Donald Antrim – Die Hundert Brüder

Wenn hundert Männer an einem Abend zusammentreffen, darf man getrost davon ausgehen, dass es nicht langweilig wird. Der Amerikaner Donald Antrim muß die Sache allerdings auf die Spitze treiben und macht aus hundert Männern hundert Brüder. Sie alle kommen in der ziemlich heruntergekommenen familieneigenen Bibliothek zusammen, um eine wesentliche Frage zu klären: Den Verbleib der Urne ihres Vaters. Ein ungewöhnlicher Roman von einem kreativen Autor der hundert Prozent Unterhaltung bietet!

Zum Auftakt stellt Doug, der Ich-Erzähler, alle seine Brüder namentlich und mit etwaigem Unterscheidungsmerkmal kurz vor. Schon hier wird klar, wer in diesem Buch die Übersicht bewahren möchte, versucht das Unmögliche, denn Überschaubarkeit ist das letzte, was dieser Roman zu bieten hat – und einer inhaltlichen Zusammenfassung verweigert sich dieses Werk gänzlich. Fest steht, dass die „Abendveranstaltung“ einem gewohnten Ablauf folgt, doch kann von geordneten Verhältnissen keine Rede sein: Chaos herrscht. Ein zeitliches Gerüst ist nur zu ahnen (Doug weist mehrmals darauf hin, dass die Angabe der Uhrzeit schnell zu Streitereien führen kann!), denn die Stunden vergehen anscheinend ebenso unkontrolliert, wie das Verhalten der Brüder es ist. Es wird gnadenlos gerempelt und gestossen (wenn es darum geht, an der Bar einen Drink zu ergattern). Anteilnahme und Ignoranz wechseln ständig, es herrscht ein Klima von Gemütlichkeit und Geselligkeit, von Streitlust und Egoismus. Immer wieder bricht das Jagdfieber aus, Szenen mit unglaublicher Gaffermentalität verteilen sich über den ganzen Abend. Unfassbar- das ganze Abbild menschlicher (oder doch nur männlicher?) Verhaltensweisen präsentiert sich in einer sich langsamen auflösenden und von den Männern rücksichtslos genutzten  Bibliothek (dauernd geht etwas kaputt). Völlig undurchschaubar die Struktur der oftmals dunklen und zum Teil unter Wasser stehenden Gänge mit ihren unzähligen Literaturkategorien.

„Manchmal kommt mir unsere rote Bibliothek wie eine Art öde, wilde, zwischenmenschliche Angstzone vor. Gemüter erhitzen sich, und es kommt zu Wutausbrüchen in ernstgemeinten Disputen, die ihre Wurzeln in hundert zufallsbedingten Geschichten, Erniedrigungen, Wiedergutmachungen, Bestrafungen und Höllenqualen haben, wie sie in der Kindheit üblich sind – in all jenen mörderischen und aus Schmerz und Macht geborenen Erregungen, die, im Nachhinein, so unvermeidlich mit kindlichen Phantasien von Männlichkeit verknüpft zu sein scheinen.“

Ähnliches habe ich noch nicht gelesen. Hier ist ein Autor am Werk, der einfach keine Lust auf „normal“ hat. Das ganze Buch ist ein aberwitziges Sammelsurium von Begebenheiten und Anekdoten. Doug schweift in seinen Gedanken immer wieder ab, läßt sich von den Geschehnissen und Gesprächen, die um ihn herum stattfinden, ablenken. Die Vielfalt der Literatur die sich in einer Bibliothek finden läßt, ist in den vielen Charakteren und Themen der Brüder wieder zu finden. Wilde Verfolgungsjagden, die Lust an der körperlichen Auseinandersetzung, alles erinnert irgendwie an eine große Schulhofpause. Wie das alles zu bewerten ist, lässt sich schwer sagen, denn die Abhängigkeit von Doug ist für den Leser alles andere als eine Hilfe für eine objektive Meinungsbildung. Zu unstet seine Gedankenwelt; sein situatives Verhalten völlig unberechenbar und seine Meinungen über die Brüder variieren ständig. Und wenn der älteste Brüder Doug einschätzt, wird diese Ungewissheit nur verstärkt:

„Dies ist eine Familie voller Liebe, Doug. Wir alle lieben einander hier. Dieser ganze Raum ist voller Liebe. Schade, dass du nichts davon spürst, Doug. Du hast keinen Anteil  an dieser Liebe, weil du damit beschäftigt bist, jeden niederzumachen.“

Sprachgewaltig lenkt uns Donald Antrim zwischen alten Möbeln und Männern aller Altersklassen durch einen seltsamen Abend und packt eine gehörige Portion Slapstick obendrauf. Nicht selten wundert man sich, wo man hier hineingeraten ist: Wenn etwa einer der Brüder – von Berufswegen Tropenbotaniker und offensichtlich unter Einfluß berauschender Pflanzen stehend – in einem nicht enden wollenden Parcour durch den Raum torkelt und stolpert, um am Ende bewusstlos auf dem Boden liegen zu bleiben.  Dass der zu Hilfe eilende einzige Arzt unter den Brüdern schließlich ebenfalls verletzt auf dem Boden landet (später von Doug seiner Medikamente und Materialien beraubt wird), verdeutlicht die aberwitzige Form des Humors, der diesem Roman eigen ist.

Die Fülle der unzähligen Ideen und Einfälle die Antrim in Form  vieler kleiner Begebenheiten einfliessen lässt, gleicht  einem literarischen Feuerwerk. Überragend ist seine Technik der kurzen Unterbrechung, so schafft er es ein vielfältiges, fantasiereiches Buch  vorzulegen, dass vor Geschichten und Fakten nur so strotzt. Auf Kapitelunterteilung oder Abschnitte wird verzichtet. Das Buch kann man nur in einem Atemzug lesen, bis es plötzlich endet, man stutzt und sich etwas merkwürdig fühlt, weil der intensive Input mit einem mal versiegt ist. Eine Leere tut sich auf und so langsam versteht man die großartige literarische Leistung die Antrim geschaffen hat.

Vielleicht ist dieser Roman nur ein aberwitziger Traum – ein Schelmenstreich des Autors – aber ein unglaublich gelungener. „Die Hundert Brüder“ ist ein kleines, geniales Meisterwerk mit dem man den eigenen Kopf gleichzeitig mit ungewohnter Materie fordert und auf eine völlig verquere und höchst amüsante Weise entspannt bekommt.


DONALD ANTRIM, „Die Hundert Brüder“, Rowohlt TB Verlag

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