfach vermenschlicht werden können. Darüber kann man kritisch urteilen, immerhin bleibt es in der Literatur bei Kunst. Ganz anders die in Vergangenheit und Gegenwart tatsächlich stattfindenden forschenden Unternehmungen, bei denen die realen Tiere nicht mehr so ganz menschlich behandelt werden. Doch diese Diskussion soll hier nicht geführt werden, hat der amerikanische Kultautor mit seinem Buch ja vielleicht etwas ganz anderes vor? Schließlich geht es auch um Unterhaltung, und darauf versteht sich T.C. Boyle bekanntermaßen bestens.

Alles beginnt wohl im Jahr 1978. Boyle unterlässt jede Jahresangabe im Roman und springt mit fortlaufender Geschichte monatsweise durch die über dreieinhalb Jahre andauernde Handlung. Damit man jedoch eine Ahnung hat, zu welcher Zeit der Roman spielt, legt Boyle eine musikalische Fährte aus. Gleich zu Beginn wird „Take Me To The River“ von den Talking Heads angehört. Diese Coverversion erschien eben 1978 auf ihrem Album, das Aimee, die weibliche Hauptfigur, sich anhört. Die Studentin der Psychologie sitzt in ihrer kleinen und einfachen Wohnung und sieht eine Folge der TV-Ratesendung „Sag die Wahrheit“. Dort behaupten drei Männer Professor Guy Schermerhorn zu sein und Affen das Sprechen beizubringen. Kein Witz, wie sich bald heraustellt, denn das zufällig an ihrer Universität stattfindende Primatenforschungsprogramm bringt dem Schimpansen die Gebärdensprache bei, was mit der Auflösung der wahren Identität von Schermerhorn durch den Auftritt von Sam sofort demonstriert wird. Für Aimee ändert sich auf einmal irgendwie alles.

„Es war, als hätte sich eine Tür, die ihr Leben lang verschlossen gewesen war, mit einem Mal geöffnet. Dieser kleine Kerl mit den redegewandten Fingern und aufmerksam blickenden Augen hatte nicht bloß einen Wunsch geäußert – nämlich das er einen Cheeseburger wollte -, sondern war auch imstande, sich die Zukunft und einen Ort jenseits seiner unmittelbaren Umgebung vorzustellen, und das war etwas, das Tiere angeblich nicht konnten. Und doch hatte sie es mit eigenen Augen gesehen.“

Am nächsten Tag sieht Aimee in der Universität einen Aushang. Gesucht werden studentische Hilfskräfte für das Primatenprogramm. Klar das jetzt eines zum anderen führt. Professor Schermerhorn, erst Anfang dreissig, führt seine Forschungen neben seinem Job als Dozent auf einer universitätseigenen Ranch durch. Dort lebt er auch privat, zusammen mit Sam, dem zweijährigen Schimpansen, der eine Leihgabe eines anderen Primatenforschers ist. Unterstützung erhält und benötigt Schermerhorn von verschiedenen Studenten, denn Sam muss den ganzen Tag beaufsichtigt und betreut werden. Diese Aufgabe, das wird Aimee schnell herausfinden, stellt die Betreuer vor eine große Herausforderung, denn der kleine Schimpanse ist kein gewöhnliches domestiziertes Haustier, sondern ein intelligentes – und ja, trotz aller niedlichen Attribute – eigentlich ein wildes Tier.

Während der Roman die Perspektiven zwischen Aimee und Schermerhorn wechselt und damit auch zunehmend den Konflikt von Wissenschaft und Tierwohl verstärkt darstellt, gibt es noch eine dritte Perspektive: Die von Sam. Sicherlich ist dies der größte Kunstgriff, den der Roman vornimmt, aber Boyle schafft es, ohne den Fehler zu begehen, mit allzu menschlichen Eigenschaften aufzuwarten, in kurzen Abschnitten die Gedanken- und Erfahrungswelt des Schimpansen darzustellen. So ergänzen sich die personalen Ebenen perfekt und erzeugen eine vom Autor gewünschte Dynamik.

Denn wo auf engstem Raum zusammen gelebt wird, ergeben sich emotionale Bindungen. Zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Primat und -wieso nicht? – auch zwischen Primat und Mensch. Dass der wissenschaftliche Ehrgeiz manchmal dem gefühlsbetonten Verstand entgegensteht, scheint ein vorhersehbarer Konflikt zu sein. Wenn sich dann allerdings die Umstände grundlegend ändern, zumal von einem übermächtigen Außenstehenden bewirkt und Einfluß auf das Schicksal aller Beteiltigen nimmt, können die Ereignisse sich überschlagen.

Mit der fortschreitenden Handlung wird dann auch deutlich, dass Boyle mit seiner Unterhaltungsliteratur nicht nur Spaß verbreiten will. Die Umstände der Nutzung von Tieren für Forschung und Wissenschaft, das ethische Dilemma, es wird von Seite zu Seite immer deutlicher angemahnt. In Aimee findet sich die Pro-Tier-Bewegung wieder und selbst Schermerhorn kann als grundsätzlich tierfreundlich eingeschätzt werden. Ihm zur Last legen muß man seine persönlichen Motive, seinen kalkulierten Blick auf Karriere und wissenschaftliches Renomee. Sich davon loszureissen und konsequent für eine bessere Behandlung der Tiere einzusetzen, wäre eine moralische Tugend, die man sich von ihm wünschen würde. Für seinen Erfolg opfert er diese Möglichkeit allerdings.

Wie das Zusammenleben mit einem Schimpansen sein könnte, schildert der amerikanische Autor anschaulich und nicht selten mit ämusanten Blick. Er vergisst jedoch nie den Aspekt des Gefangenen, der trotz Abhängigkeit von seinen Bezugspersonen und den Möglichkeiten der Verständigung mit ihnen, einen natürlichen Freiheits- und Lebenswillen besitzt und diesen ausleben möchte. Die oft manipulative Verhaltensweise von Sam kann aus Menschensicht so nur missdeutet werden. Denn auch wenn dieses literarische Werk uns das vorgaukelt, was im Kopf eines Tieres vorgeht, wissen wir nicht mit Sicherheit. Die Vorstellung sich in einer gemeinsamen Sprache zu verständigen, um so Einblick in das Denken von anderen Lebewesen zu erhalten, bleibt eine Illusion. Zu weit entfernt sind evolutionäre und kulturelle Entwicklung.

Mit „Sprich mit mir“ gelingt T.C. Boyle ein souverän erzählter Roman, der mit seinen zwischenmenschlichen Konflikten unterhält, der über die formellen Mechanismen und Hierachien von Forschung informiert und einmal mehr die Folgen fehlender öffentlichkeitswirksamer Werbung darstellt. Am Ende ist es aber ein ernstes und wenn man länger darüber nachdenkt, auch trauriges Buch. Das ist nicht schlimm, denn die Thematik verdient es, nicht ins Lächerliche gezogen zu werden.


T.C. BOYLE, „Sprich mit mir“, Hanser Verlag

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5 Kommentare zu „T.C. Boyle – Sprich mit mir“

  1. T.C. Boyle schreibt sicher nicht auf Deutsch. Deshalb ist mit nicht begreiflich, warum die Person, die ihm die deutsche Stimme verleiht, also der Übersetzer oder die Übersetzerin. nicht bei der Buchvorstellung genannt wird, zumal der Autor gewiss seinem besten Leser die Arbeit nicht leicht gemacht hat!

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  2. Sehr ansprechende Rezi. T.C. Boyle ist ein schillernder Autor, dessen Romane mir entweder ausnehmend zusagen oder gar nicht, ca. fifty fifty. Dieser hier kommt auf die wishlist. Danke dafür

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