Thomas Raab – Walter muss weg

Ein großer schwarzer Sarg ziert das Titelbild des neuesten Werkes des Österreichers Thomas Raab. Wo normalerweise keine Konkurrenz um den Platz für einen Verstorbenen ist, gibt es in diesem Fall gleich mehrere Bewerber. „Frau Huber ermittelt – Der erste Fall“ lautet der Untertitel. Fast wie zur Warnung: Dies ist kein Metzger-Krimi. Also auf zu neuen Ufern?

Ich habe mich ja als begeisterter und vorallem gut unterhalten gefühlter Leser der Krimikomödien um den Restaurator Willibald Adrian Metzger bekannt. Nach dem letzten Band der Reihe „Der Metzger“ (2016), erschien zuvor 2015 „Still – Chronik eines Mörders“. Ein Einzelwerk, dass vielfach gelobt wurde. Nach zwei Jahren Pause nun ein Neuanfang mit einer neuen Reihe. Der Wechsel zu einem anderen Verlag war hier vielleicht mit ausschlaggebend, nachdem die alte Serie bereits von mehreren Verlagen betreut wurde.

„Walter muss weg“ erinnert regional an „Still“ und vom schwarzhumorigen Stil an die Metzger-Reihe. Ort der Handlung ist eine idyllisch gelegene Gemeinde mitten in der menschenarmen Natur namens Glaubenthal. An einem einzigen Tag spielt sich in diesem Dorf ein Hollywood-reifes Szenario ab, dass durch Rückblenden ergänzt, neben der Kriminalhandlung eine Gesellschaftsgeschichte des Ortes unterhaltsam aufbereitet. Neben auftauchenden und wieder verschwindenen Leichen gibt es Verfolgungsjagden und Schießereien. Ein äußerst ambivalentes Polizeigespann steht eher komparsenhaft bereit, weiß durch die schönsten Dialoge des Romans in bester „Screwball-Komödie-Art“ zu überzeugen. Abwechslung ist also garantiert. Dafür sorgen auch ein Wolf und zwei eigensinnige Kinder.

Seinen Anfang nimmt das Buch aber ganz beschaulich: Hannelore Huber, nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht so alt, steht bei der Beerdigung ihres Mannes Walter Huber, als dessen Sarg unvorhergesehen in die Grube fällt und aufbricht. Zum Vorschein kommt statt des Ehemanns der Leichenbestatter. Schnell gibt es zwei Tote und es werden in kürzester Zeit noch mehr. Eine Frage stellt sich sogleich: Wo ist Walters Leiche? Die Umstände seines Todes sind pikant: Angeblich, so wird es der alten Huber übermittelt,  ist er in einem Bordell zu Tode gekommen. Doch nun, unter den neuen Umständen, findet die alte Huber das alles nachfragewürdig und begibt sich auf eine Art Roadtrip durch Glaubenthal und Umgebung. Auf diese Weise lernt der Leser nicht nur alle Dorfbewohner kennen, sondern gleich auch die Geschichtchen, die jeder mit sich herumträgt  – und natürlich, wer mit wem kann bzw. nicht kann.

Das Bild dieser Dorfgemeinschaft, dass Thomas Raab hier konstruiert, ist ein sehr lebendiges und in der Vorstellung durchaus realistisches. Große Kunst,  mit vielen kleinen Details aus dem Leben gespickt, ergänzt um politische und soziale Themen der Zeit. Ein aktuelles Abbild der Provinz, die von Abwanderung und zunehmender struktureller Schwäche betroffen ist. Der Autor hat über die Jahre seine schriftstellerischen Fertigkeiten weiter entwickelt und schafft es, solche Themen in sein Unterhaltungswerk einfliessen zu lassen, ohne dass es stört. Dazu gehören auch die zwischenmenschlichen Beziehungsgeflechte, denen stets mit dem gebührenden bitter-bösen Humor Raum gegeben wird.

Bleibt der grundlegene Anlass des Buches, der kriminalistische Teil, der mich ehrlicherweise nicht vollends begeistern konnte. Auch die Hauptfigur, die natürlich eine andere, neue Person darstellt, hinterließ bei mir keinen emotionalen Anknüpfungspunkt. Kein Mitbangen, kein echtes Mitfiebern wollte sich einstellen. Vielleicht lag es an der Grundkonstellation der Eheleute Huber, die eine Zwangsehe führten und sich beide nicht sonderlich mochten. So hielt sich das Mitgefühl der Huberin für ihren verstorbenen Gatten in Grenzen, während das ihrer Neugier und ihrem Elan bei den Nachforschungen über den Verbleib der Leiche ihres Mannes keinen Abbruch tat. Sie beweist vielfach unter ihrer groben Schale Herz, aber irgendwie wollte der Funke bei mir nicht überspringen. Auch nicht durch die sich weitverzweigende Leichen- und Mörderjagd. Hier passiert dann irgendwie zuviel auf einmal.

So ganz neue Ufer hat Thomas Raab nicht betreten. Er bleibt auf dem Terrain, in dem er sich auskennt und das er immer besser beherrscht. Der Sprachwitz, die klugen Beobachtungen und die pointiert eingesetzten Meinungen bilden die starken Seiten dieses Buches. Im Spannungsfeld wird zwar eine verworrene Handlung aufgebaut, insgesamt wirkt  es dann aber auf mich harmlos. Ein zweiter Fall von Frau Huber wird zeigen, ob noch mehr „Miss Marple“-Spannung aufkommt. Ansonsten eine Empfehlung für Leser der leichten Krimiunterhaltung. Schmunzeln inclusive!


THOMAS RAAB, „Walter muss weg“, Kiepenheuer & Witsch

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(c)Kiepenheuer & Witsch

 

 

 

 

 

Eine weitere Besprechung zu Thomas Raab:

THOMAS RAAB – Der Metzger

6 Kommentare zu „Thomas Raab – Walter muss weg“

  1. Den ersten Metzger-Krimi mochte ich richtig gern, der Humor war nicht so grell, sondern wirklich gut in die Sprache umgesetzt, und wie Du schon sagtest, das Schwarzhumorige, das hatte was. Irgendwie habe ich dann aber den Anschluss an die Reihe verloren, wie das oft so ist. Und jetzt dachte ich kürzlich noch, dass es ja spannend wäre, wenn da etwas Neues von Thomas Raab kommt, aber als ich dann das Cover sah und den Klappentext las, habe ich gerade angesichts der sowieso viel zu vielen interessanten Neuerscheinungen doch erstmal gezögert. Und aus deiner Besprechung lese ich auch heraus, dass das wohl schon die richtige Entscheidung war. Danke dafür, gibt einen guten Einblick in den Roman! 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. Ja, ja, die Metzger-Krimis. Die hat mir der gute Jochen König auch schon öfters mal schmackhaft machen wollen. Bis heute zögere ich und weiß selbst nicht genau warum. Vielleicht weil die Mischung von Spannung und Komik so oft in die Hose geht? Irgendwann muss ich mir doch mal selbst ein Bild machen.

    Wieder eine schöne Rezension von Dir!
    LG aus der Crime Alley
    Stefan

    Gefällt 1 Person

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