Nastassja Martin – An das Wilde glauben

Selten greife ich zu Büchern, die nicht-fiktional sind. „An das Wilde glauben“ wurde zur Ausnahme, weil die Verfasserin eine äußerst ungewöhnliche Begegnung überlebte. Dieses Aufeinandertreffen und die damit verbundenen körperlichen und psychischen Auswirkungen sind Anlass des autobiographischen Berichts der französischen Anthropologin Nastassja Martin. Das für ihr Leben einschneidende Erlebniss war die Begegnung mit einem Bären mitten in der Wildnis der Halbinsel Kamtschatka.

Westliche Vorstellungen vom Osten treffen auf alte Traditionen und Kulturen, die eng mit der Natur verbunden sind. Die Ewenen, ein indigenes Volk auf Kamtschatka, sind Forschungsgegenstand von Nastassja Martin, die sich vornehmlich mit arktischen Völkern beschäftigt und zuvor schon in Alaska geforscht hat. Mitten im Wald lebt sie zusammen mit diesen von den Russen ins Abseits gedrängten Menschen, die sich unter schwierigsten Bedingungen ein einfaches Leben mitten in der Wildnis ermöglichen. Die sozialen Strukturen könnten nicht moderner sein, denn ob Frau oder Mann, jeder kümmert sich um alles: Jagen oder Kochen – in der freien Natur benötigt man zum Überleben jede Fähigkeit. Der Gemeinschaftssinn ist stark ausgeprägt, individuelle Persönlichkeitsmerkmale sorgen wie in jeder Gruppe überall für Dynamik.

Während des Rückwegs von einer schwierigen Wanderung läuft Martin vorneweg, alleine ohne ihre Mitstreiter. Auf offenem Gelände kommt es zur unerwarteten und nicht mehr vermeidbaren Begegnung mit einem Bären. Danach trägt sie die untrüglichen Zeichen des Kampfes. Entscheidendes Ergebnis aber ist: Sie lebt. Und der Bär auch.

Was folgt, ist ein langer und beschwerlicher Weg der Genesung und der Verarbeitung des Erlebnisses. Während die physische Heilung mit vielen Unwägbarkeiten voranschreitet, wird die mentale Verfassung von einem steten Diskurs eigener Einschätzung und von Außen herangetragenden Einflüssen in wechselhaften Zustand versetzt. Frei von jeder Eitelkeit beschreibt Martin ihre ungewöhnlich starke Ungeduld, die immer wieder auftretende Scham und die Überwindung der Schmerzen. Von einer inneren Unruhe angetrieben, sucht sie verzweifelt nach einer Erklärung und tieferen Bedeutung des Vorfalls in den Bergen. So geht es in diesem Buch vornehmlich nicht nur um die körperliche Veränderung. Vielmehr versucht Martin eine Einordnung unter Zuhilfenahme ihrer Erfahrungen mit den ewonischen Bewohnerin und deren Sicht auf das Leben. Klarheit zu erreichen, keine einfache Aufgabe für Martin, die versucht ihre wissenschatliche Expertise zu nutzen, allerdings persönlich mehr unter den Folgen leidet, als sie es wahr haben möchte.

Nastassja Martin überzeugt in ihrem Bericht als starke Persönlichkeit, die sich sehr offen zeigt. Sichtbar wird auf der einen Seite die mitfühlende und sensible Frau, auf der anderen die analytisch vorgehende Wissenschaftlerin mit objektivem Außenblick. So hält das Buch eine ganz besondere eigene Form der Spannung, die durch das Hin- und Hergerissensein der Autorin erzeugt wird. Im Mittelpunkt steht die Frage, an welchem Ort sie sein muss, um sich wiederherzustellen und die Frage nach der Bedeutung der Begegnung mit dem Bären endgültig klären zu können. Keine einfache Sache für Nastassja Martin, die den Mut hatte diese Geschichte aufzuschreiben.


NASTASSJA MARTIN,An das Wilde glauben„, Matthes & Seitz

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(c) Matthes&Seitz

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