David Vann – Goat Mountain

David Vann ist ein in Alaska geborener amerikanischer Schriftsteller, von dem in deutscher Übersetzung bisher vier Werke veröffentlicht wurden.

  • „Im Schatten des Vaters“
  • „Die Unermesslichkeit“
  • „Dreck“
  • „Goat Mountain“

Mein erstes Buch von David Vann habe ich vor zwei Jahren gelesen. Der Roman „Dreck“, damals gerade neu erschienen, ist ein eigenwilliges Buch über eine sonderbare Mutter-Sohn-Beziehung. Das ungewöhnliche Verhalten der beiden zueinander fesselte mich ebenso, wie die Konstellation in „Im Schatten des Vaters“. Hier findet sich ein Sohn in der Wildnis mit seinem geistig angeschlagenen und labilen Vater wieder. Die Schwäche seines Vaters wird zu einer unerträglichen Last für den heranwachsenden Teenager, der eigentlich in der ungewohnten Umgebung Hilfe und Unterstützung benötigt.

Vanns Bücher sind immer eng mit der Natur verbunden. Der Handlungsort seiner ersten beiden Romane liegt im rauhen Alaska, in „Dreck“ ist die Hauptperson der Erde wortwörtlich verbunden. Seine Figuren überschreiten Grenzen, physische und mentale, die sie zu außergewöhnlichen Handlungen verleiten, denen man stets eine schockierende Wirkung bescheinigen kann. So haben die Romane von David Vann etwas novellenhaftes, sind von einer beklemmden Stimmung getragen und stellen mit ihrer intensiven Nähe zum Geschehen den Leser selbst vor eine Herausforderung.

In „Goat Mountain“ schildert ein inzwischen erwachsener Mann die dramatischen Geschehnisse, die er als elfjähriger Junge erlebt hat. Zusammen mit seinem Vater, seinem Großvater und Tom, dem Freund  der Familie, fährt er auf ein gepachtetes Stück Land  mitten in der kalifornischen Wildnis. Bei diesem traditionellen Jagdausflug der Männer soll der Junge zum ersten Mal die Gelegenheit erhalten, selbst ein Tier zu erlegen. Doch gleich zu Beginn geschieht das Unglaubliche: Ein Wilderer wird entdeckt und der Junge erschiesst ihn mit der großen Flinte seines Vaters. Was als routinierter Ausflug geplant war, entwickelt sich zu einem psychologischen Kammerspiel. Die Beziehungen der Männer geraten außer Kontrolle und der Junge findet sich zwischen allen Fronten; muß um sein Leben bangen.

Die Uneinigkeit über den Umgang mit dem Toten zerreisst die langjährigen Beziehungen der erwachsenen Männer. Der Vater versucht seinen Sohn zu schützen, ist aber seinem eigenen Vater nicht gewachsen. Der ist ein gewalttätiger Tyrann, der trotz seines körperlichen Verfalls seine Überzeugungen mit vollem Einsatz verteidigt und von allen Beteiligten am nervenstärksten ist. Von ihm hat der Junge auch das Schlimmste zu befürchten. Tom dagegen will den Ausflug abbrechen, der ganzen Situation entfliehen und alles offen legen. Doch sein Durchsetzungsvermögen ist zu schwach und die Familienbande stärker. Der Junge, gefangen in seiner eigenen Gedankenwelt, ist euphorisiert und fasziniert vom Tod. Seiner Gefühlswelt, seinen Betrachtungen und Überlegungen folgen wir als Leser und müssen uns unweigerlich den selben Fragen stellen.

Sicherlich ist „Goat Mountain“ keine leichte Sommerlektüre, die man mal so nebenbei liest. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Themen Leben und Sterben, die Bezüge zur biblischen Geschichte und die zuweilen stark verkürzte Sprache machen das Buch zu einer anspruchsvollen Lektüre. Auf der anderen Seite stehen die höchst detailierten Beschreibungen der Natur. Hier liegt die Stärke Vanns, bei aller Genauigkeit, bei allen Grausamkeiten erzeugt er eine seltsam poetische Stimmung, die im Gegensatz zum Geschehen steht. Es ist ein Auf und Ab für Leser und Erzähler –  hingerissen von der Schönheit der Landschaft, entsetzt über den Überlebenskampf, der sich darin abspielt. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Alles ist der Veränderung unterworfen, die Vergänglichkeit das Prinzip der Existenz.


DAVID VANN, „Goat Mountain“, Suhrkamp Verlag

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