Douglas Stuart – Shuggie Bain

Ohne Umschweife muss gleich im ersten Satz „Shuggie Bain“ als der Roman charakterisiert werden, der zu Herzen geht und dessen Autor Douglas Stuart eine außergewöhnliche Sprache gefunden hat, die mit den traurigsten Momenten so würdevoll umgeht, das es viel leichter fällt, weiter zu lesen und Anteil zu nehmen, an den ersten fünfzehn Lebensjahren des schottischen Jungen Hugh Bain, genannt Shuggie.

Eigentlicher Mittelpunkt des Romans ist für mich jedoch Shuggies Mutter, Agnes Campell. Ihr Lebenswandel, ihre Beziehungen und schließlich ihre Sucht sind Auslöser für die Reaktionen und Handlungsweisen aller beteiligten Personen im Roman. So ist Shuggies Kindheit geprägt von den Veränderungen, die durch seine Mutter hervorgerufen werden. Dass der Junge ein besonderes Kind ist und irgendwie anders tickt als andere Gleichaltrige, hat dann aber nicht nur mit seiner Mutter zu tun.

Glasgow, die achtziger Jahre. Man hat beim Lesen das Gefühl, ständig in Dunkelheit zu verbringen; in trostlosen grauen Wohnsiedlungen, in denen die Menschen in ärmlichen Verhältnissen leben, von denen viele von der wöchentlichen staatlichen Unterstützung abhängig sind, die meistens nicht bis zum Ende der Woche reicht. Es gibt viele kinderreiche Familien, deren Väter schwere Arbeit verrichten, sofern sie ihren Job nicht verloren haben und den Tag nun mit Trinken verbringen. Douglas Stuart hat in diesem Buch eigene Lebenserfahrungen eingebracht, anders lässt sich die detailierte und genauestens gezeichnete Milieudarstellung sonst auch nicht erklären. Wunderbar die Dialoge der sozial am schlechtesten gestellten, deren Dialekt scharfzüngig und oft hämisch von Wortwitz durchzogen, immer auch respektvoll mit den Figuren umgeht, insbesondere dann, wenn sich die menschliche Wärme trotz des rauhen Tons durchsetzt.

In diese Welt wächst der sensible Shuggie hinein, dessen Mutter Wert auf eine korrekte Sprache und ordentliches Aussehen legt. Für den Jungen, der seiner Mutter verfallen ist, wird das zu einer Selbstverständlichkeit, die für andere abgehoben und arrogant erscheint. Zudem hat Shuggie einen anderen Gang und eine hohe Stimmlage, die seine Art sich auszudrücken noch auffälliger macht. In der neidvollen Umgebung, in der er aufwächst, wird er so stets zum Ziel von Hohn und Spott von Kindern und Erwachsenen und sieht sich, als Außenseiter gebrandmarkt, folgerichtig nicht nur mit verbalen Auseinandersetzungen konfrontiert. Doch diese gesellschaftliche Last seines Lebens, in der er sich immer wieder als Schwuchtel beschimpfen lassen muss, wird vom Alkoholproblem seiner Mutter übertroffen.

Vor einer Weile waren Schwarzweiss-Postkarten beliebt, die einen kleinen farbigen Akzent im Motiv hatten, der hervorstach, z.B. eine rote Rose mit einem Paar. So kann man sich auch Agnes vorstellen, die mit ihrer ausgewählten Bekleidung, dem prägnanten Makeup und ihrem auffällig gestylten Haaren überall für Aufsehen sorgt. Die attraktive Katholikin hat ein Faibel für gutes Aussehen und kein Verständnis für die nachlässige Erscheinung ihres Umfeldes, dass sie dieses durchaus spüren lässt. Sie hangelt sich von einem braven Ehemann zu einem Frauenheld und zerbricht schließlich an dieser Situation. Ihr Weg damit umzugehen, ist der Alkohol. Immer mehr verliert Agnes die Kontrolle über sich selbst und zieht mit ihren Stimmungsschwankungen und der daraus resultierenden Unberechenbarkeit ihre Kinder ins Verderben.

Shuggie muss mitziehen und zieht mit. Er wird früh erwachsen und bleibt doch auch ein naives Kind, dass am Rockzipfel der Mutter klebt, die seine emotionale Abhängigkeit gut auszunutzen weiß. Seine älteren Halbgeschwister leiden ebenso unter der Situation, können allerdings eine bessere innere Distanz zu ihrer kranken Mutter aufbauen. Immer größer wird die finanzielle Not der einkommenslosen Familie, denn einen unterstützenden Ehemann gibt es nicht mehr. Hungerleidend und frierend gestaltet sich das Leben, wenn ein Großteil des Geldes für Bier und Schnaps ausgegeben wird.

Wie sich dieses Jahrzehnt für Shuggie und seine Familie genauer entwickelt, sollte unbedingt erfahren werden. Soll heißen: Unbedingt Lesen! Die unglaubliche Schwere der Umstände spricht sicherlich nicht alle gleich an. Aber die sprachliche Umsetzung ist unfassbar gut und die liebevoll und nicht immer nur traurig wirkenden sozialen Szenerien versetzen einen direkt in das Geschehen. Das was oft als Lebendigkeit beschrieben wird, hier fühlt man es ganz deutlich. Der Blick in eine andere Welt mittels Literatur, bei „Shuggie Bain“ schaut man in verschiedene Welten, die der Autor mal behutsamer, mal schonungsloser beschreibt. So wird es ein Hin- und Hergerissensein zwischen den Emotionen, die der Roman hervorzurufen weiß. Der Respekt vor den Umständen und den Personen geht dabei nie verloren und verstärkt am Ende das Gefühl, ein ganz besonderes Buch gelesen zu haben.


DOUGLAS STUART,Shuggie Bain„, Hanser Berlin

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