John Steinbeck – Die Perle

Nur 94 Seiten misst der Roman „Die Perle“ von John Steinbeck. Das es mit so einem kurzen Umfang trotzdem möglich ist, seine Leser in eine berührende Geschichte eintauchen zu lassen, beweist der amerikanische Nobelpreisträger von 1962 eindrucksvoll. Für (vielleicht) zwei Stunden entführt der Autor uns in die Welt mexikanischer Perlentaucher, die in der pazifischen Küstenprovinz ein hartes Leben führen. Stimmungsvoll setzt Steinbeck die Landschaft und ihre Menschen in Szene und  erzählt eine Geschichte über Glück und Unglück, Glauben und Tradition – und vom Kampf eines Vaters für ein besseres Leben seines Sohnes.

„Obwohl es noch früh am Morgen war, begann die Luft bereits zu spiegeln und zu flimmern. Sie machte manche Dinge größer, als sie waren, andere aber wieder verlöschte sie, so daß sie unsichtbar wurden, sie hing über dem Golf und ließ alles unwirklich erscheinen wie eine Vision, der man nicht trauen durfte. Land und See erhielten so die scharfe Klarheit und zugleich das Unbestimmte eines Traumes. Daher kam es vielleicht auch, daß die Leute, die am Golf wohnten, ihrer Phantasie mehr Glauben schenkten als ihren Augen.“

Die Bewohner der Fischerhütten stammen von den ursprünglichen Ureinwohnern ab, die vor langer Zeit unterdrückt wurden und von ihren Siegern wie  „Kinder“ behandelt werden. Traditionelles Denken und ein fest verankerter Glauben sind Teil ihres einfachen Lebens, in dem sie sich so gut wie möglich eingerichtet haben. Wichtigster Besitz sind die über Generationen weiter vererbten Boote, mit denen sie täglich aufs Meer fahren, um nach Austern zu tauchen. Sie fristen ein armes Dasein in ihren Hütten abseits des Strandes. Einer von ihnen ist der junge Fischer Keno. Er lebt gemeinsam mit seiner Frau Juana und dem kleinen Sohn Coyotito zusammen und träumt vom großen „Fang“.

„Es ist nicht gut, wenn man etwas zu sehr wünscht. Das Glück wird dadurch fortgetrieben.“

Keno und Juana kommen inzwischen fast wortlos miteinander aus, denn jeder Handgriff im täglichen Ablauf ist einstudierte Routine. Eine Familienidylle, die schon bald aus dem Gleichgewicht gerät. Denn eines Tages meint es das Glück schließlich gut mit ihnen. Keno findet eine große Perle, die sofort den ganzen Ort in ihren Bann zieht und bei den  Bewohnern Erwartungen weckt. Es kommt, wie es kommen muß: Die geweckten  Begehrlichkeiten ziehen Aktivitäten nach sich. Betrügerische Täuschungen und gewalttätige Übergriffe bedrohen das Leben der Familie. Juana, die sonst zurückhaltend bleibt, will das Schicksal nicht zu sehr herausfordern. Sie sieht in den Entwicklungen dunkle Vorzeichen:

„Der Teufel hat dir die Perle in die Hand gelegt!  … Sie ist wie eine Sünde. Sie wird uns ins Verderben stürzen.“

Doch Keno hat ein klares Ziel vor Augen: Der Sohn soll später die Chance für eine bessere Zukunft haben und letztendlich…

„… die Mauer durchbrechen, die uns einschließt.“

In der sich weiter zuspitzenden Auseinandersetzung, die zu einem Kampf um Leben und Tod wird, bangt man als Leser mit den beiden mit und möchte am liebsten helfend eingreifen. Größte Bewunderung entwickelt sich dabei für Keno, der mit großer Aufopferung  bis an seine Grenzen geht und versucht, die unüberwindbar scheinenden gesellschaftlichen Schranken, die von den Herrschenden mit allen Mitteln verteidigt werden, zu durchbrechen. Wie hingebungsvoll die beiden miteinander um das Schicksal ihrer Familie ringen,  dass hat John Steinbeck grandios zu Papier gebracht. Er überzeugt durch die Gestaltung der sich verändernden Emotionalität und besticht durch die hervorragende Darstellung der vielen Facetten menschlichen Verhaltens.

Eine wahre Perle ist dieses kleine Büchlein; intensiv und mit dichter Handlungsfolge, dass mich an Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ erinnerte. Schon wegen des Ausgangs der Geschichte sollte man dieses Buch unbedingt lesen.


JOHN STEINBECK, „Die Perle“, dtv

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5 Kommentare zu “John Steinbeck – Die Perle”

  1. Ich finde ja, gerade weil manche Geschichten so kurz sind, sind so unheimlich gut. Gerade Autoren, die sprachlich was drauf haben, schreiben ja oft kurze Bücher, die dann nicht abschweifen, sie verlieren sich nicht drin und vor allem verlieren sich die Leser nicht und lesen nur noch ohne zu lesen.
    Danke für die Rezension, „Die Perle“ landet damit auf meiner Liste!

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    1. Die guten „alten“ Autoren sollen nicht vergessen werden!
      John Steinbeck schreibt ja thematisch nicht unbedingt leichte Unterhaltungsromane; seine Stärke ist die sprachliche Umsetzung. Und gute Verständlichkeit ist leider nicht immer ein Markenzeichen großer Autoren.
      Davor hatte ich „Die Reise mit Charley“ gelesen. Sehr amüsant und kurzweilig!

      Gefällt 1 Person

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