Jackie Thomae – Brüder

Mick und Gabriel. So heißen die beiden titelgebenden „Brüder“ des Romans von Jackie Thomae, die trotz ihres verwandschaftlichen Verhältnisses fast 50 Jahre nichts voneinander wissen. Am Ende ist es der Vater, der den Kontakt zu seinen Söhnen sucht, um die Dinge in seinem Leben zu ordnen. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich, so unterschiedlich wie die Lebenswege der beiden Männer, die die selben Startbedingungen hatten.

Geboren 1970 in der DDR, der eine in Leipzig, der andere in Berlin. Beide Mütter lernen den aus Afrika stammenden Medizinstudenten Idris kennen, der für seine Söhne nur durch die ihnen vererbte dunkle Hautfarbe präsent bleibt. Während der Berliner Mick mit seiner Mutter in den Westen geht, sucht der mit sieben zum Halbwaisen gewordene Gabriel erst nach dem Zusammenbruch der DDR den Weg in eine neue Zukunft, die ihn schließlich nach London führt.

Der Roman erzählt die Lebensgeschichten der Brüder nachfolgend in zwei getrennten Teilen. Dabei unterscheiden sich dieses Teile in ihrer Erzählform. Zunächst steht Mick im Vordergrund, der das Leben möglichst ohne große Wiederstände meistern möchte, sich gerne vor großen Entscheidungen wegduckt und lieber den unterhaltenden Aspekt des Lebens bevorzugt. Sein gutes Aussehen verhilft ihm zu schnellen Kontakten zu Frauen, denen er sich allerdings nicht verpflichtet fühlt. Einzige Ausnahme ist Delia, die ihm aus voller Zuneigung lange zur Seite steht und die ihm tatsächlich wichtig ist. Doch Mick ist ein Lebenskünstler, ohne finanzielle Vorraussicht lebt er für den Augenblick und manövriert sich stets in sorgloser und oberflächlicher Manier durch die wichtigen Momente des Lebens. Am Ende strandet er in Thailand, ohne Aussicht und Plan wie es weitergehen soll.

„Stell Dir vor, du musst zurück auf null. Stell dir vor, dass alles, was dein Leben ausgemacht hat, nicht mehr existiert. Stell dir vor, du wirst gleichzeitig obdachlos, erwerbslos und partnerlos. Stell dir vor, du bist erst dreißig und hast die beste Zeit deines Lebens bereits hinter dir, was dir erst jetzt bewusst wird. Stell dir vor, niemanden interessiert das. Was würdest du tun?“

Während Micks Geschichte sich wie ein Coming-of Age-Roman liest, ein szenelastiger Trip in die bewegende Berliner Club-Geschichte der 90er-Jahre ist, wird Gabriels Teil aus zwei Perspektiven erzählt. Immer abwechselnd kommen er selbst und seine Frau Fleur zu Wort. Sie ergänzen die Darstellung des jeweils anderen und der Blick auf Gabriels Leben wird so ein anderer, als bei Mick. Zudem ist der Werdegang von Gabriel ungleich erfolgreicher: Er studiert und wird, was seine Mutter gerne geworden wäre: Architekt. Der Einstieg in Gabriels Leben fängt allerdings mit seinem Absturz an. Der Workaholic, dessen Erfolg auf seiner konzentrierten Arbeitsweise beruht, ist in einem Burn-out- gefangen, den er nur halbwegs wahr haben will und rastet in einem Moment der Zuspitzung aus. Dieser Moment ist durchaus verschieden zu bewerten, doch der öffentliche Druck ist enorm.

„Die meisten Menschen muss man näher kennen, um festzustellen, dass sie Arschlöcher sind. Bei Gabriel ist es umgekehrt: Man muss ihn kennen, um zu wissen, dass er kein Arschloch ist.“

Das liegt auch daran, dass Gabriel seinen schnörkelosen Arbeitsstil  ins gesellschaftliche Leben kopiert hat, was ihn trotz seiner sonst ausgesprochen höflichen und geduldsamen Art nicht zu einem selbstverständlich symphatisch erscheinenden Menschen macht. Wie genau Gabiel zu verstehen ist, weiß Fleur am besten. Ihre Analysen treffen ins Schwarze und sie steht trotz ambivalenter Überzeugungen – etwa bei der Erziehung ihres gemeinsamen Sohnes Albert – hinter ihrem Mann, weil sie ihn kennt und versteht. Die als freie Übersetzerin arbeitende Tochter einer Belgiererin und eines Briten, belebt den zweiten Teil des Romans mit dem Blick auf ihre eigene Biographie, die irgendwann mit Gabriel verknüpft wird.

Stetiges Thema des Romans ist die Herkunft, welche Rolle sie spielt und wie sie uns im Leben beeinflusst. Für die beiden Brüder bedeutet die Herkunft ein Anderssein durch ihre Hautfarbe. Immer wieder werden sie sich rechtfertigen, naive und neugierige Fragen beantworten müssen, auf die sie keine Antwort haben, weil der Vater ein Unbekannter ist. Ihre Zugehörigkeit zu einer ethnischen Guppe ist für sie uneindeutig, denn sie sind weiß und schwarz, obwohl sie von einer weißen Welt kulturell geprägt sind und diese auch verinnerlicht haben. Ein beide immer wieder beschäftigender Konflikt, den sie nicht immer verstehen.

„Als Kind hatte man mir oft gesagt, ich hätte eine schöne Hautfabe, und meinte damit, dass ich immerhin nicht ganz schwarz war. Teilweise sagte man mir das auch. Man sagte das in dem hundertprozentigen Bewusstsein, mir ein Kompliment zu machen. Und wäre schockiert gewesen, wenn ich dieses Kompliment hinterfragt oder sogar als rassistisch bezeichnet hätte. Was ich natürlich nicht tat. Ich war klein und fand die Welt, in der ich lebte, normal. Und ich war allein. Hätte ich schwarze Verwandte gehabt, wäre mir der Sinn dieser Aussage aufgefallen.“

Eingebettet in den historischen Kontext des Aufwachsens in der DDR, stellt die Autorin zwei Lebenswege dar, die eigentlich nur formell miteinander verbunden sind und unabhängig voneinander durch die folgenden wechselhaften Jahrzehnte voranschreiten. Mit viel Gespür für die Zwischentöne trifft sie das Lebensgefühl einer Generation, zeigt die Umbrüche, beschreibt die Hoffnungen und Wünsche. „Brüder“ ist ein Roman voller Ehrlichkeit, der in einem lockeren, flüssigen Ton kleine und große Geschichten erzählt, die wunderbar unterhaltend und voller komischer Momente sind. Jackie Thomae schafft es, die Gefühle und Empfindungen ihrer Protagonisten glaubhaft wiederzugeben, ob in ernsthaften oder humorvoll zugespitzten Situationen. Mick und Gabriel sind starke Charaktere, die gelernt haben, innerlich unabhängig zu sein. Mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit ihrer Umwelt gegenüber gestalten sie ihre Leben und suchen doch trotz persönlicher Ecken und Kanten nach einem sozialen Umfeld, das sie stützt.

So freue ich mich, einen wirklich außergewöhnlichen Roman entdeckt zu haben, der es inzwischen auch auf die Longlist zum „Deutschen Buchpreis 2019“ geschafft hat. „Brüder“ ist ein kluges, witziges und sehr gut zu lesendes Werk, dass zwei gegensätzliche Lebenswege beschreibt und die Frage über den richtigen Weg offen läßt. Mick und Gabriel durchleben wie jeder Höhen und Tiefen, von denen in diesem empfehlenswerten Buch ebenso eine Menge zu erfahren ist, wie über die Frage, wie man mit seiner familiären Herkunft umgeht.


JACKIE THOMAE, „Brüder“, Hanser Berlin

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(c)Hanser Berlin
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3 Kommentare zu „Jackie Thomae – Brüder“

    1. Das ist ja das Schöne am Entdecken von Büchern, wenn sie einen mit ihrer Qualität überraschen. Ich habe es mal mit in die Pause genommen … und dann gekauft! Der Roman hat etwas zeitloses, so dass ich glaube, man kann auch noch in ein paar Jahren viel Freude mit dem Buch haben!

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      1. Das fehlt mir auch in der Tat sehr, dieses Stöbern in der Buchhandlung. Die nächste größere mit entsprechender Auswahl ist schon wesentlich weiter entfernt. Da schaut man nur rein, wenn man ohnehin in der Stadt ist. Und zuhause hast du halt gewisse Kriterien, nach denen du im Internet aussiebst. Zwar ist die Geschmacksweite mit den Jahren breiter geworden, aber manches fällt halt doch durch das Raster. … Achja, das Buchhändlerdasein hatte schon was. 😉

        Ich werde mir „Brüder“ jedenfalls jetzt mal genauer anschauen.

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