Richard Ford – Frank

In vier Erzählungen lässt der amerikanische Autor Richard Ford noch einmal seine bekannteste Figur – Frank Bascombe – zu Wort kommen. Dessen abwechslungsreiches Leben ist in einer umfassenden Trilogie verewigt und in die amerikanische Literaturgeschichte eingegangen. Für den zweiten Band, „Unabhängigkeitstag“, erhielt Ford sowohl den Pulitzer-Preis als auch den PEN/Faulkner-Award. Der umschließende Rahmen für die jetzt erschienenen Storys sind die verheerenden Auswirkungen, die 2012 der Hurrikan Sandy an der Ostküste der Vereinigten Staaten verursacht hat.

„…ich bin achtundsechzig und genieße die nächste Stufe des Lebens – wohl auch die letzte: Demografisch gehöre ich zur „Leertisch-Fraktion“, endlich frei, um Gutes zu tun, falls mir danach sein sollte…“

Frank Bascombe zieht einmal die Woche los, um am Flughafen heimkehrende Soldaten zu begrüßen und ihnen ein Heft zu überreichen, dass ihnen über die ersten Tage helfen soll. Außerdem liest er, ebenfalls wöchentlich, in einem regionalen Radiosender Naipauls Roman „Rätsel der Ankunft“ vor. Doch viel mehr will er dann eigentlich nicht von dieser Welt. Richard Ford – Frank weiterlesen

LESESPOT N°1 – Aus den Fugen

Ein Abend in Berlin, ein Konzert in der Philharmonie und seine einschneidenden Auswirkungen auf das Leben einiger Beteiligter. So könnte man den Roman „Aus den Fugen“ zusammenfassen.

Der Schweizer Alain Claude Sulzer erzählt in wechselnder Perspektive das zeitgleiche Geschehen am Abend eines Konzertes. LESESPOT N°1 – Aus den Fugen weiterlesen

Ryu Murakami – Coin Locker Babys

Ryu Murakami ist einer der Autoren, die schon lange in meinem Kopf herumgeistern. In diesem Jahr bot eine Neuerscheinung nun den Anlass für ein Kennenlernen des japanischen Namensvetters von Haruki Murakami. Beide sind nicht miteinander verwandt und auch literarisch – zumindest nach dieser Lektüre – bewegen sie sich eher in unterschiedlichen Welten. Ryu Murakami, der auch als Filmregisseur arbeitet („Tokio Dekadenz“), hat ein eher düsteres Japan vor Augen, dass nichts mit dem zum Teil märchenhaft-verträumten Szenarien bei Haruki Murakami zu tun hat.

Der Titel des Buches sei erklärt:  Als Coin Locker Babys werden in Schließfächer ausgesetzte Säuglinge bezeichnet. In der Regel sterben sie vor ihrem Auffinden. Grausam und mörderisch ist das, weil die Mütter den sicheren Tod des Kindes unter qualvollen Bedingungen in Kauf nehmen. Hashi und Kiku, die beiden Hauptfiguren des bereits 1980 erschienenen Romans, überleben diesen Akt auf wundersame Weise; vergessen werden sie ihre Herkunft als Coin Locker Babys jedoch nie.

Die Jungen treffen in einem Waisenhaus aufeinander und erleben – nach der späten Adoption durch Pflegeeltern – auf einer verfallenden Insel ihre Kindheit gemeinsam und fühlen sich dadurch wie Brüder. Die beiden sind allerdings völlig unterschiedlich. Hashi, der eher schwächlich wirkt, ist ein kommunikativer Typ und erfreut sich einer gewissen Beliebtheit. Der verschlossenere und stillere Kiku dagegen ist sehr sportlich und setzt lieber seinen Körper als seine Sprache ein. Ryu Murakami – Coin Locker Babys weiterlesen

Jonathan Franzen – Unschuld

Ich gebe zu, es war ein besonderer Augenblick, das neue Buch von Jonathan Franzen in den Händen zu halten. Besonders, wegen meiner Vorfreude, denn der Autor hatte mir mit seinen beiden Romanen „Die Korrekturen“ und „Freiheit“ großes Lesevergnügen bereitet. Franzen, der „Star“ der amerikanischen Gegenwartsliteratur, war in den letzten Wochen in allen Medien präsent, die Erwartungshaltung an sein neues Werk entsprechend hoch. In der Regel sorgt die vorgefasste Haltung der Leser bei den Nachfolgewerken eher für Enttäuschung. Für Franzen scheint das nicht zu gelten. Die Kritiken waren positiv und auch zu meiner Freude ist wieder ein erstaunlich gutes Buch entstanden.

Der über 800 Seiten umfassende Roman enthält Figuren aller Altersklassen mit ihren generationstypischen Problemen. Bereichert wird das ganze mit einem Ausflug in die neuere deutsche Geschichte.  Das alles irgendwie miteinander verknüpft ist, gehört zur guten Konstruktion dieses umfangreichen Romans. Jedes Kapitel bleibt einer Hauptfigur treu, die durchbrochene Chronologie gefällt dabei. Der Roman ist handlungsorientierter als seine Vorgänger, springt durch Kontinente und Zeiten und enthält auch einen Kriminalfall. Doch das soll jeder selbst entdecken, denn… Jonathan Franzen – Unschuld weiterlesen

E. L. Doctorow – In Andrews Kopf

Ich hatte mich sehr auf das Erscheinen des neuen Romans von E. L. Doctorow gefreut. Leider wurde die Freude durch die Nachricht seines Todes im Juli getrübt, gehört Doctorow doch zu den Autoren, mit denen ich meine Vorliebe für die amerikanische Literatur verbinde. Sein Roman „Ragtime“ war eines der ersten Bücher aus dem Regal der „Erwachsenenliteratur“, dass ich gelesen habe. Mit „Billy Bathgate“, dem Jungen an der Seite des Gangster-Bosses Dutch Schultz (wunderbare Verfilmung mit Dustin Hoffman), war ich schließlich zum treuen Leser geworden.

Doctorow gilt in Amerika als Autor, der historische Stoffe in anspruchsvolle und trotzdem verständliche Romane verpackt. Seine mit Preisen ausgezeichneten Bücher gehören zum Kanon der amerikanischen Literatur. Eines der herausragendsten Werke von ihm ist für mich der Roman „Der Marsch“, in dem der amerikanischen Bürgerkrieg thematisiert wird. Wie nebenbei erhält man eine Lektion in amerikanischer Geschichte, während Doctorow eine bunte Mischung von Protagonisten in die historischen Ereignisse einbindet. Sein Augenmerk gilt den Beteiligten, egal welcher Herkunft sie sind oder auf welcher Seite sie stehen. Tiefgründig beleuchtet er menschliche Verhaltensweisen und lotet die humanen Grenzen innerhalb eines Krieges aus.

US-Präsident Barack Obama würdigte Doctorow nach seinem Tod:

„E.L. Doctorow was one of America’s greatest novelists. His books taught me much, and he will be missed.“

„In Andrews Kopf“ ist nun das letzte Werk des Dichters, ein schmales Bändchen, dass seine Anziehungskraft sofort entfaltet und vom Leser absolute Aufmerksamkeit erfordert. Am Ende wird man mit einem außergewöhnlich konstruierten und ziemlich komischen Buch belohnt. E. L. Doctorow – In Andrews Kopf weiterlesen

Alain Claude Sulzer – Postskriptum

Bei der Lektüre eines Buches fällt es mir manchmal nicht leicht, die Grenze zwischen realem Bezug und dichterischer Freiheit zu erkennen. Das betrifft vornehmlich jene Bücher, die sich in einen historischen Kontext einfügen und nicht klar machen, ob sie nun ausschließlich fiktional sind oder nicht. Alain Claude Sulzers neuer Roman „Postskriptum“ ist so ein Buch. Je länger ich las, desto mehr wollte ich wissen, wie real die Personen, die Orte und die Begebenheiten waren.

Zuallererst natürlich die Hauptfigur: Lionel Kupfer. Ein Star von Bühne und Film, von gleichem Rang wie Marlene Dietrich, den jeder erkennt und bestaunt. Ein bedeutender Schauspieler also, der sich regelmäßig zur Erholung und Vorbereitung auf neue Engagements in einem Luxushotel im schweizerischen Sils-Maria einfindet. Das Hotel Waldhaus gibt es tatsächlich, noch heute existent als familiengeführtes 5-Sterne-Hotel, gelegen in einmalig idyllischer Lage. Auch die sich dort einfindene Prominenz, wie die weltbekannten Autoren Thomas Mann und Hermann Hesse, sind keine Erfindung, sondern besondere Geschichte eines Ortes, der vorallem den Wohlhabenden und Erfolgreichen gehört. Alain Claude Sulzer – Postskriptum weiterlesen

Jim Thompson – Südlich vom Himmel

Gerade als deutsche Erstausgabe erschienen, der bereits 1967 veröffentliche Roman „Südlich vom Himmel“ des US-amerikanischen Autoren Jim Thompson (1906-1977). Bekannt wurde der Klassiker des Noir-Genres vorallem durch die legendäre Verfilmung seines Romans „Getaway“ mit Steve McQuinn in der Hauptrolle. Sehr erfreulich ist nun die Wiederentdeckung dieses großartigen Schriftstellers, der auch zahlreiche Drehbücher verfasste. In den letzten Jahren sind im Heyne Verlage unter dem Label „Hardcore“ bisher auf Deutsch unveröffentlichte Werke von Jim Thompson neu herausgegeben worden. Im Dezember folgt mit „Fürchte den Donner“ der nächste Band. Ältere deutsche Ausgaben sind beim Diogenes Verlag zu finden, die Mehrzahl ist allerdings vergriffen.

In seinem Spätwerk „Südlich vom Himmel“ nimmt sich Jim Thompson wieder einmal der „einfachen“ Leute an und beleuchtet die gesellschaftlichen Zustände. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts arbeiten viele Hobos und Herumziehende unter härtesten Bedingungen für einen Hungerlohn, unter anderem, wie in diesem Roman, beim Bau einer gigantischen Nord-Süd-Gaspipeline. Sie haben keine ordentliche Ausbildung und verrichten die übelsten Arbeiten, meist ohne Sicherheitsmaßnahmen. Ein Fremdwort für die Unternehmen, die nur auf die Kosten achten und einen enormen Zeitdruck entfachen. Der Bitumenanstrich der metallenen Rohre klappt auch ohne Atemschutzmaske, der Presslufthammer hält Überstunden problemlos durch… Jim Thompson – Südlich vom Himmel weiterlesen

David Vann – Goat Mountain

David Vann ist ein in Alaska geborener amerikanischer Schriftsteller, von dem in deutscher Übersetzung bisher vier Werke veröffentlicht wurden.

  • „Im Schatten des Vaters“
  • „Die Unermesslichkeit“
  • „Dreck“
  • „Goat Mountain“

Mein erstes Buch von David Vann habe ich vor zwei Jahren gelesen. Der Roman „Dreck“, damals gerade neu erschienen, ist ein eigenwilliges Buch über eine sonderbare Mutter-Sohn-Beziehung. Das ungewöhnliche Verhalten der beiden zueinander fesselte mich ebenso, wie die Konstellation in „Im Schatten des Vaters“. Hier findet sich ein Sohn in der Wildnis mit seinem geistig angeschlagenen und labilen Vater wieder. Die Schwäche seines Vaters wird zu einer unerträglichen Last für den heranwachsenden Teenager, der eigentlich in der ungewohnten Umgebung Hilfe und Unterstützung benötigt.

Vanns Bücher sind immer eng mit der Natur verbunden. Der Handlungsort seiner ersten beiden Romane liegt im rauhen Alaska, in „Dreck“ ist die Hauptperson der Erde wortwörtlich verbunden. Seine Figuren überschreiten Grenzen, physische und mentale, die sie zu außergewöhnlichen Handlungen verleiten, denen man stets eine schockierende Wirkung bescheinigen kann. So haben die Romane von David Vann etwas novellenhaftes, sind von einer beklemmden Stimmung getragen und stellen mit ihrer intensiven Nähe zum Geschehen den Leser selbst vor eine Herausforderung.

In „Goat Mountain“ schildert ein inzwischen erwachsener Mann die dramatischen Geschehnisse, die er als elfjähriger Junge erlebt hat. David Vann – Goat Mountain weiterlesen

Auftakt

Dieser Blog glänzt noch, weil er eben erst auf die Welt gekommen ist… LESESEITEN verrät das Thema bereits: Es geht hier um Bücher. Natürlich gibt es schon eine ganze Menge Literatur- und Bücherblogs. Warum also noch einer?

Warum nicht! Schließlich sind die Geschmäcker verschieden und die Auswahl an Literatur ist riesengroß. Bei der unüberschaubaren Vielzahl der angebotenen Bücher ist es nicht immer leicht, das richtige Buch für sich herauszufiltern. Ich möchte an dieser Stelle ein wenig Orientierung geben und mit meinen Anregungen Interesse für die Bücher wecken, die mir gefallen haben.

Ob aktuell oder schon etwas verjährt, gut erzählte Romane sollen an dieser Stelle im Vordergrund stehen, literarische Bücher ebenso wie ausgewählte Krimis. Welche Entdeckungen habe ich gemacht, welche Autoren neu für mich gefunden. Alles schon hundertfach im Netz zu finden… nur nicht in dieser Zusammenstellung.

Ich bin an erster Stelle natürlich Leser, habe aber als Buchhändler täglich mit dem Medium Buch zu tun. Im Berufsalltag geht es nicht um meine eigenen Interessen, sondern um die Wünsche der Kunden. Mit den LESESEITEN stelle ich ausschließlich meine eigenen literarischen Vorlieben vor.

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