Ottessa Moshfegh – Der Tod in ihren Händen

Selten hat mich ein Buch so gespalten, wie „Der Tod in ihren Händen“ von Ottessa Moshfegh. Und darin liegt auch die großartige Leistung der amerikanischen Autorin, die eine vermeintliche Suspense-Geschichte aufzieht, die meine Nerven bei der Lektüre bis an die Grenzen des Aushaltbaren führte. Das lag aber nicht am Spannungsfaktor.

Der Roman ist ein Monolog, der die Gedankengänge einer zweiundsiebzigjährigen Frau wiedergibt, die an einem See abgeschieden von ihrem Umfeld lebt. An ihrer Seite hat sie mit dem Hund „Charlie“ zumindest einen ständigen Begleiter in ihrem Leben. Der Ehemann, ein deutscher Wissenschaftler, verstarb vor ein paar Jahren und hat sie, wie sie nach seinem Tod herausfand, mit etlichen Studentinnen betrogen. Sie beschließt aus dem gemeinsamen Haus wegzuziehen und sich ein neues Domizil an der Ostküste der USA zu suchen. Für relativ wenig Geld ist eine Waldhütte eines ehemaligen Ferienlagers für Pfadfinderinnen in einer sonst wenig begehrten Region zu haben. Die nächsten Orte sind wenig attraktiv, die Menschen ziehen weg, und die die bleiben, haben wenig zum Leben. Einzig die Natur weiß zu überzeugen. So ist die Hütte umgeben von Wäldern, unter anderem auch von einem Birkenwald.

In diesen unternimmt Vesta Guhl jeden Morgen vor dem Frühstück einen langen Spaziergang mit Charlie. So beginnt auch das Buch und abweichend von der täglichen Routine, endet der Ausflug durch das Auffinden eines Zettels, der mit Steinen beschwert auf dem Waldboden liegt.

„Sie hieß Magda. Nie wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.“

Was folgt ist ein nicht endender Gedankenstrom, in dem nicht nur die Auseinandersetzung mit dem möglichen Mord steht. In Rückblicken schaut Vesta auf ihr Leben und gibt so Stück für Stück Einzelheiten ihrer Biographie wieder. Desweiteren steht sie in imaginären Gesprächen mit ihrem Mann, dessen Meinung trotz seines Todes immer noch einen großen Stellenwert für ihre gedanklichen Überlegungen besitzt. In diesen Äußerungen des Mannes wird eine Drittmeinung sichtbar, die der Leserschaft erstmals Hinweise außerhalb der eigenen und Vestas Bild gibt. Langsam kommen Zweifel an der Selbstdarstellung der Figur auf, die zudem erdachte Fakten ihrer selbsternannten Detektivtätigkeit mit Umständen der Wirklichkeit verbindet. Immer mehr verstärkt sich das Gefühl, wieviel man dem von Vesta dargebotenen überhaupt Glauben schenken darf. Zweifel an Wahrnehmung und Verstand begleiten die Frage, ob dieser Roman überhaupt in irgendeiner Art noch kriminalliterarisch verlaufen wird?

Die Frage – ich finde das für Vorabinteressierte nur fair zu verraten – lautet eindeutig: Nein, das tut er nicht. Darin, dass lässt sich nicht anders sagen, liegt die große schriftstellerische Leistung dieses Buches. Indem die Anfangsfährte ganz schleichend verblasst, obwohl Vesta sich kontinuierlich mit dem Inhalt und den möglichen Umständen des gefundenen Zettels beschäftigt, wird während des Lesens ein Mitdenken herausgefordert, dass eine Neubewertung des Textes geradezu erzwingt. Ist das der Roman (Krimi?) den ich lesen wollte? Bin ich hier in einen ausartenden psychologischen Plot geraten? So in etwa.

Am Ende erkennt man die Einsamkeit von Vesta und das diese Einsamkeit wohl schon ihr ganzes Leben angedauert hat. Sie selbst scheint dies auch zu fühlen. Die Tragweite des Ausmaßes auf ihren seelischen Zustand hat sie dagegen nicht begriffen. Überhaupt ist diese ältere Person kein gutmütiges Mütterchen, sondern eine kopflastige Misantrophin, die alles mögliche in reale Personen projiziert. Die Zuneigung zur Hauptfigur – auch keine Konstante.

Wie immer man an dieses Buch herangeht, Ottessa Moshfegh gelingt ein ungewöhnlicher und wirklich guter Roman, in dem die Unzuverlässigkeit und die Ausführlichkeit der Erzählerin die Nerven der Lesenden strapaziert. „Der Tod in ihren Händen“ ist ein intensives Psychogramm, das Wirklichkeit und Phantasie nie definitv greifbar macht und auf diese Art zu einem Geduldsspiel für alle die wird, die gerne wissen, woran sie sind. Dieses lesenswerte Werk verlangt Aufmerksamkeit und kann in der langen Folge von gedanklichen Überlegungen anstrengend sein. Irgendwie freut man sich dann auch, das es vorbei ist. Und trotzdem kommt man noch Tage später nicht von Vesta und ihrem Kopfkino los.



OTTESSA MOSHFEGH, „Der Tod in ihren Händen“, Hanser Berlin

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3 Kommentare zu „Ottessa Moshfegh – Der Tod in ihren Händen“

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