Stewart O’Nan – Henry persönlich

Nach „Abschied von Chautauqua“ und „Emily allein“ legt Stewart O’Nan mit „Henry persönlich“ den dritten Roman um die Eheleute Emily und Henry Maxwell vor. Wer die Darstellung des Alltagslebens in der Literatur mag, es aushält, ohne größeren Spannungsbogen ein Buch zu lesen, der wird hier mit der genauen Beobachtungsgabe eines der großen Könner der Gegenwartsliteratur belohnt.

Wie kann ich die Bücher von Stewart O’Nan empfehlen? Diese Frage treibt mich schon seit langer Zeit um. Ich habe fast alle Bücher des amerikanischen Autoren gelesen und war stets aufs Neue zufrieden. Doch meine Vorstellung, andere für die oft gemächlich und unspektakulären Werke begeistern zu können, blieb eher vage. Wer interessiert sich für das Unspektakuläre, das Routinierte unseres Lebens und verbringt damit noch Stunden? Ich tue es, weil mir die Lektüre Freude bereitet und so gar nicht langweilig vorkommt. Weil mir die mikroskopische Zurschaustellung privater Beziehungen, wie sie Stewart O’Nan mit seiner zurückhaltenden und liebevollen Art präsentiert, tatsächlich Emphathie für die verschiedensten Personen abringt. Weil mir dieser Blick auf die Kleinigkeiten verdeutlicht, dass unsere Empfindungen für die Dinge und unsere Mitmenschen oft von jenen vermeintlichen Nichtigkeiten abhängen, die uns tagtäglich begegnen. Konsequenterweise kommt man zu dem Schluß, dass die große Kunst des Lebens eben darin besteht, genau den richtigen Weg im Umgang miteinander zu finden. Und in diesem Gedanken bestärkt die Literatur von Stewart O’Nan.

„Achtundvierzig Jahre, und noch immer konnte er sich nicht daran gewöhnen, wie schnell ihre Stimmung umschlagen konnte. Manchmal entschuldigte sie sich, doch er hatte gelernt, nicht darauf zu warten. Er hätte gern geglaubt, dass sie es nicht so meinte, aber es war der Ton, der so verletzend war – als hätte er sie, wie ein halsstarriges Kind, absichtlich an die Grenzen ihrer Geduld gebracht.“

So flüchten sich seine beiden Hauptfiguren Henry und Emily in ihre jeweils eigenen Welten. Die Organisation des Haushalts der beiden in Pittsburgh lebenden Rentner funktionert nach strenger Abgrenzung. Daraus ergibt sich eine genaue Aufgabenverteilung. Der ehemalige Ingenieur Henry werkelt im Keller und im Garten. Emily hält die Ordnung im Haus. Henry macht die Besorgungen und engagiert sich in der kirchlichen Gemeindearbeit. Emily pflegt die sozialen Kontakte zu den Familien ihrer beiden Kinder. Henry kümmert sich um die Finanzen, Emily um das große Ganze. Und obwohl der eher ruhige und gelassene Henry und die aktive, oft schroffe und aufbrausende Emily nicht gegensätzlicher sein könnten, passen sie auf sich auf und helfen einander. Echte Liebe, darf man sagen, auch wenn beiden ihre Unterschiedlichkeit sehr bewusst ist. Ihre Stärke – ihr Zusammenhalt – gelingt durch eine lang gehegte Routine. Feste Rituale sind das Standbein dieser Ehe, geprägt von Feiertagen, Geburtstagen und Festlichkeiten oder von den Jahreszeiten. Im Sommer verbringen die beiden mit ihren Kindern und den Enkelkindern die Zeit im Sommerhaus in Chautauqua. Hier weitet sich die Welt für eine Weile, prägen andere Einflüsse das Alltagsleben. Trotzdem spielen feste Traditionen und Erinnerungen die Hauptrolle. Veränderungen finden eher außerhalb des eigenen Heims statt: Neue Nachbarn, veränderte soziale Verhältnisse in der Stadt befördern ein Fremdeln und erzeugen Wehmut nach den alten Zeiten. Der Blick in diese kleinbürgerliche Welt ist genau, manchmal penibel und wirkt trotz allem nicht langatmig. Die Details sind das Salz, die Gedanken der Protagonisten der Pfeffer.

Wer findet das jetzt spannend? Diese Frage bleibt für mich bestehen. In unserer aufgeregten, nach spektakulären und außergewöhnlichen Stories heischenden Welt hat ein Autor, der sich eher introvertiert anmutender Literatur verschrieben hat, weniger Aufmerksamkeit. Wer allerdings einmal Gefallen an dieser Art der Literatur gefunden hat, wird weiter lesen wollen. Der Einstieg in die Welt der Maxwells beginnt mit „Henry persönlich“. In der Chronologie ist es der zeitlich am frühesten handelnde Roman. „Emily allein“ folgt. Hier beschreibt Stewart O’Nan das Leben der Witwerin Emily Maxwell. Ein grandioses Buch! Den Abschluß bildet das bereits 2005 erschienene monumentale „Abschied von Chautauqua“, in der die gesamte Familie ein letztes Mal im Sommerhaus zusammenkommt. Die Lebenswege der anderen Familienangehörigen werden in allen Romanen ebenfalls als Teil des Lebens von Emily und Henry mitverfolgt. Hier spiegeln sich die Konflikte der Generationen, treffen unterschiedliche Vorstellungen aufeinander die sich nicht immer befrieden lassen.

Literarisch über jeden Zweifel erhaben, dass sind die Bücher von Stewart O’Nan. Stets eine intensive Lektüre, aus der man etwas für sein alltägliches Leben mitnehmen kann. Davon bin ich überzeugt.


STEWART O’NAN, „Henry persönlich“, Rowohlt

300_U1_978-3-498-00121-6
(c)Rowohlt

 

 

 

 

 

Eine weitere Besprechung zu Stewart O´Nan: „Stadt der Geheimnisse“

2 Kommentare zu „Stewart O’Nan – Henry persönlich“

  1. Vielen Dank für Deine schöne Rezension. Ich bin ebenfalls ein großer Fan von Stewart 0‘Nan. Ich werde auch diesen Roman wieder lesen. „ Die Chance“ hat mir auch sehr gut gefallen. Kennst Du den Roman?
    Liebe Grüße
    Ruth

    Gefällt 1 Person

    1. Dankeschön!
      Ja, „Die Chance“ habe ich auch gelesen, muss aber zugeben, mich nicht mehr so richtig erinnern zu können. Das waren die Eheleute, die ihr letztes Geld aufs Spiel gesetzt haben, oder? Mir sind andere Bücher, wie die eher traurigen „Engel im Schnee“ oder „Alle, alle lieben dich“ aufgrund ihres stärkeren Handlungsstrangs besser in Erinnerung geblieben. Die beiden genannten Romane sind allerdings sehr bedrückend und deshalb eine ganz andere Lektüre als etwa die Maxwell-Romane.
      Beste Grüße!

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