Jim Thompson – Südlich vom Himmel

Gerade als deutsche Erstausgabe erschienen, der bereits 1967 veröffentliche Roman „Südlich vom Himmel“ des US-amerikanischen Autoren Jim Thompson (1906-1977). Bekannt wurde der Klassiker des Noir-Genres vorallem durch die legendäre Verfilmung seines Romans „Getaway“ mit Steve McQuinn in der Hauptrolle. Sehr erfreulich ist nun die Wiederentdeckung dieses großartigen Schriftstellers, der auch zahlreiche Drehbücher verfasste. In den letzten Jahren sind im Heyne Verlage unter dem Label „Hardcore“ bisher auf Deutsch unveröffentlichte Werke von Jim Thompson neu herausgegeben worden. Im Dezember folgt mit „Fürchte den Donner“ der nächste Band. Ältere deutsche Ausgaben sind beim Diogenes Verlag zu finden, die Mehrzahl ist allerdings vergriffen.

In seinem Spätwerk „Südlich vom Himmel“ nimmt sich Jim Thompson wieder einmal der „einfachen“ Leute an und beleuchtet die gesellschaftlichen Zustände. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts arbeiten viele Hobos und Herumziehende unter härtesten Bedingungen für einen Hungerlohn, unter anderem, wie in diesem Roman, beim Bau einer gigantischen Nord-Süd-Gaspipeline. Sie haben keine ordentliche Ausbildung und verrichten die übelsten Arbeiten, meist ohne Sicherheitsmaßnahmen. Ein Fremdwort für die Unternehmen, die nur auf die Kosten achten und einen enormen Zeitdruck entfachen. Der Bitumenanstrich der metallenen Rohre klappt auch ohne Atemschutzmaske, der Presslufthammer hält Überstunden problemlos durch…

Eingebunden in diese amerikanische Wirklichkeit ist Tommy Burwell, ein 21jähriger Waise, der durch einen tragischen Dynamit-Unfall seine letzten Verwandten verlor und eigentlich ein anderes Leben vor Augen hatte: Der beste seines Jahrgangs, belesen und Verfasser kleiner Gedichte und Limericks. Aus Angst vor der Unterbringung in ein Waisenhaus ergreift er kurz vor seinem Schulabschluß – und damit seiner besseren Zukunft – reißaus und verdingt sich von da an umherziehend als Aushilfsarbeiter auf den verschiedensten Baustellen. Hier lernt er den umtriebigen Four Trey Whitey kennen, der das Potential Tommys erkennt und mit ihm im Glücksspielgeschäft einen Partner findet. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder, wie jetzt in Texas. Whitey verschafft Tommy eine Stelle als Sprengassistent. Während Four Trey ganz eigene Interessen verfolgt, verliebt sich der junge Tommy in ein Mädchen. Carol, eine im Wohnwagen als Hure herumziehende, ist ebenso von Tommy angetan, doch der Liebe der beiden steht eine ganze Bande entgegen.

„Südlich vom Himmel“ ist eine Geschichte aus dem Westen, nicht dem glorifizierten Westen der Entdeckerzeit, sondern aus dem späteren industriellen Zeitalter, in dem die Menschen von der Entwicklung der Moderne überrannt werden. Ihre Instinkte sind noch die gleichen, der Fortgang der Welt stellt sie allerdings vor schwerwiegende Probleme. Diese Welt ist keine Idylle, für viele purer Überlebenskampf, der abgekoppelt vom Aufschwung einer Nation stattfindet. Jim Thompson hat keinen Krimi im klassischen Sinn verfasst. Er zeichnet ein Gesellschaftsabbild, in dem das kleine und professionele kriminelle Milieu zum Alltag gehörte. Dies gelingt ihm eindrucksvoll, auch durch seine Dialoggesaltung. Seinen Figuren gibt er Raum und leuchtet ihr Innenleben aus. Den ganz großen Spannungsboden habe ich in diesem Buch nicht gefunden. Dafür aber eine ganze Reihe schräger und verkorkster Typen. Nicht nur der Dreck, der an ihnen haftet, macht sie zu aberwitzigen Gestalten, auch Alkohol- und Drogenkonsum lassen sie zu kränklichen Gestalten werden. Diese heruntergekommenen und oft süchtigen Männer sind auf solche knochenharten Jobs angewiesen. Sie sichern für einige Zeit Verpflegung und Unterkunft. Das verdiente Geld wird in jede Form der „Vergnügung“ investiert. Ihnen gegenüber steht ein eng verzahntes System von Politik und Industrie. Erbarmungslose Ausbeutung, die oft den Tod zur Folge hat, um maximalen Profit herauszuschlagen.

Der Autor, der selbst unter Alkoholproblemen litt und der von seiner Arbeit am Ende nur schwer leben konnte, verstarb unter ärmlichen Bedingungen. Sein Blick auf die kleinen Leute ist auch heute noch ein unvergleichlicher und realistischer Einblick in ein Leben, das für viele Normalität war.


JIM THOMPSON, „Südlich vom Himmel“, Heyne Verlag

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