Stewart O´Nan – Stadt der Geheimnisse

Stewart O´Nan gehört nicht zu den Autoren, deren Werke durch große Extravaganzen ihre Wirkung erzielen. Vielmehr sind es die ruhigen, nachdenklichen Menschen die im Vordergrund stehen, und die manchmal mit den düsteren Seiten des Lebens zu kämpfen haben. Einfache Leute, Helden des Alltags. Die „Stadt der Geheimnisse“ ist Jerusalem im Jahr 1947. Stewart O´Nan richtet seinen Blick auf ein Holocoust-Opfer und dessen Hoffnung auf ein neues Leben. Ein menschliches Psychogramm, das die Zerrissenheit der Zeit wiederspiegelt.

Der Zweite Weltkrieg ist vorüber, die Welt in Neuordnung begriffen. Viele Menschen suchen eine neue Heimat. Ein Jahr vor der Gründung des Staates Israel wirken  verschiedene politische Kräfte gegeneinander. Die Lage ist unübersichtlich und ein latentes Gefühl von Gefahr bestimmt den Alltag.

Brand kommt aus Lettland. Hinter ihm liegen traumatische Erlebnisse – Familie und Ehefrau sind ermordet. Er, der einzige Überlebende, kämpft mit wechselhaften Gefühlen, mit Schuld- und Sinnfragen. Kein selbstbewußter Typ Mann mehr, die Vergangenheit hat sich in ihm festgesetzt und ist so ein Teil seines Seins geworden. Immer wieder wenden sich seine Gedanken den Erlebnissen seines bisherigen Lebens zu. Es sind die glücklichen Tage der Kindheit mit der Familie, die Zeit mit seiner Frau Katja, aber auch die der Besatzung und Gefangenschaft. Ein Neuanfang in Jerusalem soll ein neues Leben bringen.

„Ihm stellte sich immer die Frage, was er mit seinem alten Leben anfangen sollte, die Erinnerung gärte in ihm wie eine Krankheit. … Alles, was er mit angesehen hatte, gehörte jetzt ihm, war unauslöschlich und doch nicht in Worte zu fassen. Am besten war, alles zu vergessen, und so ließ er sich weiter von der bedeutungslosen Gegenwart ablenken.“

Mit Unterstützung der Hagena, einer zionistischen Untergrundorganisation der er sich anschließt, wird aus Brand  der Taxifahrer Jossi. Zunehmend wird er in die Aktionen der Gruppe eingebunden. Wenig eingeweiht, fühlt er sich nicht vollständig zugehörig. Einzig Eva, die ein ähnliches Schicksal nach Jerusalem verschlagen hat, verschafft ihm ein wenig Geborgenheit. Auch wenn er seine Liebe ihr gegenüber nicht gestehen darf, so ist sie doch die erste wirklich positive Sache in seinem neuen Leben.

Stimmungsvoll stellt O´Nan Jerusalem in den Mittelpunkt. Eine pulsierende, lebensfrohe und von Touristen aus aller Welt besuchte Metropole auf der einen Seite. Andererseits der in politischer Geißel unter Kontrollen und Ausgangssperren von ständiger Bedrohung gepeinigte Ort, der die Welt bis heute in Atem hält. Diese gegensätzliche Charakteristik macht den Reiz des Romans aus, in dem sich die Gruppe von Brand bewegt. Geheime Projekte und konspirative Treffen mit strikten Kommunikations- und Kontaktregeln werden organisiert. Die Furcht vor Verfolgung oder Verrat dominiert das Denken und Handeln. Die politischen Ziele sind da nicht immer vorrangig im Kopf, pragmatische Erwägungen schnell bei der Hand, um nicht in die Fänge der britischen Mandatsregierung zu fallen.

„Wie konnte man töten und sich immer noch gerecht nennen? Wie lebte man, wenn man die Menschen, die man liebte, sterben ließ?“

Die zunehmende Gewalt gegen Menschen beschwören bei Brand Zweifel. Er ist Hin- und Hergerissen zwischen den Ansichten der Hagena-Getreuen. Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen, dem unmittelbaren Erleben von willkürlichem Morden, dem Verlust der eigenen Familienangehörigen und den Qualen der Gefangenschaft – den eigenen Tod vor Augen- , stellt sich für ihn die Frage nach der Richtigkeit der Mittel des Widerstands und des Inkaufnehmens von Opfern. Sein Zögern wird bemerkt. In der Gruppe als Zeichen von Schwäche gesehen, zeichnet es Brand besonders aus, dass er nicht einfach nur mitmacht. Aus den Erfahrungen begreift er schließlich, selbst für sich verantwortlich zu sein.

„Er hatte die Nase voll vom Krieg.“

Für mich persönlich gehört Stewart O´Nan zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart. Seine Bücher haben mich immer beeindruckt, auch wenn sie oft sehr bedrückend waren („Alle, alle lieben dich“; „Engel im Schnee“). Das muss man zuweilen aushalten können, geht es in den Werken oft um Verlust und die damit verbundenen Ängste. Trotzdem schafft es der Autor immer wieder einen leichten, mitunter humorvollen Ton zu treffen, der sich der jeweiligen Thematik anpasst („Emily, allein“). Mit seinem ruhigen Erzählton gibt er den Figuren Raum sich zu entfalten und ermöglicht es dem Leser, sie umfassend zu verstehen.

Die „Stadt der Geheimnise“ trägt nicht nur die politischen Ideen und Vorstellungen der gegeneinander wirkenden Gruppen in sich. Vielmehr sind es die Geheimnisse der Menschen die in die Stadt gekommen sind, um einen Neuanfang zu wagen. Sie wollen die Erinnerungen aus ihrem früheren Leben, die sie mit sich herumtragen, vergessen und ihre Trauer überwinden. Der schmale Roman setzt sich intensiv mit dieser Gefühlsebene auseinander und zeigt, wie verschieden die Menschen mit ihr umgehen. In gewohnt klarer Sprache erzählt Stewart O´Nan eine historische Episode vor authentischer Kulisse. Die vielschichtige Persönlichkeit von Brand/Jossi zeigt dabei die Perspektive einer gebrochenen Generation, die auf der Suche nach neuer Orientierung und neuem Lebensmittelpunkt mit inneren und äußeren Widerständen kämpfen muss. Ganz auf sich alleine gestellt, keine einfache Situation.


STEWART O´NAN, „Stadt der Geheimnisse“, Rowohlt

StadtderGeheimnisse
(c)Rowohlt
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