Markus Orths – Picknick im Dunkeln

Dunkelheit. Nein, Schwärze, das trifft es eher. Oder „Nichts“. Aber das stimmt auch nicht, denn da gibt es doch etwas. Einen Boden. Einen festen Boden auf dem man gehen kann. Nur das man nichts sieht, nicht mal den eigenen Körper. Man sieht nichts und fühlt diese drückende Schwärze. Wo ist man hier? Wie ist man hierher gekommen? Und wann ist man hierher gekommen? Was ist mit der Zeit?

Diese Fragen stellt sich jemand, den die meisten unter den Namen Stan Laurel kennen. Zusammen mit Oliver Hardy bildete er im letzten Jahrhundert das legendäre Komiker-Duo, das in Stumm- und Tonfilmzeit die Menschen auf der ganzen Welt zum Lachen brachte. Ihr Erfolg beruhte nicht nur auf ihrem schauspielerischen Können, sondern auch an der Hintergrundtätigkeit von Stan Laurel, der sich als Autor, Cutter und oftmals Regisseur ihrer Filme betätigte. Seine gespielte Rolle des kindlich-weinerlichen Einfallspinsels hatte nichts mit dem wirklichen Menschen zu tun, der er war. Und er findet sich nun an diesem unwirklichen Ort wieder und versucht zu ergründen, wo er sich befindet und was passiert ist.

In die Dunkelheit hinein bewegt er sich und stellt fest, dass er in eine Art Tunnel geraten ist. Kein Laut ist zu hören, kein Licht zu sehen. Irgendwann stolpert er über etwas. Oder über jemanden? Aber wer ist der Mensch, der sich  in der gleichen Situation wie er befindet? Ein Mann, der seine Sprache spricht, aber irgendwie anders redet. Wer ist er?

Der deutsche Autor Markus Orths veranstaltet ein „Picknick im Dunkeln“ und hat dazu zwei Personen eingeladen, die sich persönlich nicht kennen können. Siebenhundert Jahre liegen zwischen ihnen und nur einer kennt den anderen, da er nach ihm lebte. Oder leben beide noch? Schließlich reden sie miteinander und versuchen ihr gemeinsames Schicksal zu ergründen. Sie diskutieren, lernen sich näher kennen und ergründen ihre Gemeinsamkeiten und ihre Unterschiede. Gemeinsam wagen sie die Erkundung ihres Umfelds, auf der Suche nach einem Ziel, einem Ausgang oder dem Licht. Das ganz besonders fehlt, genau wie jeglicher Hinweis. Also reden sie und irgendwann wird klar, wer der andere Mann ist. Thomas von Aquin, der bedeutende Dominikanermönch, der große kirchliche Gelehrte des Mittelalters, dessen Einfluss bis heute wirkt.

So treffen in diesem Roman also Mittelalter und Gegenwart aufeinander, Glaube und Unglaube, Gelehrsamkeit und Entertainment. Es entspannt sich ein Dialog über Leben und Sterben, Dasein und Tod. Und ein Rückblick auf das Erlebte und Erfahrene. In klarer Sprache hat Orths einen leichten Ton gefunden, der sich von der bedrückend wirkenden Kulisse abgrenzt. Mit zwinkernden Blick wird eine Situation und ein Aufeinandertreffen geschildert, in dem Nachdenkliches ebenso zu finden ist, wie viele Details aus dem Leben zweier berühmter Männer. Das ruft Interesse hervor und erzeugt Bilder, an lange zurückliegende Vorabende, in denen schwarzweiße Filme für Vergnügen sorgten.

„Picknick im Dunkeln“ ist eine Lektüre, die einen entführt. An einen ungewöhnlichen Ort mit zwei verschiedenen Personen, die einen Blick wert sind, sich mit ihnen zu beschäftigen. Glücklicherweise macht es der Autor seinen Lesern leicht und verlangt kein Vorwissen. Deshalb steigt man später aus der Dunkelheit angenehm entspannt wieder auf und hat vielleicht ein paar Gedanken der beiden Figuren mit in die Gegenwart genommen.


MARKUS ORTHS, „Picknick im Dunkeln“, Hanser Verlag

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(c)Hanser
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